Das „Nannerl“

maria anna mozart *30.juni 1751, war vermutlich nicht weniger begabt als ihr bruder

das vierte und erste überlebende kind des hofviolinisten leopold mozart und seiner frau anna maria pertl, wurde wie ihr fünf jahre später geborener bruder wolfgang amadeus vom vater unterrichtet. zu ihrem namenstag 1759 legte er seiner tochter, die virtuos auf dem cembalo und dem hammerklavier war, ein notenbuch mit gebrauchsstücken an (das „nannerl-notenbuch“). beide kinder spielten so außergewöhnlich talentiert, dass der vater die gelegenheit beim schopf ergriff und und sie europaweit als wunderkinder vorführte. wien, paris, london, brüssel, münchen… teilweise spielten sie zusammen wolfgangs frühe vierhändige klavierkompositionen, teilweise begleitete leopold mozart seinen sohn auf der violine und nannerl sang, oder sie trat als solopianistin auf.

augsburgischer intelligenz-zettel, 19. mai 1763: „stellen sie sich einmal ein mägden von 11 jahren vor, das die schweresten sonaten und concert der grösten meister auf dem clavessin oder flügel auf das deutlichste, mit einer kaum glaublichen leichtigkeit fertiget und nach dem besten geschmack wegspielt. das muß schon viele in eine verwunderung sezen.“  dann aber, mit 16 oder 17 galt nannerl als „heiratsfähig“, nicht mehr als „wunderkind“ und musste in salzburg bleiben, während leopold mit wolfgang weiter durch europa tourte und ihre kompositionsversuche ignorierte (ihr bruder hingegen: „ich habe mich recht verwundert, daß du so schön componiren kanst, mit einem wort, das lied ist schön, und probiere öfter etwas.“).

nannerl gab indes den töchtern der salzburger oberschicht klavierunterricht und vermisste wolfgang, den sie flegel, spitzbub oder hanswurst nannte und der ihr, seiner „canaglie“, per post „hundert schmatzerl auf ihr wunderbares pferdegesicht“ nach salzburg schickte. nachdem 1778 mutter mozart gestorben war, musste nannerl sich um den haushalt der familie kümmern und hatte noch weniger zeit, für durchreisende bekannte und gäste zu spielen wie früher.

sie verliebte sich in franz armand d’ippold, den direktor der salzburger pagierie. doch leopold mozart weigerte sich, seiner tochter die zustimmung zu einer heirat mit franz zu geben. er bestand auf einer sie absichernden vernunftehe. spät, mit 33, heiratete sie schließlich johann baptist franz von berchtold zu sonnenburg. er war 49, zweifacher witwer, vater von fünf kindern, jurist und pfleger (amtsrichter) in st. gilgen am wolfgangsee. ihr bruder schrieb ihr zu vermählung einen vers: „drum, wenn dein mann dir finstre mienen, die du nicht glaubest zu verdienen, in seiner üblen laune macht: so denke, das ist männergrille, und sag: herr es gescheh dein wille beytag – und meiner bey der nacht.“

im langweiligen st. gilgen musste sich nannerl um den nachwuchs ihres mannes kümmern und bekam drei eigene kinder, von denen zwei früh starben. 1801, nach dem tod des gatten, kehrte sie nach salzburg zurück; ihr vater war bereits 1787, ihr bruder 1791 gestorben und mit ihrer verhassten schwägerin constanze hatte sie den kontakt abgebrochen. nannerl gab nun wieder klavierunterricht und kümmerte sich um die gesamtausgabe der werke ihres bruders und dessen biografie. bis sie erblindete und 1829 starb.

wie bei vielen talentierten frauen – wie bei fanny hensel, der schwester felix mendelssohns – kann man sich auch bei maria anna mozart fragen, was ohne die konventionen der zeit und mit entsprechender förderung aus ihr hätte werden können – ganz sicher mehr als nur „die schwester“ eines genies gewesen zu sein.

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