Kamtschadalische Frisur

Friedrich Engels am 16. April 1842 in einem Brief an seine Schwester Marie über den damaligen „Popstar“ Franz Liszt und seine Berliner „Groupies“:

„Dass der Herr Liszt hier gewesen ist und durch sein Klavierspielen alle Damen entzückt hat, wirst Du wohl noch nicht gehört haben. Die Berliner Damen sind aber so vernarrt gewesen, dass sie sich im Konzert um einen Handschuh von Liszt, den er hatte fallenlassen, komplett geprügelt haben, und zwei Schwestern, deren eine ihn der andern abnahm, deshalb in ewige Feindschaft gerieten. Den Tee, den der grosse Liszt in einer Tasse stehenliess, goss sich die Gräfin Schlippenbach in ihr Eau de Cologne-Flakon, nachdem sie die Eau de Cologne auf die Erde gegossen hatte; seitdem hat sie dies Flakon versiegelt und auf ihren Sekretär zum ewigen Andenken hingestellt und entzückt sich jeden Morgen daran, wie auf einer deshalb erschienen Karikatur zu sehen ist. Es ist ein Skandal gewesen wie bisher noch nie. Die jungen Damen haben sich um ihn gerissen, und dabei hat er sie alle ganz entsetzlich links liegengelassen und lieber mit ein paar Studenten Champagner getrunken. Aber in jedem Hause sind ein paar Bilder von dem grossen, liebenswürdigen, himmlischen, genialen, göttlichen Liszt zu sehen. Ich will Dir doch auch ein Konterfei davon machen: Das ist der Mann mit der kamtschadalischen Frisur.

Übrigens hat er gewiss 10000 Taler verdient, und seine Rechnung im Wirtshause betrug 3000 Taler. Ungerechnet, was er sonst noch verkneipt hat. Ja, ich sage Dir, das ist ein Mann! Der trinkt täglich zwanzig Tassen Kaffee, auf jede Tasse vier Lot, zehn Flaschen Champagner, woraus mit ziemlicher Sicherheit geschlossen werden kann, dass er in einem fort währenden gewissen Trane lebt, wie sich dies auch bestätigt. Jetzt ist er nach Russland gegangen, und es fragt sich, ob die Damen dort auch so verrückt werden können.“

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