Janusz Korzak

janusz korczak (henryk goldszmit, *22.7.1878) ließ sich am 4. oder 5. august 1942 freiwillig mit den kindern seines warschauer waisenhauses nach treblinka deportieren. 

Du hast ein Recht

Du hast ein Recht,
genauso geachtet zu werden wie ein Erwachsener. 
Du hast das Recht, so zu sein, wie du bist.
Du musst dich nicht verstellen und so sein, wie es die Erwachsenen wollen.
Du hast ein Recht auf den heutigen Tag, jeder Tag deines Lebens gehört dir, keinem sonst.
Du, Kind, wirst nicht erst Mensch, du bist Mensch.

korczak-dekalog: 

schlage nicht, 
beschäme nicht,
erschrecke nicht,
schreie nicht,
verachte nicht,
küsse,
umarme,
lobe,
höre,
erfreue!
(nie bij, nie zawstydzaj, nie strasz, nie krzycz, nie lekceważ, pocałuj, przytul, pochwal, posłuchaj, pociesz!)

der letzte eintrag in korczaks tagebuch (4.8.1942):
1.
Ich habe Blumen begossen, die armen Pflanzen des Waisenheims, die Pflanzen eines jüdischen Waisenheims. – Die verdorrte Erde atmete auf.
Ein Wachposten sah mir bei der Arbeit zu. Ärgert oder rührt ihn diese meine friedliche Verrichtung um sechs Uhr morgens? Breitbeinig steht er da. Und schaut.
2.
Umsonst die Bemühungen, Esterka freizubekommen.– Ich war nicht sicher, ob ich ihr, falls ich Erfolg hätte, einen Dienst erwiese oder ihr Schaden und unrecht tun würde.
„Wo ist sie in die Falle geraten?“ fragt einer.
„Vielleicht ist nicht sie, sondern wir sind in die Falle geraten (weil wir hierbleiben).“
3.
Ich habe ans Kommissariat geschrieben, sie sollen Adzio wegschicken: Er ist unterentwickelt und mutwillig bösartig. – Wir können wegen des Unfugs des einen nicht das Haus in Gefahr bringen. – (Kollektive Verantwortung.)
4.
Für die Dzielna-Straße vorerst eine Tonne Kohle – an Rózia Abramowicz. Jemand fragt, ob die Kohle dort auch sicher ist.
Die Antwort, ein Lächeln.
5.
Ein bewölkter Morgen. Halb sechs in der Frühe.
Sozusagen ein normaler Tagesbeginn. – Ich sage zu Hanna: „Guten Morgen!“
Sie antwortet mit einem erstaunten Blick.
Ich bitte: „Lächle doch.“
Es gibt kranke, blasse, brustkranke Lächeln.
6.
 Ihr habt getrunken, ihr Herren Offiziere, habt ausgiebig und genüßlich getrunken, auf das Blut, beim Tanz klimperten eure Orden, auf das Wohl der Schande, die ihr in eurer Blindheit nicht gesehen oder so getan habt, als sähet ihr sie nicht.
7.
Meine Teilnahme am japanischen Krieg. Besiegt – eine Niederlage. Am europäischen Krieg – besiegt – eine Niederlage.
Am Weltkrieg …
Ich weiß nicht, wie der Soldat einer siegreichen Armee fühlt und als was er sich fühlt …
8.
Die Zeitschriften, mit denen ich zusammengearbeitet habe, wurden geschlossen, eingestellt – machten bankrott.
Ein Herausgeber, ruiniert, nahm sich das Leben.
Und all das nicht etwa, weil ich Jude, sondern weil ich im Osten geboren bin. Dass es dem prachtvollen Westen auch nicht gut geht, könnte ein trauriger Trost sein.
Es könnte sein, ist es aber nicht. Ich wünsche niemandem etwas Böses. – Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie man das macht.
9.
„Vater unser, der du bist im Himmel …“
Dieses Gebet haben Hunger und Unglück gemeißelt.
Unser tägliches Brot.
Brot.
Es war schon da, was ich erlebe. War doch schon da.
Sie haben Hausrat verkauft, die Kleider, für einen Liter Petroleum, für ein Kilo Grütze – ein Glas Schnaps.
Als ein forscher Pole auf dem Polizeikommissariat mich wohlwollend fragte, wie ich durch die Blockade gekommen sei – fragte ich, ob er „etwas“ für Esterka tun könne.
Nein, versteht sich.
Ich sagte hastig:
„Danke für die guten Worte.“
Dieser Dank ist die welke Frucht des Elends und der Erniedrigung.
10.
Ich gieße die Blumen. Mein Glatze im Fenster – ein gutes Ziel?
Er hat einen Karabiner. – Warum steht er da und sieht ruhig her? Er hat keinen Befehl.
Und vielleicht war er als Zivilist Dorfschullehrer, vielleicht Notar, Straßenfeger in Leipzig, Kellner in Köln?
Was würde er tun, wenn ich ihm zunickte? – Freundschaftlich mit der Hand grüßen?
Vielleicht weiß er gar nicht, daß es so ist, wie es ist?
Er kann erst gestern von weither gekommen sein.

_hier enden die aufzeichnungen.

das erste bild zeigt jk mit kindern seines waisenhauses; das zweite ist die letzte bekannte aufnahme des pädagogen. wer kinder hat, schenke ihnen „könig maciuś der erste“ oder „wenn ich wieder klein bin“ – es sind wunderschöne bücher!

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