franz werfel (*10.9.1890) kann man nicht oft genug wiederkäuen:
„Der Nationalismus hat es sehr leicht, als Religionsersatz zu dienen. Er ist ein ziemlich kostenloser Affekt; denn das Verdienst, einer Nation anzugehören, hängt nur von der Leistung des Geborenwerdens ab. Wenn einer schon gar nichts ist, so ist er zumindest irgendwohin zuständig. Der Nationalismus macht die biologische Zuständigkeit zum moralischen Wert. Er verleiht dem Individuum taxfrei die Tapferkeitsmedaille für alle historischen Siege und Großtaten seines Volkes. Er läßt ferner dem jungen Menschen das ekstatische Erlebnis zuteil werden, sein Ich einem höheren Wesen, einer edleren Überordnung einzugliedern. Der Kommunismus verlangt von seinen Anhängern immerhin einige moralische und wissenschaftliche Einsichten, der Gedanke einer menschheitserlösenden Gerechtigkeit schwingt in ihm mit. Demgegenüber ist der Nationalismus nichts als Gefühlsreaktion, als dunkler Drang, als mächtiger Aufbruch und will auch gar nichts anderes sein. Als Sendbote urtümlicher Daseinsgewalten verschmäht er es, zu argumentieren, er orakelt. Sein Lieblingsbegriff ist eine nebelhafte Auffassung vom „Leben“, als einer letzten grausamen Instanz, jenseits von Gut und Böse, schön und schrecklich zugleich. Er hält sich zwar für einen Verkünder der Härte und Gradlinigkeit, vermag sich aber nie und nimmer aus dem Reich des Unbestimmten und Aufgeweichten herauszuarbeiten. Die geistige Lebensluft, in der er atmet, ist die Phrase. Man soll die Phrase nicht unterschätzen, sie dient ja nicht als Wahrheit, sondern als magische Formel… Daher bildet die beste Ausrüstung für einen national-radikalen Führer selbstsichere Unklarheit und suggestive Halbbildung… Im Vordergrunde tummeln sich die sogenannten Landsknechtsnaturen, echte Träumer des Heldentums, verworrene oder zurückgesetzte Talente, die ihre Karte auf eine neue Ordnung setzen, – dahinter aber, als eigentliche Träger des nationalen Affektes, steht die zähe Masse enttäuschter, verarmter und erboster Kleinbürger… Der Kleinbürger kennt die Welt nicht, die er deshalb scheut und verabscheut. Er liebt seinen Stubengeruch und hält ihn für unvergleichlich. Wie man den Nationalismus jedoch auch umschreibt, er ist mächtig vorhanden, er wurzelt in der Eitelkeit der Völker, er ist argumentlos, also können ihm Argumente nichts anhaben…“ (franz werfel, wien 1932)
zeichnung: william auerbach-levy: reinhardt, werfel und weill bei proben, new york 1937

