Michelangelo Buonarroti hat uns (heute) berühmte Bilder und Skulpturen hinterlassen, aber auch Verse voller Selbstzweifel
An Giovanni di Pistoja*
Schon wuchs ein Kropf mir bei den Quälerei’n,
Wie’s Katzen in der Lombardei geschieht
Vom Wasser, (oder wie man’s sonst wo sieht),
Denn in den Bauch drückt schon das Kinn sich ein.
Der Bart starrt aufwärts, der Gedächtnisschrein
Liegt im Genick; wie bei Harpyien flieht
Die Brust, und übers Antlitz tröpfelnd zieht
Der Pinsel Mosaïken reich und fein.
Die Lenden sind mir in den Wanst gespannt,
Dagegen ward mein Hinterteil zur Kruppe;
Unsichern Schritts, ein Blinder, wanke ich.
Vorn nimmt die Haut in Falten überhand,
Und hinten spannt sie über harter Kuppe,
Denn wie ein Syrerbogen krümm‘ ich mich.
So geht auch wunderlich
Und falsch das Urteil aus dem Hirn hervor,
Denn schlecht nur fährt ein Schuss aus schiefem Rohr.
Such‘ nun, o Freund, hervor,
Was noch für meine toten Bilder spricht!
Schlecht ist mein Platz, zum Malen taug‘ ich nicht!
[*da pistoia war kanzler der florentiner akademie, als michelangelo an der sixtinischen kapelle arbeitete]
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So süss wie Mus ist dein Gesicht, o Schöne,
So glatt, als wär‘ ein Schnecklein drauf spaziert,
Wie Rüben zart; es gleichen deine Zähne
Den Pastinaken, und dein Auge stiert
So wie die Theriakpflanze grün; ich wähne,
Durch solchen Glanz wird selbst ein Papst verführt.
Wie Zwiebeln weiss und blond sind deine Haare!
Erbarm‘ dich schnell, sonst lieg‘ ich auf der Bahre!
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So rasch, so kühn, mit Lug und Trug im Bunde
Ist meine Freundin, dass sie Huld versprochen
Im Augenblick, da sie mein Herz durchstochen,
Und schon das Eisen steckte in der Wunde.
Ach, zu derselben Stunde
Durchwärmt mich Leben, da mich Tod durchschauert!
Die bange Seele trauert,
Denn wenn dies Schwanken dauert,
Besiegt der Tod das Leben. Mehr vernichtet
Das Böse, als das Gute heilt und schlichtet.
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Wie kommt’s, dass ich nicht mehr mein eigen bin?
Wer ist’s, durch den ich mich verlor,
Der, fremd, in mir sich drängte vor,
Mehr gilt in mir als eigner Sinn?
Und wie durchschnitt
Die harte Brust,
Wer mich nicht einmal angerührt?
Wer bist du, Liebe, Qual und Lust,
Die nun mein Herz gefangen führt,
Die durch das Aug‘ in meine Seele glitt
Und da so masslos wächst und schwillt,
Dass sie an tausend Enden überquillt?
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Was ist es, das die Seele mir entzündet?
Ahn‘ ich der Gottheit Glanz, die Strahlen krönen?
Sah ich auf Erden je ein Bild des Schönen,
Das meine Seele zitternd nachempfindet?
Blieb mir ein Himmelsstrahl, der nie erblindet,
Von jener Seligkeit, nach der mit Tränen
Sich die verbannten Menschenherzen sehnen,
Die niemals ganz aus dem Gedächtnis schwindet?
Das, was ich fühl‘ und schau‘, das, was mich leitet,
Ist nicht in mir, noch weiss ich, wo es finden!
Zeig‘ du es mir, denn seit ich dich erschaue,
Fühl‘ ich, wie sich in meinem Busen streitet
Ein Ja und Nein, ein bittersüss Empfinden;
Gewiss dein Auge ist es, holde Fraue!
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Oft gleicht ein Bild dem Bildner mehr, o Jammer!
Als dem Modell; so bilde
Ich jetzt nur schmerzlich wilde
Entstellte Züge, klägliche Gestalten!
Dich formen will mein Hammer,
Und formt mich selbst, die Stirn voll Schmerzensfalten.
Was könnt‘ ich auch gestalten,
Da Liebe mich vernichtet,
Als diesen müden Leib voll Angst und Trauer?
Gleicht nicht dem Stein, dem kalten,
Aus dem ihr Bild errichtet,
Die strenge Herrin? Felsen sind nicht rauher.
Die Kunst allein gibt Dauer;
Drum, willst du, dass dein Reiz dich überlebe,
Beglücke mich, dass ich dir Schönheit gebe!
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Durch dich erst kenn‘ ich mich und aus der Ferne
Streb‘ ich dem Himmel zu, von dem wir kamen,
Und wie der Fisch geködert wird vom Hamen,
Reichst du mir Speise, und ich komme gerne.
Nur schwach kann ein geteiltes Herze schlagen,
Drum gab ich dir das meine ganz und gar:
Was von mir bleibt, du weisst es, der mich kennt!
Ans Beste nur soll sich die Seele wagen,
Drum muss ich heiss dich lieben, will ich leben!
Denn ich bin Holz nur, du bist Holz, das brennt.
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Dante.
Als Mensch vom Himmel einst herabgestiegen,
Hat Hölle er und Läut’rungsglut gesehn,
Dann bracht‘ er lebend, aus des Himmels Höhn,
Uns wahres Licht, die wir im Dunkeln liegen.
Dass du bestrahlt die Stätte meiner Wiegen,
O lichter Stern, ist unverdient geschehn;
Die ganze arge Welt dir zugestehn,
Wär‘ kleiner Preis: Nur Gott kann dir genügen.
Von Dante red‘ ich, dessen Werk verkannt,
Missachtet ward vom Volk, dem undankbaren,
Das stets sich von Gerechten abgewandt.
Wär‘ ich wie er! Hätt‘ ich wie er den wahren,
Tatkräft’gen Geist, und wär‘ wie er verbannt:
Das schönste Glück der Erde liess‘ ich fahren.
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Hier am äussersten Rande des Lebensmeeres
Lern‘ ich zu spät erkennen, o Welt, den Inhalt
Deiner Freuden, wie du den Frieden, den du
Nicht zu gewähren vermagst, versprichst und jene
Ruhe des Daseins, die schon vor der Geburt stirbt.
Angstvoll blick‘ ich zurück, nun da der Himmel
Meinen Tagen ein Ziel setzt: unaufhörlich
Hab‘ ich vor Augen den alten, süssen Irrtum,
Der dem, den er erfasst, die Seele vernichtet.
Nun beweis‘ ich es selber: den erwartet
Droben das glücklichste Los, der von der Geburt ab
Sich auf dem kürzesten Pfad zum Tode wandte.
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[die eindeutschungen stammen von zwei renommierten übersetzerinnen: bettina jacobson (1841-1923) und sophie hasenclever (1823-1892)]

