Copy and past

ein schönes, wenn auch gruslig übersetztes poem, das in regelmäßigen abständen die sozialen netzwerke flutet. zugeschrieben wurde es hier erst einem anonymous, nun copy pastig auf allen kanälen dem brasilianer mário de andrade (der letzte satz andernorts auch gern konfuzius). ich habe das original und infos über den autor gesucht, weil ich mich u.a. gefragt hab, was ein 1945 gestorbener dichter in doch wohl eher neuzeitlichen „endlosen konferenzen“ zu suchen hatte, und bin stutzig geworden, weil nur irgendwelche blogs, aber keine einzige ernst zu nehmende webseite de andrade tatsächlich als autor ausweist. was ich stattdessen gefunden habe, ist eine erklärung des 1954 geborenen, ebenfalls brasilianischen autoren und theologen ricardo gondim von 2009ff, dass die verse von ihm stammen, mit isbn-nr seines gedichtbandes usw. zu dem passt wenigstens auch der geistiggeistliche grundton. also ehre, wem ehre gebührt!

Meine Seele hat es eilig

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, 
dass ich weniger Zeit habe, zu leben, 
als ich bisher gelebt habe.
Ich fühle mich wie dieses Kind, 
das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: 
die ersten isst es mit Vergnügen, aber als es merkt, 
dass nur noch wenige übrig waren, 
beginnt es, sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, 
bei denen Statuten, Regeln,
Verfahren und Vorschriften besprochen werden,
im Wissen, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, 
die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Besprechungen sein, 
in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. 
Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, 
um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Meine Zeit ist zu kurz, um Überschriften zu diskutieren. 
Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile, 
ohne viele Süssigkeiten in der Packung.
Ich möchte mit Menschen leben, die menschlich sind. 
Menschen, die über ihre Fehler lachen können, 
die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. 
Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen 
und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen. 
Die die menschliche Würde verteidigen 
und die nur an der Seite der Wahrheit 
und Rechtschaffenheit gehen möchten. 
Es ist das, was das Leben lebenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, 
die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. 
Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten,
durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.
Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, 
mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich versuche, keine der Süßigkeiten, 
die mir noch bleiben, zu verschwenden. 
Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, 
als die, die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, 
in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, 
wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

Hinterlasse einen Kommentar