Else Jerusalem und Heinrich Zille

von ihr hatte ich noch nie gehört, bis mir eine zeichnung heinrich zilles unter die augen gekommen ist, die er 1930 nach einer skizze aus dem jahr 1909 aus dem herrenfeld-theater (ein jüdisches burlesken-theater in berlin) von else jerusalem angefertigt hatte, und ich wissen wollte, wer diese frau war.

else kotányi, 1876 in wien geboren, eines von sechs kindern des kaufmanns maximilian kotányi (eigentlich machl goiteiner) aus szeged und der wienerin henriette deutsch, war ein hochintelligentes mädchen, das erst auf eine bürgerschule ging, dann vier jahre, da sie sich als frau an der universität nicht offiziell einschreiben durfte, als „externe“ die vorlesungen der philosophischen fakultät besuchte und in kontakt mit den protagonisten des „jungen wien“ kam – u.a. jakob wassermann, felix salten („bambi“) und arthur schnitzler.

1901 heiratete else den ebenfalls jüdischen fabrikanten alfred jerusalem und bekam mit ihm zwei kinder, 1902 edith und 1903 friedrich. da war sie schon eine bekannte persönlichkeit. sie hatte noch vor der jahrhundertwende begonnen, sich in der frauenbewegung zu engagieren und über frauenrechte, sexuelle aufklärung von mädchen, doppelmoral und prostitution zu schreiben und antifeministische werke wie otto weiningers „geschlecht und charakter“ zu kitisieren.

1906 war else jerusalem als mitglied der „frauenliga gegen mädchenhandel“ offizielle beobachterin bei dem prozess gegen regina riehl, die unter den augen der gut geschmierten wiener polizei zwei dutzend prostituierte in ihrem „maison riehl“ gefangen gehalten hatte. was sie in dem aufsehen erregenden prozess gehört hat, verarbeitete jerusalem zu einem 600-seiten-roman. „das rote haus“ bzw. „der heilige skarabäus“ erschien 1909 im verlag des renommierten samuel fischer in berlin. wenn auch als fiktive geschichte(n) erzählt, schildert jerusalem jenseits jeder romantik schonungslos die realität in den bordellen: es geht um verschiedene arten von puffmüttern von knallhart rechnender kapitalistin bis zur frommen kirchgängerin, um die freier vom arbeiter bis zum aristokraten, um kinderprostitution, um die verachtung der spießbürger für die mädchen, derer sie sich bedienten, um prostituierte, die marx, schopenhauer und bebel lesen und um korrupte staatsbedienstete. das buch war ein riesenskandal und sofort als „unsittenroman“ verschrien, verkaufte sich aber allein im ersten jahr 20.000 mal (und erlebte bis 1926 etwa 40 auflagen).

irgendwann in dieser zeit lernte else viktor widakowich, einen embryologen kennen. die beiden begannen eine affäre, ließen sich 1911 von ihren partnern scheiden (die ex-frau widakowichs beging daraufhin selbstmord), und heirateten einander. else jerusalem war wegen des bordell-romans zunehmender polemik ausgesetzt und vermutlich froh, dass ihrem neuen mann eine professur in buenos aires angeboten wurde, und so verließen sie 1912 wien richtung argentinien, wo er später direktor den zoos von buenos aires wurde.

im gleichen jahr kam beider tochter myriam zur welt, die ihre mutter später als eine frau mit „sehr starkem esprit“, mit „manchmal schneidendem, aber immer originellen witz“ beschrieb, die alle großen persönlichkeiten der damaligen zeit in ihrem salon um sich versammelte, von albert einstein (der ihr gesagt habe, ihre mutter sei „so schön wie eine altägyptische prinzessin“) zum einkaufen auf den markt begleitet wurde und oft nach berlin gereist sei.  ein grund für die vielen besuche in der alten heimat, mag gewesen sein, dass else jerusalem auch in buenos aires nicht glücklich wurde. sie publizierte zwar weiter, betrieb ethnologische studien und wandte sich philosophischen themen zu, beklagte aber die „haremsstellung der frau“ in südamerika, und ihre ehe zerbrach.  die nationalsozialisten setzten das gesamtwerk else jerusalems 1938 auf die liste des „schädlichen und unerwünschten schrifttums“ (jerusalems philosophisches hauptwerk „die dreieinigkeit der menschlichen grundkräfte“ erschien 1939 in zürich), 1943 starb sie und nach 1945 war sie vergessen. erst 2016 wurde „der heilige skarabäus“ – der vermutlich wichtigste bordell-roman des 20. jahrhunderts – mit einem biographischen essay von brigitte spreitzer neu aufgelegt. 

nochmal zurück zu heinrich zille und else jerusalem. man fragt sich natürlich, was hat diese so unterschiedlichen menschen miteinander verbunden. aber da sich beide für‘s „milieu“ interessiert und beide es so ungeschönt dargestellt haben, kann man annehmen, dass sie sich auch in diesem kontext kennengelernt und auch nicht mehr aus den augen verloren haben. die skizze hatte er ja 1909 im jahr der veröffentlichung ihres roman-bestsellers gezeichnet und daneben habe ich zwei widmungen gefunden, die darauf hindeuten. im februar 1925 schenkte zille ihr sein buch „berliner geschichten und bilder“ mit dem eintrag: „liebe hochverehrte frau else jerusalem, zum freundlichen gedenken an vergangene zeiten, auch ich wollte niederschreiben was mich bewegte“. und im februar 1928 schrieb er ihr in sein buch „rings um den alexanderplatz“ einen vers: „das innere zart – / doch rauh die hülle – / so sieht die damen / heinrich zille. – meiner lieben frau else jerusalem zum gedächtnis an ihren ollen h. zille“. sehr gut möglich, dass der maler ihr das buch persönlich übergeben hat, denn else hielt sich genau zu dieser zeit in berlin auf, weil da ihr roman verfilmt wurde. der film von richard oswald mit conrad veidt und gustav fröhlich wurde zwar während der dreharbeiten im märz 1928 von der zensur verboten, konnte dann aber nach etlichen schnitten im september unter dem titel „die rothausgasse“ uraufgeführt werden.

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