dass sich hinter dem namen des segelschulschiffs der bundesmarine eine reale person verbirgt – darüber habe ich mir nie gedanken gemacht (ehrlich gesagt, hab ich ihn nicht mal für einen personennamen gehalten:) gorch fock, der am 22. august 1880 auf der elbinsel finkenwerder geboren wurde, hieß eigentlich johann wilhelm kinau und verdankt seinen inzwischen verblassten ruhm vor allem gedichten, einem roman namens „seefahrt in not“ und seinem „heldentod“ 1916.
eigentlich wollte er hochseefischer werden wie sein vater, wird aber gleich bei der ersten ausfahrt seekrank, macht stattdessen eine weniger spektakuläre kaufmännische lehre und wird buchhalter, zuletzt bei hapag, der hamburg-amerika-linie.
seit 1904 veröffentlicht kinau als „gorch fock“ und mit weiteren pseudonymen gedichte und erzählungen, meist in plattdeutsch verfasst, in hamburger zeitungen. sprachlich, thematisch, politisch gehört er zur sog. niederdeutschen bewegung, die einen kulturkritschen antimodernismus mit regionalismus verband – was in hamburg gut ankommt (focks zeile „mit der heimat im herzen die welt umfassen“ ziert noch heute die titelseite des „hamburger abendblattes“).
dann erscheint 1913 „seefahrt ist not“, das buch, das ihn zum star macht, ein schwärmerisches heimat-epos um das harte, gefährliche und heldenhafte leben der fischer, die (wie sein vater) durch die schnelle modernisierung und die konkurrenz der großen schiffe kaum noch von ihrem fischfang leben können. seinen helden, klaus mewes, läßt er in der nordsee untergehen: „mit einem lachen auf den lippen versank er, …grüßend winkte er mit der hand… fahr glücklich junge! dann ging die gewaltige dünung des skagerraks über ihn hinweg.“ (die hamburger schulbehöre ist so begeistert, dass sie gleich die gesamte zweite auflage aufkauft, um sie den schulabgängern zu überreichen.)
ähnlich pathetisch klingen die patriotischen kriegsgedichte, die fock mit beginn des ersten weltkriegs zu produzieren anfängt: verse gegen england („op em, jungs, mit alle mann, dat gott – england strofen kann!“), hymnen auf die „dicke bertha“ (den mörderischen mörser von krupp), auf die deutsche flagge usw. selbst karl kraus im fernen wien bekommt sie in die hand und spottet in der „fackel“ über die „unnennbare schande, die aus herzverhärtung und gehirnerweichung verse gemacht hat“. in deutschland hingegen verkaufen sich focks reime blendend.
der kriegsbegeisterte fock, die niederdeutsche bewegung steht an vorderster front bei der bewahrung des „heimatlichen“, meldet sich freiwillig zum heer (fock: „unser deutsches volk kann die ungeheure last nicht tragen, wenn wir nicht tragen helfen. laß uns unsere jungen, sehr starken schultern darbieten“). erst bietet er seine schultern bei der infanterie in serbien, russland und vor verdun dar (der gaube an den sieg „ist das große, ist der tiefe grund, der uns mit der brodelnden oberfläche, mit den gärungsblasen der müdigkeit und der mürbigkeit wieder versöhnen kann“). dann kann er dank protektion auf eigenen wunsch zur marine wechseln – der kleine buchhalter will es endlich seinem großen helden mewes gleichtun. kinau-fock wird ausguck auf der „sms wiesbaden“ – und stirbt wenige wochen später, als sein kreuzer in der einzigen seeschlacht des krieges im skagerrak am 31. mai 1916 von den engländern versenkt wird (die leiche wird später auf einer schwedischen insel angetrieben und auf der unbewohnten insel stensholmen beigesetzt – bis heute ein wallfahrtsort für fock-jünger).
sein tod stärkt den mythos „gorch fock“. und seine nachlassverwalterin, die familie und seine jugendfreunde tun alles, um ihn weiter zum helden zu stilisieren und dann auch den neuen herrschern schmackhaft zu machen. motive wie heimat, kampf, heldentod und seine kriegsbegeisterung sind in der tat ein gefundenes fressen für die propagandisten des dritten reichs. 1933 bekommt das segelschulschiff der kriegsmarine seinen namen und die wehrmacht verordnet ihren soldaten „seefahrt ist not“ als lesestoff. 1934 erreichen seine werke eine gesamtauflage von 700000 exemplaren und seine texte stehen in den schulbüchern. hamburg läßt häuser und straßen nach fock und seinen figuren benennen; die richard-dehmel-schule zb. (der blankeneser dichter war jüdisch verheiratet) wird 1936 in gorch-fock-schule umbenannt und heißt bis heute so. focks jugendfreund, der nsdap-redner hinrich wriede, vereinnahmt ihn im gedenkbuch 1937 als „wegbereiter“ für seine sache und schreibt: „sein leben und sein tod sind beispiel und mahnmal zugleich, die uns nachfahren das wort zurufen: ‚für deutschland!‘“
doch die meinung der heutigen literaturwissenschaftler und fock-biografen ist fast einhellig: fock sei „sicherlich ein nationalist, keinesfalls aber ein rassist oder gar antisemit“ gewesen bzw. habe es für „rassistisches sinnpotential … lediglich ansätze“ gegeben, der autor sei nur dank der bestrebungen seines umfelds und somit „irrtümlich zum wegbereiter des ns erklärt“ bzw. durch dieses vom heimatdichter zum blut- und bodendichter umdeklariert worden, quasi ein ns-opfer. und auch „ausgesprochener antisemitismus“ zeige sich bei ihm „nur sehr verstreut“. (ein „verstreuter“ satz focks zur illustration: „die juden sind weltgift, darum teilte der herr sie und gab jedem volke ein teilchen, damit es so als arznei und heilsam wirke“; oder der was „ansatzweises“: „man wird es vielleicht schon in fünfzig oder hundert jahren nicht mehr verstehen, wie die menschen einmal bei ihren hunden, kaninchen und pferden streng auf rasse und rassenpaarung hielten und ihre eigene rasse in einem großen wurstkessel verkommen und verbreien ließen.“)
dass gorch fock (ver/zerstreut, wie er war ?) mit dem judenhasser und literaturpublizisten adolf bartels im beirat der „deutschnationalen hausbücherei“ saß, die auf reaktionär-völkische „volksbildung“ abzielte und explizit antisemitisch und antisozialistisch agierte, d.h. gegen juden, spd, kpd und gewerkschaften wetterte, legen die biografen vermutlich in der schublade „zeitgeist“ ab, so wie die junge bundesmarine ihr neues schulschiff 1958 nach dem benennt, das 1933 noch unter der reichskriegsflagge fuhr. der rest ist bekannt.
ohne gorch fock in sippenhaft nehmen oder sein gesamtwerk (das ich gar nicht kenne) schmähen zu wollen, frage ich mich schon, ob man nicht vielleicht besser einen anderen (namen) als deutschen botschafter auf die weltmeere hätte schicken können. oder ist das mimimi?

