nadia boulanger – die wohl herausragendeste musikpädagogin des letzten jahrhunderts
sie wird 1887 in eine musikerfamilie hineingeboren, der vater, ernest boulanger, ist professor am conservatoire de paris, die mutter, raïssa mychetsky, eine aus russland stammende prinzessin und ex-studentin ihres mannes. von der mutter streng erzogen, beschließt nadia mit 6, musikerin zu werden, wird mit 9 im conservatoire national die jüngste schülerin, gibt mit 14 ihr erstes konzert und beginnt aus geldnot (der vater war inzwischen gestorben) mit 17 selbst zu unterrichten…
„mademoiselle boulanger“ gibt in der neuen école normale als erste frau harmonielehre, kontrapunkt, orgel und komposition. als walter damrosch, präsident der american friends of musicians in france, eine musikschule für amerikaner gründet, ist sie dabei, und wird 1921 professorin für harmonielehre und der 20-jährige aaron copland einer ihrer ersten amerikanischen schüler.
im gleichen jahr beginnen auch ihre berühmten „mercredis à rue ballu“, die wöchentlichen mittwochs-unterrichtsstunden in ihrer wohnung. die geladenen schüler*innen (oft bis zu 50) sitzen im halbkreis um das klavier und bekommen zwei stunden unterricht, gefolgt von diskussionen bei tee und kuchen. und sie lernen berühmte besucher wie igor stravinsky oder paul valéry kennen. zu beginn unterrichtet boulanger hauptsächlich schülerinnen aus guter familie. doch mit der der zeit besuchen fast nur männer ihre mittwochsstunden, unter anderem stravinskys söhne.
1924 fährt boulanger erstmals nach amerika, gibt konzerte, vorträge und baut sich ein netzwerk auf. es folgen x weitere usa-reisen. 1938 ist sie die erste frau, die das boston symphony orchestra dirigiert, nach dem ausbruch des weltkrieges versteckt sie eine zeitlang ihren freund igor stravinsky und vera sudeikin, geht 1940 ebenfalls ganz nach amerika und kommt erst 1946 zurück nach paris. sie bekommt den langersehnten job am conservatoire national als professorin für accompagnement au piano, wird kompositionslehrerin am conservatoire américain und später dessen direktorin. sie bemüht sich um stipendien für talentierte, behandelt als eine der wenigen alte und neue musik zugleich, unterrichtet nun auch musikgeschichte und ein neues fach: pädagogik und führt ihre mittwochsrunden und auch die lehrreisen in den usa fort. ihre „boulangerie“ besteht aus zum teil sehr jungen schülern, aber auch aus komponisten-freunden wie ravel, honegger, menuhin und bernstein. die dominante strenge pädagogin mit der tiefen stimme, der unkonventionellen kleidung und der harten selbstdiziplin, die sie auch von anderen erwartet, ist so gefürchtet wie geachtet. „when i teach, i throw out the seeds. i wait to see who grabs them… those who do grab, those who do do something with them, they are the ones who will survive. the rest, pfft!…”. ihre schüler teilt sie ein in: „talented pupils with no money, moneyed pupils with no talent, pupils with both talent and money.”
in diesen jahren führt für viele musiker*innen, komponist*innen und lehrende kein weg an nadia boulanger vorbei. wer mit seiner musik erfolgreich werden will, besucht ihre kurse oder reist nach paris, um bei ihr unterricht zu nehmen. wie der junge philip glass, der sich seiner defizite in puncto theorie-unterricht bewußt ist, und wie viele andere amerikaner nach paris kommt, um bei ihr zu den „basic musical principles“ zurückzukehren. glass rückblickend: „boulanger was the best teacher i had. she was thorough and conscientious, and had us study composition by studying only bach and mozart. she rarely looked at new works. i don’t teach, myself; i just don’t find it a convenient situation. but if i did, i might work the way she did: there would be lots of counterpoint, harmonic analysis, and very hard work.”
nadia boulanger, die nie geheiratet hat und keine kinder hatte, stirbt 1979. „my life has been spent teaching… iI have conducted… that was the one luxury of my life.”

