„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“

„brüder, zur sonne, zur freiheit“ wurde am 21. september 1920 vom deutschen schubert-chor zum ersten mal öffentlich geschmettert. es war die nachdichtung eines russischen liedes. hermann scherchen, der leiter des arbeiterchors, hatte es kennengelernt, nachdem er zu beginn des ersten weltkrieges in lettland (er war dirigent des rigaer staatsorchesters) als zivilist in einem russischen lager interniert worden war. 

das lied „cмело, товарищи, в ногу!“ („tapfer, genossen, im gleichschritt“) hatte leonid radin 1895 im moskauer taganka-gefängnis gedichtet. die melodie basierte auf einem russischen studentenlied („медленно движется время“, „langsam bewegt sich die zeit“), radin hatte es aber vom walzer zum marsch aufgepeppt. erstmals gesungen wurde es 1898 von politischen gefangenen, als die auf dem weg in die sibirische verbannung durch moskau geführt wurden. in den russischen revolutionen von 1905 und 1917 wurde es zur hymne. hermann scherchen schrieb nun also eine deutsche fassung, die anders als das original nur drei strophen hatte; in der weimarer zeit kamen dann noch zwei (von unbekannten geschriebene) strophen hinzu.

das lied wurde aber nicht nur von kommunisten und sozialisten gesungen. 1921 erschien es in einem christlichen gesangbuch, anders als bei scherchen („brüder, in eins nun die hände, brüder, das sterben verlacht! ewig, der sklav’rei ein ende, heilig die letzte schlacht!“), endete es hier mit „…heilig der liebe macht!“. auch die nazis nutzten das mitreißende lied für ihre zwecke. sie verpassten ihm eine eigene vierte strophe, und es gab (mindestens) zwei versionen: „brüder in zechen und gruben“, das zu den bekanntesten propagandalieder der nsdap gehörte, sowie „brüder formiert die kolonnen“, das in alten liederbüchern als „kampflied der SA“ zu finden ist. das ursprüngliche “brüder, zur sonne, zur freiheit“ wurde erst nach dem zweiten weltkrieg zu einem der bekanntesten arbeiterkampflieder.

zeichnung: heinrich zille

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