igor cool. das foto geistert schon seit vor-internet-zeiten durchs universum und zum teil heute noch mit der erklärung, igor strawinsky sei 1944 nach der aufführung eines skandalöses arrangements der us-amerikanischen nationalhymne in boston vom podium gezerrt, verprügelt und verhaftet worden…
das ist – längst widerlegter – quatsch. enthält aber, wie die meisten „enten“, spuren realer ereignisse. strawinsky, der in den 1940ern vielen als der größte lebende komponist galt, hatte am 13. und 14. januar 1944 tatsächlich das boston symphony orchestra dirigiert. es standen seine eigenen kompositionen auf dem programm, u.a. die umjubelte zirkuspolka, und die amerikanische nationalhymne. das war nichts ungewöhnliches – alle us-orchester waren seit dem kriegseintritt der usa dazu verpflichtet worden, bei jedem ihrer konzerte „the star-spangled banner“ zu spielen. strawinsky hatte 1941 als tribut an sein gastland ein eigenes arrangement der hymne geschrieben, das bereits in los angeles und cambridge ohne öffentliche aufregung aufgeführt und nun auch anlässlich eines gastspiels in boston beschlossen, seine version spielen zu lassen, der er statt dem charakter eines „soldatenmarschliedes“, nach dem in seinen ohren das original klang, den einer feierlichen „kirchenhymne“ gegeben hatte.
doch damit kam das bostoner publikum nicht zurecht. die zuschauer, die sich wie üblich erhoben hatten, um ihre hymne laut mitzuträllern, stolperten über ungewohnte harmonien und das langsame tempo, gaben den versuch mitzusingen schnell auf, setzten sich wieder hin und schwiegen halt. das war eigentlich alles. doch die associated press bauschte den vorfall zum skandal auf, den am nächsten tag landesweit alle gazetten fleißig weiter verbreiteten, dass nämlich ein völlig „verwirrtes“ publikum strawinskys hymne mit „fassungslosem schweigen“ usw. aufgenommen hätte. andere fügten diesem „plot“ dann noch eine prügelei samt verhaftung als sahnehäubchen hinzu. das einzige, was daran stimmt, ist, dass das boston police departement nach der aufführung beamte zu strawinsky geschickt hat, die ihm mitteilten, dass er gegen ein gesetz von massachusetts verstoßen habe, nach dem es verboten war, die nationalhymne zu verändern, und dass man ihm eine geldstrafe aufbrummen würde, sollte er seine version beim geplanten zweiten konzert wiederholen. das tat er dann auch nicht; er ließ die originalversion spielen, so dass die zuhörer in der überfüllten symphony hall und am radio (denn nbs übertrug das konzert nun landesweit live) umsonst auf seine „russische« version und auf zoff warteten.
mit all dem hat das foto nichts zu tun. es ist gänzlich unspektakulär und bereits vier jahre vor diesem „skandal“ geschossen worden, so wie es ja auch drauf steht: am 15. april 1940. strawinsky, der seit 1934 französischer staatsbürger war und sich 1939 zu gastvorlesungen in den usa aufhielt, hatte nach dem deutschen überfall auf frankreich beschlossen, nicht nach paris zurückzukehren und anfangs probleme mit der verlängerung seines visums, für das er nun schnell ein foto brauchte…
(dass es so aussieht, als ob unter des meisters auge ein veilchen blüht, was ja gut zu der legende passte, dürfte der miesen qualität der aufnahme geschuldet sein, die seine augenringe und tränensäcke so richtig hervortreten ließen.)

