Rosenfelders Taschentücher

wer papiertaschentücher meint, sagt hierzulande meist einfach „tempo“. am 29. januar 1929 haben oskar, emil und karl rosenfelder ihre erfindung als warenzeichen beim reichspatentamt angemeldet.

die söhne des bamberger hopfenhändlers isaak rosenfelder und seiner frau adelheid hatten schon 1902 die „bamberger closetpapierfabrik“ gegründet und nach deren verkauf die „vereinigten papierwerke heroldsberg“, deren verwaltungssitz sich in nürnberg befand, wo die brüder dann auch lebten. das einweg-papiertaschentuch aus zellstoff, das oskars idee war und der name „tempo“ entsprachen dem zeitgeist und wurden ebenso wie die camelia-damenbinden aus dem hause rosenfelder schnell zum erfolg…
im juli 1933 musste oskar rosenfelder beim ortsgruppenleiter der nsdap, lorenz goldfuß, antreten. der behauptete, er hätte kantinengelder unterschlagen und ließ ihn dazu von zehn bewaffneten SA-männer bedrohen. dem so bedrängten rosenfelder blieb nicht anderes, als die von goldfuß geforderten 12000 reichsmark von der bank zu holen. dann ließ man ihn gehen. aber kurz darauf begann julius streicher in seinem „stürmer“ eine hetzkampagne gegen die  „camelia-brüder“. knapp vor der geplanten verhaftung gelang es den rosenfelders dank des winks eines mitarbeiters im august 1933 nach england zu fliehen. die staatsanwaltschaft nürnberg eröffnete indes ein verfahren wegen angeblichen devisenvergehens, das mit der  beschlagnahmung des vermögens der rosenfelders endete. dann befahl streichers stellvertreter karl holz die „arisierung“ des unternehmens. die nsdap schanzte dem fürther unternehmer, nsdap-stadtrat und gründer des versandhauses „quelle“, gustav schickedanz (nsdap-mitglied seit 1932), einen teil des aktienpaket weit unter wert zu und der bedankte sich bei seiner partei mit einer spende von 20000 reichsmark. 1935 erwarb er noch die restlichen anteile an dem unternehmen und sicherte sich die markenrechte. nach dem krieg wurde herr schickedanz, der noch mindestens zehn weitere jüdische firmen zu spottpreisen übernommen hatte (sieben der mehr als neun millionen mark seines vermögens stammten aus jüdischem besitz), als mitläufer eingestuft und blieb nahezu unbehelligt.
wenn ihr das nächste mal ins „tempo“ schneuzt, denkt einen moment an oskar und seine brüder.

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