#Dissident

da schau her, der begriff „dissident“ wurde in polen geprägt und am 28. januar 1573 zum ersten mal verwendet, als der polnische sejm die warschauer konföderation (pax dissidentium) verabschiedet hat. sie sollte die religionsfreiheit im ganzen land garantieren. „dissident“ meinte ursprünglich jemanden, der einem anderen als dem dominierenden katholischen glauben angehörte, bezog sich außer auf die christlich-orthodoxen und protestanten auf armenier, tateren, juden und karaiten türkischer herkunft im land. damit war es auch das weltweit erste schutzgesetz für juden. das toleranzedikt war ein akt politischer vernunft, sicherte den andersgläubigen bürgerrechte und die politische gleichstellung zu, rettete den inneren frieden in der I. republik, und war einzigartig in einer zeit, in der in ganz europa religionskriege tobten und minoritäten verfolgt wurden (bartholomäusnacht usw.), von denen einige in der folge auch nach polen-litauen flohen und sich dort niederließen (was heute leider nicht mehr anzuraten ist).

die bedeutung von „dissident“ verschob sich erst später, mehrfach. im 17. jahrhundert gelangte der „dissident“ nach england und meinte protestanten, die nicht bereit waren, sich der anglikanischen kirche zu unterwerfen. im 18. jahrhundert wurde der „dissident“ zu einer person, die von niemanden anerkannt wurde. im 19. jahrhundert bürgerte sich der begriff für menschen ein, die gar keiner religionsgemeinschaft angehörten, ausgetreten waren oder freikirchler waren. in deutschland wird er vom preußischen staat erstmals 1845 in einer kabinettsorder zur deutschkatholischen protestbewegung genannt. später verschiebt sich der begriff allmählich aus dem religiösen bereich heraus. anfang des 20. jahrhunderts waren damit auch vertreter aufklärerischer lehren gemeint (freund mit seiner psychanalyse als dissident der etablierten psychatrie zb.) und liebknecht verknüpft ihn politisch (er propagiert den kirchenaustritt als politischen akt). 1936 verfügt das reichsinnenmisterium die abschaffung des begriffs im öffentlichen schriftverkehr (trotzdem taucht er vereinzelt in personalbögen von juden auf, die aus der jüdischen gemeinde ausgetreten waren). der dissident, wie wir ihn heute verstehen, als jemanden, der sich in diktaturen und totalitären staaten dem politischem system öffentlich entgegenstellt, kam erst in den späten 1960er jahren auf, siehe sinjawski, sacharow, havel usw. in dieser bedeutung eingeführt wurde der „dissident“ aber nicht von ihnen selbst oder den sozialistischen regimen, sondern von amerikanischen journalisten, die über die oppositionellen bürgerrechtler hinterm eisernem vorhang berichteten…

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