
„zenzl“ mühsam – geboren am 27.juli 1884 – auch so ein jahrhundertschicksal, bei dem einem das messer in der tasche aufgehen kann
kreszentia elfinger wird mit 16 jahren dienstmädchen, dann näherin in münchen, bringt mit 18 einen unehelichen sohn zur welt, zieht mit 24 mit dem maler ludwig engler zusammen, lernt mit 28 den jüdischen anarchisten, schriftsteller und berufsrevolutionär erich mühsam kennen, dessen politische ansichten sie teilt und heiratet ihn mit 31: „von außen waren sie so verschieden wie überhaupt möglich: sie durch und durch land und freier himmel, er die großstadt mit ästhetik und bücherlust. und dennoch passten sie zusammen, bildeten ein seltenes beispiel der kameradschaft. ihr geist war ebenso revolutionär wie seiner. aus der küche warf sie wie helle funken ihre bemerkungen in die diskussion, deren teilnehmer waren revolutionäre künstler, revolutionäre arbeiter, dieser und jener aufrührerische soldat. unbewusst hatten sie um sich herum eine welt geschaffen, in der man die luft einer neuen zeit schon atmete.“ (martin andersen nexö)
zenzl mühsam steht mit erich 1918 auf den barrikaden gegen den krieg und für die revolution, sie ist dabei, als er und seine freunde die rätererepublik ausrufen, wird nach deren niederschlagung wie ihr mann verhaftet, kommt wieder frei und kämpft, als erich zu 15 jahren festungshaft verurteilt wird, unermüdlich für eine amnestie aller politischen gefangenen – mit spenden- und hilfsaktionen, in aufrufen, in artikeln, in reden und in zahllosen briefen, sogar an lenin (der nicht antwortet), den sie genauso verehrt wie kropotkin, lunatscharski und die sowjetische staatsform. zenzl lässt aus dem gefängnis geschmuggelte manuskripte ihres mannes durch vertraute nach moskau bringen, darunter seine gedichte mit der alles sagenden widmung: „dem treuesten kameraden, dem tapfersten kampfgenossen, der gefährtin in glück und not – meiner zenzl zugeeignet.“
1923 flieht zenzl nach berlin, weil die lage für sie in münchen immer gefährlicher wird und macht auch hier in versammlungen auf die inhaftierten revolutionäre aufmerksam. im dezember 1924 kommt erich mühsam infolge einer amnestie frei und folgt ihr in seine heimatstadt, wo ihn wilhelm pieck und die „rote hilfe“ am bahnhof begrüßen. die mühsams sammeln schnell wieder die linksoppositionelle kreise um sich, agitieren weiter und es ist kein allzu großes wunder, dass erich kurz nach der machtübergabe an hitler erneut verhaftet und bekanntlich am 9./10. juli 1934 im kz oranienburg ermordet wird.
seiner tapferen witwe gelingt es noch, erichs werke in der nachbarschaft zu verstecken und die freigabe seiner leiche zu erreichen. doch am tag der beerdigung wird sie gewarnt, dass die gestapo auch sie verhaften wolle. während ihr mann begraben wird, sitzt zenzl im zug nach dresden und flieht anschließend illegal über die grenze nach prag. dort schreibt sie ihre broschüre „der leidensweg des erich mühsam“, prangert in ihr auch die mangelnde unterstützung durch linke freunde während seiner haft an, und findet mit mühe einen verleger. im september schmuggeln freunde den nachlass mühsams im diplomatengepäck zu ihr nach prag. ihr einziges ziel ist nun, den zu retten und publik zu machen. doch ihre situation ist prekär. die deutschen haben ihr die staatsbürgerschaft aberkannt. sie leidet an depressionen. bekannte warnen sie vor der hilfe der kommunisten. doch da ihr die sowjets und auch kpd-chef pieck hoch und heilig versprechen, mühsams werk zu veröffentlichen, und sie auch keine andere wahl mehr hat, fährt sie im august 1935 nach moskau.
dass man dort nur scharf auf mühsams tagebuchaufzeichnungen und korrespondenzen ist, um die vielen darin enthaltenen brisanten details über diverse kommunistische funktionäre gegen unliebsam gewordene oder noch werdende parteigenossen zu benutzen, kann zenzl mühsam nicht wissen. sie hält vorträge über die gräuel in deutschland, trifft alte genossen aus der münchner zeit wieder, und ist glücklich, als im februar 1936 endlich der nachlass ihres mannes in moskau ankommt.
zwei monate später stehen die towarischtschi vom nkwd vor ihrer tür, verhaften zenzl, sperren sie in erst in die lubjanka, dann in die festung butryka, werfen ihr „konterrevolutionäre trotzkistische aktivitäten“ vor und misshandeln sie. im juni erkundigt sich andré gide in moskau nach ihrem verbleib, und wird mit falschen auskünften abgespeist. im oktober wird zenzl auf grund der vielen internationalen proteste, die u.a. rudolf rocker in den usa organsiert hat, aus der u-haft entlassen, darf sich aber nicht mehr in moskau oder leningrad aufhalten und wird überwacht.
doch das ist nur der anfang. im sommer 1938 beantragt zenzl ein ausreise-visum nach amerika. im september wird die unschuldige frau erneut verhaftet und im november wegen „missbrauch des gastrechts“ und „konterrevolutionärer agitation“ (u.a. dank denunziation von herbert wehner) zu acht jahren arbeitslager verurteilt. diese jahre verbringt sie mit dem nähen von uniformen in den straflagern nr. XV in potma und nr. III in jawas. nach „abbüßung“ ihrer strafe im november 1946 aus dem gulag entlassen, schickt man sie in die verbannung nach sibirien. im märz 1947 wird zenzl verwahrlost, verlaust und obdachslos in der nähe von nowosibirsk von jemanden erkannt und von einem eisenbahner nach moskau ins hotel lux gebracht. dort wartet die illegale, ausgezehrte, kranke zenzl mit anderen deutschen exilanten auf die erlaubnis, nach deutschland zurück zu dürfen. ost-berlin wird jedoch durch einen verbindungsmann, der an walter ulbricht schreibt und durch eine ehemalige kpd-reichstagsabgeordneten vor zenzl gewarnt. die werde im fall einer rückkehr wohl „über das, was sie gesehen und gehört, nicht schweigen“ und würde ihre verhaftung „als ungeheuerliche beleidigung ihres mannes auffassen“.
zenzls anwesenheit im hotel lux wird denunziert, sie erhält moskau-verbot und wird in ein 200 km entferntes kinderheim geschickt, wo man sie für die wäscheausgabe einteilt. in der selben zeit – aus anlass erich mühsams 70. geburtstag – fragt der berliner „sozialdemokrat“ bei der redaktion des „neuen deutschland“ an: „wo ist zenzl mühsam?“, nachdem man dort einen leserbrief mit derselben frage offenbar hatte verschwinden lassen. das „nd“ leugnet, wirft den fragenden vor, nur gegen die sowjetunion hetzen zu wollen und druckt stattdessen einen brief ab, den zenzl angeblich aus moskau geschrieben hat, und in dem sie sich dafür bedankt, dass man ihres mannes gedenkt. die gegenseite verlangt den brief zu sehen und bekommt ihn natürlich nicht, denn zenzl sitzt in iwanowka, sortiert kinderwäsche und ahnt nichts davon, dass sie wieder einmal benutzt wird. dafür wird sie 1949 zum dritten mal verhaftet und nun auf „ewig“ in das omsker gebiet verbannt.
1953 stirbt josef stalin. 1955, zenzl ist mittlerweile 71 jahre alt, darf sie nach einer beinahe 20-jährigen leidenszeit in die ddr ausreisen. kein happy end. johannes r. becher, frischgebackener kulturminister, der einst – wie schon die nazis – suggeriert hatte, mühsam habe sich selbst erhängt und gleichzeitig beteuerte: „… wir werden alle rächen, erich, auch dich, auch dich!“, hat nun nichts besseres zu tun, als die von zenzl geretteten manuskripte seines abweichlerkollegen im panzerschrank des zk verschwinden zu lassen (der hatte es vielleicht schon 1925 geahnt: „war wohl je ein dichter frecher als der dichter j. r. becher?“). die partei-führung misstraut ihrem toten mann, und sie misstraut zenzl, auch wenn man ihr öffentlich alle möglichen orden umhängt. sie wird bis zum ende ihres lebens überwacht, sie soll eine schweigeverpflichtung unterschreiben und sie soll sich als spitzel betätigen, was sie entrüstet ablehnt. all ihre anstrengungen um eine komplette veröffentlichung der schriften erich mühsams laufen ins leere. sie erlebt nur noch das erscheinen einer kleinen gedichtauswahl. kreszentia mühsam stirbt 1962, wird auf dem sozialistenfriedhof friedrichsfelde beerdigt und 1992 zu ihrem mann auf den waldfriedhof dahlem umgebettet.
sei sie nicht vergessen und nicht die, die ihr all das – in allen systemen – angetan haben!
