Der Säulenheilige von Berlin

ernst theodor amandus litfaß (*11.2.1816) war „der könig der reklame“ und im volksmund „der säulenheilige“ von berlin. aber eigentlich hatte der sproß einer assimilierten, monarchietreuen jüdischen familie schauspieler werden wollen. er lernte buchhändler, gründete dann aber ein theater, das „lätitia“ am weinbegsweg, schrieb gedichte und stieg erst nach dem tod des stiefvaters (sein leiblicher vater war kurz nach ernsts geburt gestorben) in das druck- und verlagshaus der familie ein. mit bilderbogen, reisebüchern und theaterzetteln verdiente das unternehmen recht gut. in der 1848er revolution gab litfaß zudem liberale schriften und das satireblatt „berliner krakehler“ heraus. als die revolution scheiterte, wurde aber auch ihm das hemd wieder lieber als die hose, er kehrte zurück in die reihen der königstreuen und kümmerte sich fortan um das gedeihen seiner firma. das auf innovativste weise: litfaß führte schnellpressen und den buntdruck ein und präsentierte auf der industrieausstellung ein 6×10-meter-plakat, mithin das größte, das man in deutschen landen je gesehen hatte.
endgültig führend in der jungen werbebranche wurde litfaß, als er 1851 mit dem „tages-telegraph“ das erste berliner stadtmagazin herauszugeben begann – quasi den urgroßvater von „tipp“ und zitty“.
zeit für sein meisterstück: in berlin wurde damals, wie in anderen städten auch, nach lust und laune plakatiert. überall an wänden, zäunen, bäumen klebten anzeigen und plakate neben und übereinander oder flogen durch die gegend und vermehrten den straßenmüll. anzunehmen ist, dass litfaß bei seinen ausgedehnten reisen in paris und london gesehen hatte, dass dort bereits auch die runden öffentlichen pissoirs als anschlagflächen dienten. möglicherweise inspiriert davon, wollte er an markanten stellen in berlin ebenfalls spezielle „annoncir-säulen“ aufstellen. 1854 legte er dem berliner polizeipräsidenten von hinckeldey seinen plan vor und erhielt prompt eine alleinlizenz dafür, 150 „annoncir-säulen“ aufzubauen und zu vermarkten sowie 50 brunnen und 30 pissoirs mit einem hölzernen sichtschutz zu ummanteln – „zwecks unentgeltlicher aufnahme der plakate öffentlicher behörden sowie gewerbsmäßiger veröffentlichung von privatanzeigen“. für litfaß ein riesengeschäft und auch der polizeipräsident hoffte, zwei fliegen mit einer klappe zu schlagen: er würde den hässlichen wildwuchs in der stadt los werden und nun war es litfaß, der kontrollieren musste, dass aushänge in berlin keine regierungskritischen aussagen mehr enthielten.
die erste anschlagsäule, entworfen mit hilfe des architekten gethmann, war 2,70 meter hoch und litfaß ließ sie probehalber am 15. april 1855 an der ecke münz-/grenadierstraße (jetzt almstadtstraße) aufstellen; hier erinnert heute eine bronzene litfaßsäule an das ereignis. am 1. juli wurden dann alle säulen öffentlich eingeweiht. litfaß hatte im vorfeld mächtig die werbetrommel gerührt und die berliner kamen in scharen, um den neuen werbeträger zu bestaunen und die „annoncir polka“ zu hören, die litfaß zu diesem anlaß eigens hatte komponieren lassen.
litfaß gab standards vor – also feste preise, größen, formate und rabatte – und stellte einen „anschlag-inspektor“ ein, der jeden morgen alle säulen zu kontrollieren hatte. mit dem monopol auf die plakatwerbung in ganz berlin war er endgültig ein gemachter mann.
für seinen königstreuen patriotismus ohnehin schon hochdekoriert, erhielt ernst litfaß dann auch noch 1866 und 1870/71 die exklusivrechte zur erstveröffentlichung aller kriegs- und siegesnachrichten. zwischen den beiden kriegen setzte er einen weiteren meilenstein: für den auftritt siamesischer zwillinge im zirkus renz druckte litfaß 1869 das erste plakat der berliner geschichte in farbe.
privat hatte er weniger glück. er verlor fünf seiner enkel, einen schwiegersohn und seine frau, die gastwirtstochter alexandrine wersig, bevor er selbst 1874 mit 58 jahren überraschend starb.
heute stehen noch 3000 litfaßsäulen in berlin. 

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