
„Mich versuchte er nie umzubiegen. Er respektierte, dass ich politisch auf einem anderen Dampfer war“, schrieb Helmut Kohl in seinen Lebenserinnerungen über den damaligen Gymnasiallehrer Otto Stamfort (1901–1981).
Anders als Alt-Kanzler Kohl ist Otto Stamfort fast vergessen und bis auf Eckdaten auch nicht allzuviel über ihn bekannt. Er wurde am 26. November 1901 im niedersächsischen Stemmen (Lippe) als ältestes Kind des jüdischen Kaufmanns Bernhard Stamfort, ebenfalls aus Stemmen und seiner Frau Ida Uhlmann aus Bad Driburg in Westfalen, geboren. Otto Stamfort machte 1922 in Rinteln Abitur, studierte in Würzburg und Göttingen Mathematik und Physik, legte in Hannover das pädagogische Examen ab, wurde 1931 in Braunschweig promoviert und unterrichtete von 1927 bis 1933 Mathematik an verschiedenen Schulen, u.a. in Göttingen und Hannover.
Wie alle, die unter der NS-Herrschaft als Juden galten, wurde Stamfort im Zuge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 fristlos aus dem Staatsdienst entlassen. „Ich floh noch im selben Monat nach Frankreich, um der Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen“, schreibt er 1963. Sein Bruder Paul gelangte 1934 ebenfalls über Italien nach Frankreich, wurde dort verhaftet, konnte aber später nach England einreisen, wo er zunächst interniert wurde, später aber in der Britsh Army diente. Die zurückgebliebenen Mitglieder der Familie Stamfort hingegen ereilte das Schicksal der Mehrheit der deutschen Juden. Ottos Stamforts Schwester Käthe Sundheimer und ihr Mann wurden 1941 nach Riga und die Eltern 1942 nach Theresienstadt deportiert – niemand von ihnen überlebte den Holocaust.
In Paris schloss sich der nun 33-jährige Stamfort dem ISK an, dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund an, einer sozialistischen Absplitterung der SPD, und er wurde Mitglied des Verbands deutscher Lehreremigranten (Union des instituteurs allemands émigrés), kurz: Union genannt. Die „Union“ organisierte die aus dem deutschsprachigen Raum geflohenen antifaschistischen Lehrer, sie versuchte Stellen zu vermitteln, juristisch zu helfen und etliche ihrer Mitglieder bauten im Exil Schulen auf. Vor allem aber arbeiteten sie an Plänen für die Schule des „Vierten“ Reiches – sie entwarfen ein „Sozialistisches Schul- und Erziehungsprogramm“ für ein Deutschland nach Hitler. Mit der Besetzung Frankreichs fand die Arbeit des Verbands ein abruptes Ende. Einige Mitglieder wurden interniert, andere konnten fliehen. Otto Stamfort, der in Paris mangels Arbeitsmöglichkeiten als Lehrer eine Ausbildung zum Feinmechaniker gemacht und dann als Hilfsschlosser bei der Eisenbahn und in der Materialausgabe einer Fabrik gearbeitet hatte, wo er sich eine schwere Handverletzung zuzog, die ihn Zeit seines Lebens behinderte, wurde im November 1940 in eine französische Arbeitskompanie gesteckt. Deren Angehörige wurden später an die Deutschen ausgeliefert. Stamfort jedoch konnte Anfang 1943 fliehen. „Bis zur Befreiung Frankreichs lebte ich dann illegal“, schrieb er später. Inzwischen war er auch verheiratet, mit Hilde Ahrens, die er in Paris kennengelernt hatte, und die in Marseille und Toulouse als Übersetzerin für antifaschistische Einrichtungen arbeitete.
Nach der Befreiung Südfrankreichs wurde Stamfort im Herbst 1944 Sekretär der Vereinigung deutscher Antifaschisten „Freies Deutschland“ in Toulouse und Vizepräsident des französischen Zweiges des NKFD. Nebenher unterrichtete er als Nachhilfelehrer.
1946 kehrte das Ehepaar Stamfort nach Deutschland zurück. Otto Stamfort wurde Studienrat und Mathematiklehrer an der Oberrealschule in Ludwigshafen. Und hier ging eben auch Helmut Kohl zur Schule, bei dem der Lehrer einen bleibenden Eindruck hinterließ. Kohl erinnerte sich: „Eine der seltsamsten Erfahrungen meines Lebens ist, dass in dieser Nachkriegszeit, in der alles wie umgestülpt schien, eines Tages in unserem Gymnasium ein neuer Lehrer auftauchte, der großen Eindruck auf mich machte: Dr. Otto Stamfort, Jude und Kommunist, Mathematiker und Physiker. Er wohnte (…) nur hundert Meter entfernt von meinem Elternhaus, neben dem langen Garten. Ich besuchte meinen Mathelehrer, den überzeugten Marxisten, wöchentlich in seiner Wohnung, um mit ihm und einem kleinen Kreis von anderen Schülern über Politik und Philosophie zu diskutieren (…) Wir haben noch viele Jahre miteinander korrespondiert. 1969 gratulierte er mir zu meiner Wahl zum Ministerpräsidenten…“
Laut Helmut Kohl hat Otto Stamfort in der Französischen Besatzungszone auch den kommunistischen Jugendverband „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) „ins Leben gerufen“ und wurde 1947 deren Landesleiter in Rheinland-Pfalz, während seine Frau der pfälzischen Bezirksleitung der KPD angehört habe. Genaugenommen hat Otto Stamford eine der regionalen Gruppen etabliert. Einzelnen FDJ-Gruppen waren ja bereits 1936 in Paris gegründet worden (wo auch Stamford bereits in der „Freien Deutschen Bewegung“ aktiv war)und 1938 in Prag. Ihre Arbeit verlagerte sich durch die Besetzung Frankreichs und der Tschechoslowakei ab 1939 nach England, wo während des Krieges FDJ-Gruppen in zwei Dutzend Städten entstanden, die sich vor allem aus jungen jüdischen Emigranten rekrutierten und wo bereits das FDJ-Symbol entstand, die aufgehende Sonne auf blauem Grund (entworfen von Emma Feistmann, einer späteren Schmuckdesignerin). Vor allem diese Rückkehrer aus England waren es, die nun in Deutschland einen neuen Anlauf nahmen, der am 7. März 1946 in der SBZ in die von Moskau abgesegnete Gründung der gleichnamigen Jugendorganisation der KPD mündete. Etliche der Re-Migranten übernahmen in der Folge wichtige Funktionen im neuen Jugendverband (Horst Brie, Adolf Buchholz, Horst Brasch) und auch in den Westzonen wurde auf Rückkehrer gebaut, wie eben auf Studienrat Dr. Otto Stamfort, der von 1946 bis 1948 ehrenamtlicher Vorsitzender der FDJ in Rheinland-Pfalz war.
Möglicherweise war Otto Stamfort enttäuscht davon, dass die progressiven pädagogischen Programme für das Nachkriegsdeutschland, die die „Union“ in Paris diskutiert hatte, sich in den westlichen Besatzungszonen nicht umsetzen ließen oder er hoffte wie so viele andere linke Juden, im Osten ein besseres Deutschland aufbauen zu können. Jedenfalls siedelten und seine Frau im Mai 1948 aus der Rheinpfalz in die sowjetische Zone über. Otto Stamfort wurde in Weimar zunächst Oberreferent im Ministerium für Volksbildung des Landes Thüringen und ab 1949 Leiter der Schulabteilung. Noch vor der Auflösung des Landes Thüringen wechselte Stamfort nach Jena und wurde Dozent für Mathematik und Physik an die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität und bald auch deren zweiter Studiendirektor, zuständig für den naturwissenschaftlichen Teil der Ausbildung und inzwischen 1200 Studenten.
1959 wurde Stamfort Professor mit Lehrauftrag für das Fach „Methodik des Mathematikunterrichts“ (seit 1964 mit vollem Lehrauftrag), 1961 Direktor der Abteilung für Unterrichtsmethodik, 1965 Direktor des Instituts für Mathematik und 1966 Direktor der Abteilung Schulmathematik und Methodik des Mathematikunterrichts. Er war auch einer der Prorektoren der Universität, wollte aber immer lieber lehren und ließ sich 1961 von dieser Funktion entbinden. Auch nachdem er 1967 offiziell emeritiert worden war, hielt er bis in die Mitte der 1970er-Jahre weiter Vorlesungen zur Geschichte der Mathematik und Philosophie an der Uni Jena.
Die DDR ehrte Stamfort mit dem Titel „Verdienter Lehrer des Volkes“ und dem „Vaterländischen Verdienstorden“ und die Parteizeitung „Neues Deutschland“ druckte zu runden Geburtstagen regelmäßig Glückwünsche des Zentralkomitees der SED für deren verdienstvolles Mitglied ab. Nach seinem Tod 1981 in Jena verblasste die Erinnerung an Otto Stamfort. In neueren Universitätsgeschichten ist sein Name nicht mehr zu finden.
Und doch muss Otto Stamfort ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein, und mit ganzem Herzen Lehrende. Ihm ist maßgeblich die hohe Qualität der Ausbildung von Mathematiklehrern zu verdanken, außerdem die Einrichtung der Mathematik-Olympiaden an den DDR-Schulen, und dass zum Beispiel auch Studenten der Philosophie (Stamforts zweite große Liebe) Mathematik-Vorlesungen bekamen, um ihren Horizont zu erweitern und ihr logisches Denken zu schulen.
Seine ehemaligen Studenten und Kollegen schätzten ihn als einen bescheiden auftretenden Mann, der immer ein offenes Ohr für die Studenten hatte, aber auch viel von ihnen verlangte. Einer erinnert sich, dass der Professor hin und wieder persönlich im Wohnheim aufgetaucht ist, um nachzusehen, ob seine Schäflein auch aufgestanden waren und zur Vorlesung gingen und wenn nicht, habe er sie selbst geweckt. Und als sich einmal ein Student über zu viel Arbeit im Studium beschwert hatte, habe Stamfort geantwortet, so ein ehemaliger Mitdozent: „Ja. Sie müssen sich daran gewöhnen. Der Tag hat 24 Stunden. Und wenn Ihnen das nicht reicht, müssen Sie die Nacht dazu nehmen“.
