Die „Frozen Chosen“

4. Juli 1959: Alaska tritt als Nr. 49 den Vereinigten Staaten bei. Bei „Alaska“ fiel mir ein köstlicher Kriminalroman wieder ein, der 2008 bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erschienen ist, und den ich als großen Lesespaß gern noch mal wärmstens empfehle: „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ von Michael Chabon.

Der trinkfreudige, frisch geschiedene Polizist Meyer Landsman untersucht den Mord an Mendel Shpilman alias Emanuel Lasker, einem früher als Messias und Schachgenie gehandelten Rabbinersohn und Junkie, der sich die Venen mit Tefillin (Gebetsriemen) abbindet. Soweit so gut. Nur befindet sich der Handlungsort – das abgewrackte Hotel Zamenhof – am Ende der Welt, in Sitka/Alaska.

Nach dem Willen seines außerordentlich fabulierfreudigen Schöpfers, des Pulitzer-Preisträgers Michael Chabon, haben die USA den Juden diesen gottverlassenen Distrikt überlassen, nachdem der Staat Israel kurz nach seiner Gründung gleich wieder eingegangen war. Doch das Siedlungsrecht am Ende der Welt währte nur 60 Jahre. Und die sind nun um!

Die „frozen chosen“ sind erneut vogelfrei, Exil ist (für) immer. Die Amerikaner wollen den Distrikt zurück, die Juden sollen gehen. Vorher müssen die offenen Mordfälle aber noch aufgeklärt werden…

Doch selbst wer keinen Spaß an lässigen Plots nach Philipp-Marlow-Manier hat, die hier auch noch in wahnwitzige Verschwörungsszenarien münden (zionistische Exilanten, christliche Fundis und die US-Regierung sprengen den Felsendom im arabisch beherrschten Jerusalem), kommt auf seine Kosten. Chabons so verblüffende wie treffend witzige Sprache und die überbordende Phantasie, mit der er seine jüdische Heimstatt auf Zeit, sein unheiliges Land von Milch und Schnee detailgenau ausmalt, sind Lesevergnügen pur. In Sitka ist Jiddisch Amts- und Alltagssprache, es gibt Donuts (die Schtekele heißen), Handys (Shoyfer), Revolver (Scholem), Schläger (Schtarke), Informanten (Schtinker), Streifenpolizisten (Latkes) und Polizisten (Nos). Man bewegt sich zwischen Untershtot (Downtown), Ringelblum-Avenue und Shvartser Yam (Schwarzes Meer).
Und die „Eiserwählten“ bestehen aus einem wilden Panoptikum lustvoll gezeichneter schräger Figuren, die der „Reversion“ scheinbar stoisch entgegensehen („Seltsame Zeiten für Juden“): Indianer (auch ein halb jüdischer), Schachspieler, eine Mafia aus radikalen Zionisten und orthodoxen Schwarzhüten von Samarern bis Verbovern (mit Eruw und allem Drum und Dran), resoluten Damen wie Landsmans Ex-Frau und Chefin Bina Gelbfish und Leute, die Penguin Simkowitz, Yacheved Flederman oder Shprintzel Rudashevsky heißen (letzterer Stimme erinnert „an eine in einem Eimer rollende Zwiebel“ – großartig).

Michael Chabon, der sich selbst in der Tradition Isaac Babels und Chandlers sieht, freut sich, dass die Coen-Brüder seinen Krimi verfilmen wollen. Wer wäre geeigneter! (haben sie aber bisher leider noch nicht getan)

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