Kara Ben Nemsi in Auschwitz


Von der Sehnsucht, ein Opfer zu sein.
„Wir leben in einer traumageilen Gesellschaft“, befand der Psychiater Hans Stoffels, als er mit anderen Experten auf einer Konferenz des MMZ über falsche Erinnerungen und Selbstviktimisierungen diskutierte. Warum brennt sich eine Rollstuhlfahrerin ein Hakenkreuz in die Wange? Warum (über)identifiziert sich ein Norman Finkelstein mit der Opferrolle seiner Eltern und tritt als deren Rächer auf? Warum will jemand Opfer sein? Um Mitleid zu horten, um nicht schuldig zu sein, um auf der richtigen Seite zu stehen… Gründe gibt es genug, auch jüdischerseits. Namensgebend für die Tagung „Das Wilkomirski-Syndrom“ war jedoch der Fall des Schweizer Christen Bruno Dössekker, der jahrelang als polnischer Jude und Überlebender Binjamin Wilkomirski aufgetreten war. Anwesend war auch der Journalist Daniel Ganzfried, der – Dössekker genüßlich demontierend – berichtete, wie er dessen Buch „Bruchstücke“, seine Kindheitserinnerungen an Auschwitz und Maidanek 1998 als pure Erfindung entlarvt hatte. Während Ganzfried als Motiv vor allem Profitgier sah, steht ‚Wilkomirski‘ für Julius Schoeps in einer Reihe mit all den „Nicht- und eingebildeten Juden“, die – siehe Holocaust-Mahnmal – die Gedenkkultur-Debatte gepachtet hätten, um ihre eigenen Probleme daran abzuarbeiten und „die besseren Menschen in einer schlechten Welt“ zu sein. Komplexer ging der Schweizer Historiker Stefan Mächler an ‚Wilkomirski‘ heran. Er verstand ihn und seinen allmählichen Identitätswandel als Produkt einer traumatischen Kindheit, die allerdings nicht im KZ stattfand. Als uneheliches, herumgestoßenes Heim- und späteres Adoptivkind sei er, um Aufmerksamkeit und Mitgefühl werbend schon in der Schule in Phantasien und simulierte Krankheiten geflüchtet. Irgendwann kommt ihm die Idee, er sei als Kind vertauscht worden. Er ‚findet‘ zusammen mit einem befreundeten israelischen Psychiater in Polen seine Wurzeln und den dazugehörigen Namen. Später wirkt er in einem Film der Israelin Lea Balint mit, die Anfang der 90er Jahre anfing, in Polen Kinder ohne Identität zu suchen. Prompt meint ein Mann in Bruno den totgeglaubten Sohn zu erkennen, eine Frau den Spielkameraden von einst – ‚Wilkomirski‘ erfährt eine Liebe und Zuwendung, die er nie zuvor erlebt hat. Durch die Empathie und Ermunterung seiner Umgebung werden seine Opferphantasien immer radikaler. Zuletzt verschmilzt er fast mit dem unschuldigen Kind Binjamin – wie einst Karl May, der dem Publikum unter Tränen den Tod ‚seines Freundes Winnetou‘ schilderte und wohl selbst glaubte, daß er Kara Ben Nemsi und in Kurdistan gewesen sei.
Aber ist nur ‚Wilkomirski‘ schuld? Haben seine Partner nicht erheblichen Anteil an diesem „Lehrstück aus dem Holocaust-Zirkus“, wie Ganzfried es nennt? Zunächst ermuntert ihn eine Therapeutin, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Das Buch, das 1995 dann als Autobiographie und eben nicht als Roman erscheint, ist Resultat einer zweijährigen Analyse bei ihr, die sicher ist, dass ‚Wilkomirski‘ echt ist. Denn der verhält sich, wie erwartet. Die passenden Details kennt er aus der Literatur. Er hat tausende Bücher und Akten über den Holocaust durchforstet und serviert einen Extrakt aus den Erinnerungen aller Überlebender. Auf diese Weise können auch die Experten, die ihm glauben – von Wolfgang Benz bis Saul Friedländer –, bei ‚Wilkomirski‘ den Beleg für die Theorien lesen, die sie sich selbst ausgedacht haben.
Zuvor hatten jedoch bereits Agenten, Lektoren, vor allem der Jüdische Verlag bei Suhrkamp unverantwortlich gehandelt. Letzterer war mehrfach gewarnt und auf Unstimmigkeiten hingewiesen worden, die er – so die Referenten unisono – alle ignoriert habe, um sich das Geschäft nicht entgehen zu lassen und obwohl die ‚harten‘ Fakten anhand von Standesamtseinträgen überprüf- und widerlegbar waren. Aber wie im Märchen von des Kleiders neuen Kleidern hat man wohl nur gesehen, was man sehen sollte und wollte.
‚Wilkomirskis‘ Buch wird, bevor er auffliegt, in neun Sprachen übersetzt, in zwei Filmen verwurstet, mit Werken von Primo Levi bis Claude Lanzmann verglichen und mit Preisen – meist jüdischen – überschüttet. ‚Wilkomirski‘ avanciert zum Medienstar und Fachmann für Kinder-Überlebende, der Vorträge vor Psychologen zu Fragen der Erinnerung hält. Und wie bei Finkelstein, „bei dem das deutsche Publikum genießt“, so Julius Schoeps, „dass ein Jude ausspricht, was man schon immer gewußt hat“, hätten sich auch hier „Autor und Publikum gesucht und gefunden“. Denn ‚Wilkomirski‘ bietet genug Projektionsfläche für eine Opfer-Identifizierung als auch für „subtile Abwehr“, wie Stefan Mächler meint.
Ungeachtet dessen ist der Zwiespalt, in dem die Beurteiler des Buches steckten, nachvollziehbar. Welch ein Fressen für Holocaust-Leugner, wenn sich eine solche (sowieso) unwahrscheinlich klingende Geschichte als tatsächlich nicht wahr erweist. Welch ein Desaster für den Beurteiler, eine solche Vergangenheit bezweifelt zu haben, wenn sie sich doch als wahr herausstellt. Und welch ein Schlag ins Gesicht des Autobiographen. Kein Wunder, dass es Überlebende waren, die ‚Wilkomirski‘ am heftigsten verteidigten, haben doch viele von ihnen in der Tat unglaubliches erlebt und ebenfalls keine vollständigen Erinnerungen und Beweise dafür. Insofern hat
‚Wilkomirski‘ sogar etwas Gutes vollbracht: die Problematik der Kinder-Überlebenden ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt.
Daß sich jemand fremde Leiden aneignet, ist kein Einzelfall – besonders in Deutschland nicht, wo es zunächst eine „Massenidentifikation“ mit den Schoa-Opfern gab, wie Sander Gilman meint. Seine „Typologie eingebildeter Juden“ vereint getarnte Ex-Nazis, Leute, die in einer Art „sexuellen Aktion Sühnezeichen“ Juden heiraten und solche, die sich mit Juden identifizieren, um Opfer sein zu können, um sich eines jeglicher Antisemitismusvorwurfs oder einer Identität als Täterkind zu entledigen (Henryk Broder wusste von gleich drei Jerusalemer Rabbinern, deren Väter in der SS waren).
Oft geht es jedoch nicht allein um Einbildung, sondern um handfesten Betrug und darum, dass andere davon wissen, aber schweigen. Schon einmal fiel Suhrkamps Jüdischer Verlag unrühmlich auf, als er unerwähnt ließ, daß die als Werk des bekannten deutschen Autoren Wolfgang Koeppen 1992 verlegten „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ nicht von diesem, sondern von dem 1950 gestorbenen Juden Jakob Littner stammten. In einem anderen Fall war es die Verbandsleitung der DDR-Gemeinden, die wusste, dass die langjährige Vorsitzende der Hallenser Gemeinde nicht jüdisch, dafür aber Tochter eines SS-Mannes war. Als verdientes SED-Mitglied konnte sie in selbstkreierter Rabbinerrobe Gottesdienste leiten und sogar ihre Eltern im Ehrenhain des jüdischen Friedhofs begraben lassen.
Wie wacklig die Rollenzuschreibungen sind, illustrierte unfreiwillig der Soziologe Michael Bodemann. Sein Fallbeispiel ‚Ernst Müller‘ war auch in der Jüdischen Gemeinde bekannt. Mitarbeiterinnen hatten ihn besucht und für finanzielle Hilfe gesorgt, als er wegen Hochstaplerei in Plötzensee einsaß. Denn Müller hatte zweifellos alle ‚Krenks‘ dieser Welt. Ob er auch jüdisch und im KZ war, darüber wurde man sich trotz der Nummer auf seinem Arm nie einig. Immerhin kam er nach der Entlassung in psychiatrische Behandlung, erhielt eine Entschädigungsrente und renommierte Institutionen vom Haus der Wannseekonferenz bis zum Mendelssohn Zentrum bedienten sich seiner als Zeitzeuge, bis er 1998 starb. Bodemann behauptete nun, ohne dies allerdings zu beweisen, Müller sei „nie als Jude in Auschwitz“ gewesen (höchstens auf der anderen Seite der Rampe), sondern „ein Gemeinschaftsprojekt derer, die ihn gemacht haben“. Golem Müller? Ähnlich wie die ‚Wilkomirski‘-Fans seinerzeit Ganzfried beschimpft hatten, wurde nun Bodemann von den ‚Müller-Machern‘ torpediert. Er hätte schlecht recherchiert, denn Müller, der gar nicht Müller hieß, habe zwar permanent Märchen erzählt und Leute betrogen, aber seine KZ-Odyssee sei inzwischen von A bis Z nachgewiesen. Wer auch immer Ernst Müller wirklich war, bleibt fraglich, ob es zur Klärung solcher Phänomene beiträgt, wenn man sie – wie Bodemann – als Posse präsentiert. Das Auditorium jedenfalls lachte herzlich… und war auch hier wieder auf der richtigen Seite.
‚Wilkomirski‘ & Co. werfen Zwielichter auf eine Gedenk- und Medienkultur, die den Holocaust zur unantastbaren, heiligen Kuh erhebt, die ihn instrumentalisiert und kommerzialisiert. Eine Gedenkkultur, die Opfer nach dem Ausmaß ihrer Leiden hierarchisiert, zugleich aber unbesehen alles kauft und verkauft, wo ‚jüdisch‘ drauf steht. Eine Gedenkkultur, die es also ermöglicht, Scharlatane in Helden zu verwandeln, mit denen es sich zudem wunderbar identifizieren läßt, so dass sich jeder ruhigen Gewissens die fremden Wunden lecken kann, ohne über eigene Mängel oder familiäre Verstrickungen nachdenken zu müssen.

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