Eiermann räumt ab

egon eiermann *29.9.1904 gilt als einer der großen baumeister der nachkriegsmoderne und als d e r architekt des deutschen wirtschaftswunders: ob der pavillon für die weltausstellung in brüssel 1958, die deutsche botschaft in washington, die taschentuchweberei in blumberg, das abgeordnetenhochhaus in bonn (der „lange eugen“), die neugestaltung der gedächtniskirche in berlin, die olivetti-türme in frankfurt – sie gehören zu den meilensteinen des neuen bauens.

ich mag egon eiermann trotzdem nicht. und das nicht mal wegen seiner karierre im nationalsozialismus: 1937 gestaltet er für die propagandaausstellung „gebt mir vier jahre zeit“ – ein hitler-zitat – die haupthalle am berliner funkturm mit einem 18 meter hohen hitlerportrait und einer ausgeklügelten licht- und tonregie; danach und bis kriegsende betätigt er sich im siedlungs- und industriebau, was zu dieser zeit in erster linie rüstungsbau bedeutete: die total-werke in apolda, die rickmerswerft in bremerhaven, die krankenhaus-sonderanlage in beelitz-heilstätten, eine kaserne in rathenow, flugzeughallen bei prag, bunkerfabriken und „erdhäuser“ für werftarbeiter. klar, eiermann wollte bauen, ergriff die möglichkeit, seine (in der tat modernen) ideen zu verwirklichen und anders als zb. albert speer war ihm „überwältigungsarchitektur“ fremd und hat er keine kz-pläne entworfen. jedenfalls konnte er seine karierre nach dem krieg nahtlos fortsetzen. was mir beim namen eiermann mehr aufstößt, ist, dass er für den abriss eines der berühmtesten bauten von erich mendelsohn (mit)verantwortlich ist.
die brüder salman und simon schocken hatten 1907 mit zwei warenhäusern in zwickau und oelsnitz begonnen, sieben weitere, alle von erich mendelsohn entworfen, folgten. mendelsohn verstand es, gewaltige baumassen übersichtlich und formschön zu gliedern, durch die betonung horizontaler linien, fensterreihen und halbrunde turmbauten. 1928 wurde sein kaufhaus in stuttgart eröffnet, im gleichen jahr, in dem dort auch die berühmte weißenhofsiedlung und der tagblattturm entstanden. das merkur-bzw. schocken-haus galt rasch als deutschlands schönstes warenhaus. die jüdischen besitzer wurden in der nazizeit enteignet und mussten fliehen, wie auch erich mendelsohn, der fortan in palästina, england und in den usa baute…
viele seiner hiesigen bauten fielen den bomben zum opfer. das stuttgarter kaufhaus wurde zwar beschädigt, aber nicht zerstört. salman schocken erhielt 1949 die aktienmehrheit an seiner merkur-ag wieder und verkaufte 1953 seine anteile an den kaufhauskönig helmut horten. und der forderte nun massiv den abriß des mendelsohn-baus (u.a. weil der keine rolltreppen hatte), drohte mit seinem weggang aus stuttgart und vor allem dem stadtrat stand das warenhaus im weg, er wollte die eberhardstraße autogerecht verbreitern. jetzt kam egon eiermann, inzwischen star-architekt und professor in karlsruhe, ins spiel. er entwarf einen neubau und behauptete, bei dem architektonischen kleinod mendelsohns handele es sich in bezug auf konstruktion, grundriß und technische einrichtungen um ein „minderwertiges gebäude“, die „so oft gerühmte fassade“ entspräche „nicht dem inneren gefüge“ und man müsse es bis auf die fundamente abreißen, nur so ließen sich „die modernsten baulichen und verkaufstechnischen erfordernisse berücksichtigen“. eiermanns eigene studenten protestierten „aufs schärfste“ gegen den abbruch und „dagegen, daß merkantile gründe zur vernichtung eines kunstwerkes führen.“ ihr aufschrei wurde im ausland wohl gehört: mies van der rohe protestierte aus chicago, walter gropius kabelte aus lincoln ( „mendelsohns schocken-bau wertvolles denkmal deutscher architektur. muß erhalten bleiben“) und arthur drexler vom museum of modern art in new york schrieb, ein abriß würde einem „akt des vandalismus gleichkommen“. die stuttgarter stadtväter, horton und eiermann indes focht das alles nicht an. ohnehin, so eiermann, „diskutiere man (also die anderen) über den bau nicht, weil es kunst, sondern weil es mendelsohn ist“. aber 1960 war schluss mit diskussionen. der mendelsohn wurde abgerissen und der eiermann-entwuf gebaut, ein seelenloser kasten mit eiermanns zukünftigen markenzeichen: der vorgesetzten fassade aus „hortonkacheln“, mit denen die gebäudegrundrisse durch die vermeidung von fenstern mit einem höchstmaß an stellflächern ausgestattet werden konnten und die vorbild für zig ähnliche warenhäuser in deutschland wurde.

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