Kopflos

in alten englischen fotosammlungen schwirren unendlich viele geister und leute ohne kopf herum. „schuld“ ist der schwedische vater der kunstfotografie oskar rejlander (ca 1813–18.1.1895) und die faszination der viktorianischen gesellschaft für den tod. das fotografieren selbst war damals bekanntlich ein langwieriges abenteuer und photoshop gab’s auch noch nicht. rejlander betrieb ein portraitstudio in london. hier begann er mit der fotografie zu experimentieren und erfand 1853 das „combination printing“. er puzzelte zwei oder mehrere negative bzw. ausgeschnittene teile davon so zusammen, dass das endprodukt aussah wie ein foto (für sein meisterwerk „the two ways of life, eine fotomontage aus 32 bildern brauchte er sechs wochen). mit seinen retuschen, fotomontagen und -manipulationen hatte rejlander die grundlage für die trickfotografie geschaffen, die schnell von anderen übernommen wurde. aber warum nun ausgerechnet so viele kopflose? tatsächlich waren die menschen des viktorianischen zeitalters vom tod besessen, er war noch nicht tabuisiert. es gab noch keine moderne medizin, die menschen starben früher als heute, der tod war ständig präsent, zwar erschreckender, aber fester bestandteil des lebens und war von zahllosen ritualen umgeben. man umgab sich mit den verstorbenen, sie wurden aufgebahrt, man stellte sie sich als engel vor, die unsichtbar ihre verwandten umschwirren, man diskutierte das thema scheintod und veranstaltete spiritistische sitzungen. man zimmerte sich eine sentimentale zweite welt zwischen himmel und erde, in der man nicht mehr starb, sondern „entschlummerte“. insofern kein wunder, dass der „schöne tod“, die todesverklärung auch von fotografen aufgenommen wurde. es gibt viele heute etwas makaber wirkende fotos aus der zeit, auf denen sich leute zur erinnerung zusammen mit einem gerade verstorbenen familienmitglied haben ablichten lassen, oder – und da kommt die fotomontage ins spiel – mit den „geistern“ verstorbener, die sich im hintergrund abzeichnen oder, passend zu den skurrilen inselbewohnern, eben kopflos.

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