
horst rosenthal 🎂 19.8.1915 – hat den prototyp des „holocaustcomics“ geschaffen, bevor er mit 27 jahren ermordet wurde
über den künstler selbst ist wenig bekannt. es gibt nicht einmal ein foto von horst rosenthal. 1933, flieht er mit 18 jahren aus seiner geburtsstadt breslau nach paris (sein vater lebte da schon nicht mehr, seine mutter wurde später nach lettland deportiert und ermordet, wie aller wahrscheinlichkeit nach auch seine beiden brüder). wie aus den wenigen erhaltenen dokumenten hervorgeht, gibt er seine beruf als zeichner an, ist 1,70 groß, hat braune haare und augen, sein linker arm ist gelähmt und sein leben in frankreich von einem andauernden kampf um eine aufenthaltsgenehmigung bzw. deren verlängerung bestimmt. nach dem einmarsch der deutschen wird er im september 1939 als „unerwünschter ausländer“ interniert und durchläuft, bevor er im oktober 1940 schließlich im völlig überfüllten camp gurs ankommt, sechs verschiedenene lager.
1942 entstehen die drei kaum zigarettenschachtel-großen, französisch verfassten illustrierten heftchen, die die schweizer rotkreuz-schwester elisabeth kasser bzw. die brüder max und leo ansbacher über den krieg gerettet haben: „mickey au camp de gurs“, „la journée d’un hébergé“ (ein tag im leben eines insassen) und „petit guide à travers le camp de gurs“ (ein kleiner führer durch das lager).
im ersten und bekanntesten heft spielt also schon jahrzehnte vor art spiegelmans berühmter graphic novel eine maus die hauptrolle. die damals bereits sehr beliebte mickey maus („veröffentlicht ohne genehmigung von walt disney“ steht ironisch auf das titelblatt), landet in gurs, weil sie bei einer polizeikontrolle ohne papiere angetroffen wird: „plötzlich… hielt mich ein gendarm an. – *!!!^*???ö!!! sagte er. – es war baskisch! da ich diese sprache nicht verstehe, sagte ich nichts. – krrangihhwomt kwaxperrdion, sagte der gendarm. – dieses mal war es bearnais [ein pyrenäendialekt]. da ich weiterhin schwieg, wurde der gendarm wütend: hurensohn, deine papiere!!! – meine papiere!?? ich hatte noch nie papiere. ich, keine papiere! ich, international! – ah, sie sind ausländer? auf, zur wache! und so bin ich nach gurs gekommen!!!“
auf den anderen der 16 seiten setzt rosenthal den lageralltag in kleinen einzelszenen ähnlich satirisch-sarkastisch ins wort und bild:
zb. die verhöre („ihr name? – fragte der kopf. – mickey. – der name ihres vaters? – walt disney. – der name ihrer mutter? – meine mutter? ich habe keine mutter! – wie bitte? sie haben keine mutter? sie, sie machen sich über mich lustig! – nein, wirklich, ich habe keine mutter!! – ohne witz! ich kannte typen, die keine väter hatten, aber keine mütter … nun, machen wir weiter. – sind sie jude? – wie bitte? – ich frage, ob sie jude sind!! – zu meiner schande war ich in dieser angelegenheit völlig ahnungslos. welche nationalität? – ähm … ich wurde in amerika geboren, aber ich bin international! – international! international!! sie sind also kommu… und mit einer schrecklichen grimasse tauchte der kopf wieder in seinen stapel papiere ab.“).
zb. die zensur („mir ist es gelungen, den mann zu entdecken, der die meisten briefe erhält. es ist monsieur zensur. er erhält sogar briefe, die nicht für ihn sind. und er liest sie trotzdem … und wenn er eine passage nicht mag, schneidet er sie raus, bevor er den brief verkauft.“)
weiter geht es mit den den winzigen essenrationen (mickey maus sucht das brot mit der lupe), den fürchterlichen hygienischen bedingungen … und das letzte blatt handelt von mickeys subversiver „flucht“: „also wirklich, die luft der pyrenäen bekam mir ganz und gar nicht mehr. und da ich nur ein cartoon bin, habe ich mich mit einem radiergummi ausradiert … und … hop …!! die gendarmen können mich jederzeit suchen kommen, im land von f… [freiheit], g… [gleichheit] und b… [brüderlichkeit]? (ich spreche von amerika!)“.
anders als seine cartoon-figur kann sich horst rosenthal nicht in luft auflösen und ins land der freiheit entschwinden. am 11. september 1942 geht sein transport vom durchgangslager drancy nach auschwitz ab. horst rosenthal wird vermutlich schon kurz nach der ankunft wegen seines gelähmten armes und somit „arbeitsunfähig“ ermordet.
