Doppelagetnt „Garbo“


joan pujol garcía *14.2.1912 – war einer der trick- und erfolgreichsten doppelagenten des zweiten weltkriegs

vor dem krieg hatte der mann aus barcelona als student, soldat, hühnerzüchter und kinobetreiber eigentlich immer versagt. doch 1940 beschloss er, einen beitrag „zum wohl der menschheit“ zu leisten und großbritannien zu helfen, das zu dieser zeit nazi-deutschlands einziger aktiver kriegsgegner war. dreimal wandte er sich an die britische botschaft in madrid, doch dort zeigte man kein interesse daran, eine verkrachte existenz als spion einzustellen. daraufhin kam pujol auf scheinbar verrückte idee, sich einen neuen lebenslauf zu stricken, das vertrauen der deutschen zu gewinnen und sie mit falschen informationen zu füttern, um sich dann erneut den briten, nun als doppelagent, anzubieten.  pujol besorgte sich einen gefälschten spanischen diplomatenpass, meldete sich bei der deutschen abwehr in madrid und behauptete, ein fanatischer nazi zu sein, der als regierungsbeamter leicht in offiziellen angelegenheiten nach london reisen könne. die deutschen schluckten die story. sie gaben ihm den codenamen „alaric arabel“, einen crashkurs in spionage, 600 pfund für seine spesen und den auftrag, nach großbritannien zu gehen, um dort agenten zu rekrutieren.
doch statt nach london zog „arabel“ nach lissabon und bastelte hier – mit details aus reiseführern, zugfahrplänen, lexika, zeitschriften und kino-wochenschauen – scheinbar glaubwürdige berichte zusammen. da er nie in england gewesen war und nicht englisch konnte, unterliefen ihm natürlich auch fehler. er berichtete beispielsweise, sein angeblicher kontakt in glasgow würde „für einen liter wein alles tun“ (während echte schotten wohl eher auf whisky scharf waren und in pint rechneten). obwohl seine dossiers einer genauen prüfung also nicht standgehalten hätten, befanden die deutschen „arabel“ bald als vertrauenswürdig. und der erfand in ganz england verstreute unteragenten, die er für falsche informationen verantwortlich machen konnte oder für echte, die immer etwas zu spät kamen, um von wert zu sein, und für die er spesenabrechnungen stellte, die auch brav beglichen wurden.

seine berichte wurden im laufe der zeit so überzeugend, dass auch der britische gegenspionagedienst MI5, der einige abgefangen hatten, eine landesweite fahndung nach dem spion startete, und ihn natürlich nicht fand, da er immer noch im schönen lissabon saß. nachdem pujol eine fiktive britische armada in malta erfunden und die deutschen große ressourcen darauf verschwendet hatten, diese phantom-einheit zu jagen, wurde den briten jedoch klar, dass der unbekannte die deutschen bewußt falsch informierte und dass seine taktik außerordentlich wertvoll war.  im februar 1942 „outete“ sich pujol bei den amerikanern in lissabon, die inzwischen in den krieg eingetreten waren, und die kontaktierten ihre britischen kollegen. zwei monate später holte der MI5 ihn nach großbritannien und verpasste ihm den codenamen „bovril“ (ein getränkekonzentrat). nachdem jedoch seine ungewöhnlichen talente offensichtlich geworden waren, änderten sie den namen „des besten schauspielers der welt“ nach seiner „kollegin“ greta in „garbo“, und stellten ihm den spanisch sprechenden MI5-offizier tomás harris zur seite. die beiden dichteten 315 agenten-berichte mit durchschnittlich 2000 wörtern zusammen, adressiert an ein vom deutschen geheimdienst bereitgestelltes postfach in lissabon. ihr imaginäres spionagenetzwerk war so effizient und wortreich (wenngleich es nur eine mischung aus vollständig erfundenen informationen, echten mit geringem militärischem wert und wertvollen, die zu spät kamen lieferte), dass seine deutschen „kollegen“ von der fülle so erschlagen waren, dass sie gar nicht erst versuchten, weitere spione in großbritannien zu gewinnen. 

allerdings musste garbo immer wieder ausreden erfinden, warum seine erfundenen agenten zugängliche informationen nicht gemeldet hatten, von denen die deutschen schließlich doch erfahren würden. zum beispiel log er seinen deutschen kontakten vor, sein unteragent aus liverpool sei kurz vor einer großen flottenbewegung dort krank geworden und hatte daher das ereignis nicht melden können. um die story noch zu untermauern, „starb“ der agent schließlich. als i-pünktchen ließ garbo einen nachruf in die lokalzeitung setzen und bequatschte die deutschen dann auch noch dazu, der fiktiven agenten-witwe eine rente zu zahlen.  das allergrößte husarenstück gelang garbo jedoch 1944, mit einem coup, der wesentlich zum erfolg des d-day am 6. juni beigetragen hat. im januar 44 hatten die deutschen ihm mitgeteilt, dass sie glaubten, es würde eine groß angelegte invasion in europa bevorstehen und dringend nach informationen verlangt. garbo lenkte sie von der tatsächlich in vorbereitung befindlichen operation „overlord“ in der normandie ab, indem er sie zwischen januar und d-day mit über 500 funksprüchen, zeitweise mehr als 20 am tag, überschwemmte, in denen er ihnen weismachte, die landung der alliierten sei in der straße von dover bei calais geplant. das deutsche oberkommando schluckte auch dieses täuschungsmanöver und stationierte dort große streitkräfte.  um seine glaubwürdigkeit für später zu erhalten, lieferte garbo dann auch einige details über die tatsächliche invasion in der normandie, aber wie immer einen tick zu spät. er vereinbarte vom 5. auf den 6. juni ein funkkontakt für 3 uhr nachts, zu dem einer seiner angeblichen unteragenten mit heißen nachrichten eintreffen sollte. durch einen glücksfall verpennten die deutschen den termin und reagierten erst später am morgen. so konnte garbo weitere, echte, aber nun bereits veraltete, operative details kundtun und noch herummotzen, dass ihn die nachlässigkeit der deutschen ankotze und er den dienst quittieren würde, hätte er nicht seine ideale.

die zerknirschte gegenseite nahm dem „idealisten“ so drei tage nach dem d-day auch das nächste märchen ab, nach dem in südengland eine von general patton höchstpersönlich geführte armee aus 150000 mann stationiert sei, um die eigentliche invasion durchzuführen; die aktion in der normandie wäre nämlich nur ein ablenkungsmanöver gewesen. das deutsche oberkommando ließ sich mit einer kombination aus irreführendem funkgeplapper, falschen flugzeugen und aufblasbaren (!) panzern tatsächlich von der existenz dieser (schein)armee überzeugen und behielt in erwartung eines großen angriffs zwei panzerdivisionen und 19 infanteriedivisionen dort zurück, was die deutschen in der normandie enorm schwächte und die alliierten entscheidend stärkte.

als garbo-arabel ende juni angewiesen wurde, über v-1-flugbomben zu berichten, aber die briten keine chance sahen, falschinformationen zu geben, ohne verdacht zu erregen, ließ man ihn zum schein verhaften und ein paar tage später wieder freilassen. arabel schickte den deutschen eine „offizielle“ entschuldigung des innenministers über seine rechtswidrige inhaftierung, konnte damit aber zugleich begründen, dass er nun gefährdet sei, london in zukunft meiden müsse – und tauchte ab.

die nazis haben joan pujol garcía im laufe der zeit insgesamt 340.000 us-dollar (heute wären das fast 6 mio dollar) gezahlt, um sein „agentennetzwerk“ zu finanzieren, das am ende aus 27 erfundenen figuren bestand. sie haben nie gemerkt, dass sie von ihm jahrelang an der nase herumgeführt worden waren. und so wurde pujol zu einem der ganz wenigen, die von zwei seiten hohe auszeichnungen erhielten: 1944 verlieh ihm das naziregime mit hitlers persönlicher genehmigung das „eiserne kreuz“, und george VI ernannte ihn zum „member of the order of the british empire“. wie es sich für einen geheimagenten gehört, bekam die öffentlichkeit nichts davon mit, dass dieser „garbo“ maßgeblich zum erfolg des d-day beigetragen hatte. dennoch befürchtete joan pujol garcía nach dem krieg, von überlebenden nazis gejagt zu werden. er ging mit hilfe des MI5 nach angola, inszenierte dort seinen eigenen tod an malaria und zog nach venezuela, wo er in caracas einen kleinen buchladen betrieb und bis zu seinem tod 1988 in fast völliger anonymität lebte.
gracias, garbo!

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