Schlemiel und die Saubohnen

„Wie sich der Chanukaleuchter des Ziegenfellhändlers Cohn in Pinne zum Christbaum des Commerzienrats Conrad in der Tiergartenstraße (Berlin W.) entwickelte.“

Mich hat schon lange geärgert, dass diese großartige Karikatur überall nur angeschnitten zu finden ist. Also habe ich die ganze Zeitschrift „Schlemiel“, in der das Bild 1904 erschienen ist, gesucht und beim Leo Back Institut online gefunden.

Bei Wikipedia ist zu lesen, dieser Nachfolger einer 1-Nummern-Ausgabe namens „Der Schlemihl“ (mit „h“) vom Mai 1903 sei als „Schlemiel. Jüdische Blätter für Humor und Kunst“ bis Mai 1905 weiter erschienen und der Arzt Dr. Max Jungmann der Chefredakteur gewesen. Nun fast: Die Zeitschrift erschien vom 1. November 1903 bis 1. Juni 1905, der Untertitel lautete „Illustriertes jüdisches Witzblatt“, und Jungmann war Chefredakteur und Herausgeber in einer Person. Es war die zweite jüdische Satirezeitschrift in Deutschland. Vor ihr hatten schon Siegfried Meyer 1899 in Berlin mit „Gut Woch“ und 1900 die Brüder Anton und Donat Herrnfeld mit „Der Chochem“ ein jüdisches Witzblatt herausgegegeben, denen aber eine noch kürzere Existenz beschieden war.

Warum überhaupt „Schlehmihl“ und warum plötzlich „Schlemiel“ in einer neuen Schreibweise, ohne „h“ und mit „e“?
Die Einzelausgabe vom Mai hatte der Anwalt und Zionist Leo Winz auf Anregung von Theodor Herzl himself neben seiner Monatsschrift „Ost West“ im Verlag von Julius Moses herausgegeben, der auch den „General-Anzeiger für die gesamten Interessen des Judentums“ verlegte. „Schlehmihl“, hier als eine Art jüdischer Hofnarr, wollte seine Umgebung lächerlich machen, die Heuchelei der Hohen entlarven und schmerzliche Wahrheiten aussprechen. Doch obwohl ein monatliches Erscheinen geplant war, wurde das Blatt schon nach dieser einen Nummer wieder eingestellt.
Im September 1903 aber schrieb Theodor Herzl an den Zionisten Alfred Klee, seinen Vertrauten in Berlin, dass Winz beabsichtige, den Schlemihl neu herauszugeben. Herzl, inzwischen mit Winz verfeindet (u.a. hatte der gewagt, in der Zeitschrift „Ost und West“ eine Kritik von Achad Ha’am an seinem Roman „Altneuland“ abzudrucken), forderte Klee in dem Brief nun auf, diskret die früheren Redakteure (Max Jungmann, Sammy Gronemann, Theodor Zlocisti und Emil Simonsohn) zu kontaktieren und sie zu überzeugen, das Blatt an Winz vorbei und ohne ihn weiterzuführen. Nach der Erinnerung Gronemanns hat Herzl sich aber schon im August während des 5. Zionistenkongresses in Basel mit dem Wunsch nach einer Fortsetzung des Blattes an ihn gewandt. How ever. So dürfte sich jedenfalls der leicht geänderte Name erklären, der Winz für eine gerichtliche Auseinandersetzung den Wind aus den Segeln nahm.

In Nr. 2 findet sich dann auch gleich ein Bezug zum Ur-Schlemi(h)(e)l“ – der Vers eines tatsächlichen oder erfundenen Leserbriefschreibers:

Dem Schlemiel ins Stammbuch:
Der Schlemihl mit h erschien im Monat Mai,
Und flugs war seine Herrlichkeit vorbei.
Dem Schlemiel mit e
Wünsch ich der Monate zwee.“

Es wurden mehr als zwei Monate. Gestalterisch und inhaltlich am „Kladderadatsch“ und am „Simplicissimus“ orientiert, arbeitete sich der „Schlemiel“ wie diese satirisch an politische Ereig­nissen und Persönlichkeiten ab, hier nun mit jüdischem Fokus. Die bissigen Kritiken trafen zionistische Funktionäre aus assimiliertem Milieus, die in jüdischen Dingen unbewandert waren, genauso wie Reformrabbiner, die sich durch Assimilation und übertriebenen Patriotismus lächerlich machten, aber auch die seriöse jüdische Presse und Ereignisse wie die Pogrome in Russland, den wachsenden Alltagsantisemitismus in Deutschland und innerzionistische Konflikte. Besonders großen Raum nahm die Uganda-Debatte ein. Max Jungmann selbst gehörte ja zu den wenigen deutschen Zionisten, die den Vorschlag, ein „Nachtasyl“ für die verfolgten Juden in Uganda zu schaffen, ablehnten: „…da ja mein Zionismus aus nationaljüdischer Begeisterung und Palästinaschwärmerei, nicht jedoch in er­ster Linie aus Judensorgen entstanden war.“ Und so schilderte er die Reaktionen eines imaginären ugandischen Häuptlings auf den dortigen neuen jüdischen Staat und verspottete dabei die Mizrahi-Fraktion, die den Plan unterstützte, aber auch dessen Gegner, weil die das Thema nutzten, um Herzl persönlich anzugreifen.

Und er war schließlich der „Spiritus rector“ hinter dem Blatt. Weil ihm nichts anderes übrig blieb. Seine Mitstreiter ließen ihn nicht selten hängen und oft hatte er den Inhalt einer Nummer fast allein zu bestreiten, auch wenn sich hin und wieder neben den oben genannten Autoren namhafte Zionisten wie Max Nordau, Leon Kellner oder Heinrich York-Steiner beteiligten.

Gleich in der ersten Ausgabe vom November 1903 ist die heute sehr bekannte, elegante Karikatur von Theodor Herzl als „Dem größten Juden der Gegenwart“ abgebildet. Der Zionistenführer schätzte das Witzblatt als „lustiges Kampforgan gegen das Gemeindeassimilantentum“ und spendierte sogar aus eigener Tasche Preise für die besten humoristischen oder satirischen Beiträge, die ab der dritten Nummer (allerdings als anonyme Anzeigen) im Blatt ausgelobt wurden.

Die Hände ringend gesuchten Mitarbeiter blieben trotzdem aus. Max Jungmann bat auch Theodor Herzl selbst mehrfach um einen Beitrag, doch der schien zu dieser Zeit schon zu verbittert. In seiner abschließenden abschlägigen Antwortet heißt es: „Beim besten Willen kann ich Ihnen den gewünschten Beitrag für Ihr Blatt nicht schicken, weil die gute Laune bei mir schon längst vollständig versiegt ist, namentlich aber, seitdem ich in unserer Bewegung bin. Sie werden mir das wohl nachfühlen.“

Und unser zum Christbaum mutierter Chanukka-Leuchter? Der findet sich endlich in der ersten Ausgabe des 2. Jahrgangs vom 1.Januar 1904. Aber er ist nur ein Motiv aus einer ganzen Reihe „darwinistischer“ Mutationen im „Schlemiel“, die die den verschämten Umgang akkulturierter deutscher Juden mit ihrer Jüdischkeit oder deren Bestreben sich taufen zu lassen und als Juden „unsichtbar“ zu werden, aufs Korn nehmen.

Die August-Ausgabe 1904 kam dann als „Herzl-Nummer“. Theodor Herzl war am 3. Juli verstorben, und die Erschütterung, die die zioni­stische Bewegung nach seinem Tod durchmachte, spiegelt sich auch im „Schlemiel“ wieder. Das Heft war, diesmal völlig Ironie-frei, mit Texten und Gedichten bekannter Zionisten komplett dem hingeschiedenen Führer gewidmet, der noch auf dem Krankenlager die fällige Nummer ungeduldig erwartet hatte.
Doch ab der nächster Nummer ging es im bekannten süffisanten Stil weiter. Jungmann verspottet dilettantische zionistische Funktionäre, die wie etwa einen, der immer wieder einen bestimmten jüdischen Experten namens Hausmann zitierte, bis sich herausstellt, dass sein „Experte“ kein anderer als die hebräische Zeitung „Ha-Zman“ war.
Einige Beispiele aus dem Blatt:

Der Chosid (Chassid)

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Eine halbseitige Anzeige: Zum herannahenden Weihnachtsfeste empfehle ich schon jetzt mein reich assortiertes Lager von Aerzten, Rechtsanwälten, Bankiers, Apothekern, Kaufleuten etc. – Aerzte und Rechtsanwälte schon von 50000 Mark an, mit Praxis von 75000 Mark, blonde von 90000 Mark, mit christlicher Verwandtschaft von 100000 Mark aufwärts. Zur Zeit ist ein Vize-Feldwebel der Reserve preiswert auf Lager, Spezialität: Neigungsheiraten, schon von 15000 Mark an. Wenig beschädigte Exemplare sehr billig. Besichtigung erbeten. Kein Kaufzwang, Umtausch nach dem Fest gestattet.
Ch. Jossel, Partiewarenhandlung

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In einer Berliner Mädchenschule fragte die Lehrerin ein jüdisches Kind, zu welcher Rasse die Juden gehören, worauf die richtige Antwort erfolgte: „Zur semitischen.“
Darauf wandte sich die Dame an eine andere Schülerin mit der Frage: ,,Und zu welcher Rasse gehören die Deutschen, mein Kind?“ ,,Zur antisemitischen“, erwiderte das Mädchen.

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Anatoli Michailovich Stößel (Stessel) war Baron und General in der Kaiserlich Russischen Armee u.a. während des Boxeraufstands und des russisch-japanischen Kriegs, und lt. deutscher Wikipedia der Sohn von Vinogradov St., laut russischer der von Ivan Matveevich St., der wiederum der Sohn eines Matvei Antonovich St. war. Ob der Gute jüdische Vorfahren hatte, habe ich nicht herausgefunden. Aber der „Schlemiel“ war sich sicher:

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In der Sektion H. des deutschen Alpenklubs haben sich bei der Ballotage über neu aufzunehmende Mitglieder antisemitische Tendenzen gezeigt. Da deren Vertreter jedoch in der Minorität blieben, sind sie vor kurzem ausgetreten und haben eine eigene Sektion gebildet, die von der hinterbliebenen Majorität als Sektion Allgoi bezeichnet wird.
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Eine Berliner Repräsentantenversammlung.
_Der Vorsteher: Nunmehr, meine Herren, kommen wir zu dem Antrag betr. Einrichtung einer koscheren Schweineschlächterei in der Rykestraße. Ich verlese zunächst die Gutachten der Rabbiner.
_Rabb. Junibaum schreibt: Sie bitten mich um ein Gutachten darüber, ob in der Rykestraße eine koschere Schweineschlächterei am Platze wäre. Ich nehme an, daß Sie sich deshalb gerade an mich wenden, weil Sie wissen, daß ich durch meine 22 Jahre lange Tätigkeit in dieser Gemeinde am besten beurteilen kann, ob ein solches Institut notwendig ist. Ich setze voraus, daß es sich hierbei lediglich um eine Frage der Taktik, nicht um ein Prinzip handelt; denn prinzipiell ist ja die Angelegenheit für Berlin glücklicherweise längst entschieden. Das Schweinefleisch ist einem sehr großen Teil unserer israelitischen Mitbürger gleichsam zur zweiten Natur geworden. Der Schinken gilt uns heute als ein Symbol des Fortschritts und des Patriotismus, insofern als er 1) das Tischtuch zwischen uns und unseren nichtjüdischen Landsleuten undurchschnitten läßt und 2) dem deutschen Volke zeigt, daß wir uns ohne Furcht vor Trichinen an der Konsumtion der Schweine beteiligen und dadurch mitarbeiten an der Hebung der deutschen Landwirtschaft. Darum sollte man auf eine fanatische Minderheit zugunsten der großen Gemeinheit keine Rücksicht nehmen und schleunigst an die Errichtung der Schweineschlächterei herantreten. Ob in der Ryke- oder in der Kaiserstraße, ist mir Blutwurst.
_Rabb, Dornenzweig schreibt: Es ist traurig, daß man im 20. Jahrhundert noch über Dinge streiten muß, die schon vor der Geburt unseres Religionsstifters Mose ihre Erledigung fanden. Zweifellos haben die Juden zu Nimrods und zu Esaus Zeiten Schweinefleisch gegessen; denn sonst hätte es nicht später ausdrücklich verboten werden müssen. Noah, der Gerechte, der Fromme, hat sogar nachweislich zwei Schweine in seiner Arche gehabt, wodurch ja erst die Existenz unserer zeitgenössischen Schweine ermöglicht wurde. [ Man erkennt daraus, daß unsere Glaubensgenossen im Altertum bereits einen Hauch des liberalen Geistes verspürten. Möge er endlich auch kommen auf das Haupt unserer gottverlassenen Brüder des Nordens! Zur Frage, ob die Schweineschlächterei eine koschere sein soll, muß ich mich im negativen Sinne äußern. In den Schaufenstern der trefenen Fleischläden liegt stets ein Schweinskopf aus, der eine Zitrone im Maul hält, wodurch dem Beschauer natürlich das Wasser im Munde zusammenläuft. Das ist ein Mittel zur Anregung des Appetits, das sich bisher glänzend bewährt hat. Da ich nicht weiß, ob beim koscheren Prinzip dieses Verfahren ebenfalls Eingang finden wird, rate ich für alle Fälle die gute christliche Sitte anzunehmen, nicht etwa um den Christen nachzuahmen, sondern um unseren Mitbürgern mosaischer Konfession die Segnungen moderner Kultur zugänglich zu machen.
_Rabb. Schwarze schreibt: Vor allen Dingen muß das religiöse Empfinden derjenigen berücksichtigt werden, für die die Schweineschlächterei in erster Linie bestimmt ist. Auf dieses Publikum üben die aus dem Annoncenteil des „Berl. Tag.“ jedem Israeliten bekannten Buchstaben einen eigenartigen Reiz aus. Ich bin der Ansicht, daß man diesem Publikum gewisse unschädliche Liebhabereien lassen muß, wenn man ihnen den Eingang einer neuen Kultur nicht verdächtig machen will. So haben ja auch die Propagandisten des Christentums den heidnischen Völkern einen großen Teil ihrer ererbten Traditionen gelassen, ja sie sogar mit dem Geiste des Christentums verquickt; so gibt es in der Tat heute eine Reihe scheinbar christlicher Gebräuche, die aber doch aus einem heidnischen Ursprung hervorgingen. Von diesen alten Christen sollten wir die Taktik lernen. Daß die Schweineschlächterei notwendig ist, darüber herrscht kein Zweifel, Ob sie koscher oder trefe sein soll, ist eine Sorge zweiten Grades. Will man aber den Brüdern in der Rykestraße entgegenkommen, will man ihre Scheu gegen Bildung und gute Sitte überwinden, so darf man ihnen ihre harmlosen Gewohnheiten nicht rauben. Meiner Ansicht nach sollte daher an der Errichtung einer durch und durch koscheren Schweineschlächterei festgehalten werden.
(Fortsetzung folgt vielleicht oder auch nicht.)

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Der Mediziner und Zoologe Ernst Haeckel (1834–1919) hat sich u.a. mit Evolutionstheorien befasst und die Ideen Darwins ausgebaut: 
Ein Hirtenbrief
Ein jüngerer Rabbiner gedachte in seiner Predigt mit Unwillen des in Berlin so sehr gefeierten Professors Ernst Haeckel. Er bezeichnete den Darwinismus als eine fasche Gelehrsamkeit und verwahrte sich dagegen, daß der Mensch seinen Ursprung auf den Affen zurückzuführen habe. Darauf erhielt er vom Oberrabbiner ein Monitum folgenden Inhalts: „Geliebter Amtsbruder! Sie haben in Ihrer Predigt am 1. Peßachtage mit einer bewundernswerten Beredsamkeit, die fast die meinige erreicht, den Darwinismus erschlagen. Damit haben Sie ein großes Unrecht begangen und den Frieden in unserer Gemeinde gestört; denn wenn Sie Ihren andächtigen Zuhörern erzählen, daß der Mensch unter keinen Umständen vom Affen abstamme, ja — mein lieber Gott! wer garantiert Ihnen dann, daß die Leute nicht auf die törichte Vermutung kommen sie könnten von den alten Hebräern abstammen?! Es ist aber in unserm geliebten Vaterlande — ich meine Deutschland — viel weniger gefährlich, sich als Nachkommen eines Affen, denn als Nachkommen eines alten Hebräers zu bekennen. Dieses merken Sie sich und lassen Sie künftig den Professor Haeckel in Ruhe.
Rabbiner Soundso, Auch-Professor.

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Eine neue Spende
Der zionistischen Oeffentlichkeit unterbreiten wir folgenden neuen Plan, der bereits die polypragmatische Sanktion sämtlicher Volkserzieher im Alter von 17-24 Jahren erhalten hat. Sollte unsere Idee verwirklicht werden, so werden wir nicht verfehlen, dem großen Inaktionskomitee darüber gelegentlich eine Mitteilung zugehen zu lassen. Herr Prof. Warburg hat bei Besprechung der Oelbaumspende bereits darauf hingewiesen, daß der Boden später durch interkalare Gemüsekulturen zwischen den einzelnen Oelbäumen noch besser ausgenutzt werden könnte, und Herr Dr. A. Marmorek hat konstatiert, daß für diesen Zweck Saubohnen am geeignetsten sind. Da es feststeht, daß bis in die letzten Tage hinein noch immer Beiträge für den Nationalfonds gespendet worden sind, so eröffnen wir hiermit die Sammlungen für die neue Interkalare Saubohnenspende!
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Doch die bedrückende Stimmung und das Gefühl der Verwaisung, das sich in der zionistischen Bewegung nach dem Tod Theodor Herzls breit machte, machte auch vor dem „Schlemiel“ nicht Halt. 18 Monate später stellte die Zeitschrift im Juni 1905 ihr Erscheinen ein.
Zu Purim 1907 und 1908 produzierte Jungmann noch einmal zwei Einzelausgaben, nun mit einem hübschen neuen Untertitel: „Organ der Zione-Territorialisten“, und schüttete erneut seinen Spott über „territorialen“ Zionisten und verschiedene jüdische Siedlungspläne in Texas und Westmarokko sowie den alten Uganda-Plan aus. 


Nach dem ersten Weltkrieg, den Revolutionen in Europa, als die Balfour-Deklaration dem Zionismus in Palästina neue Ziele gesteckt hatte und die Menschheit auf bessere Zeiten hoffte, wollte es Max Jungmann noch einmal wissen. Im Juli 1919 erschien der „Schlemiel“ in neuem Format und Gewand im WeIt-VerIag Berlin, endlich auch mit dem bei Wiki genannten Untertitel: „Jüdische Blätter für Humor und Kunst“. Neben Max Jungmann, der für den literarischen Teil verantwortlich zeichnete und wieder Zionisten, Assimilationisten und jüdische Persönlichkeiten wie Max Nordau, Martin Buber und Albert Einstein aufs Korn nahm, wenn auch weniger radikal als früher, war nun Menachem Birnbaum (ein Sohn des Schriftstellers Nathan Birnbaum) Mitherausgeber und für den künstlerischen Teil zuständig. Er gestaltete auch alle Titelblätter (ganz unten ein paar Beispiele) und nahm Zeichnungen von etablierten wie unbekannten jüdischen Künstlern ins Blatt. Unter der Losung „Schlemiel aller Länder vereinigt Euch“ hatten sich zahlreiche jüdische Humoristen und Autoren zur Verfügung gestellt und so erschienen weitere 20 Nummern.

Infolge der Inflation stiegen jedoch die Herstellungskosten und der „Schlemiel“, wie es der Ver­leger begründete, „ging mit der deutschen Mark unter“. Jungmann sah das anders: „Wäre die Zahl der Abonnenten so groß gewesen wie die der Kritiker, so hätte das Blatt noch lange bestehen können.“ Doch außer Zionisten interessierte sich kaum jemand für unseren jüdischen Hofnarren.

Trotzdem gab Max Jungmann nicht auf. 1924 unternahm er einen neuen Versuch, den „Schlemiel“ wieder zu erwecken. Er überzeugte die Redaktion der „Menorah, Il­lustrierte Monatsschrift für die jüdische Familie“ in Wien, den „Schlemiel“ als Beilage herauszugeben. Sie erschien im Dezember 1924 – wie gehabt beschossen Jungmann und Bierbaum mit Wort und Zeichenstift Freund und Feind: die Ber­liner Juden, die nach Krieg, Revolu­tion und Inflation in Ahnung des ewigen Friedens friedlich an der Börse „grasten“, die heuchlerischen Zionisten, die sich in Ruhe und Sicherheit wiegten und gar nicht (mehr) die Absicht hatten, nach Eretz Israel auszuwandern oder den Jugendbund „Blau-Weiß“ mit seinen urgermanischen Sitten… Doch anscheinend irritierte das die Wiener Leser, die im Gegensatz zu den nun kritisch-freches Kabarett gewohnten Berlinern noch immer von der Glanzzeit Kaiser Franz-Josephs träumten. Die Redaktion der „Menorah“ erklärte das Projekt „Schlemiel“ im nächsten Leitartikel als beendet, da die jüdische Öffentlichkeit und Presse das Blatt „entschiedenst abgelehnt“ habe.

Einen Monat später ließ Max Jungmann in Berlin ein Sonderheft zum 50. Geburtstag des zioni­stlschen Aktivisten Alfred Klee drucken und rechnete in einem „Leitgedicht“ mit den Wienern ab. Leider hätte er nicht beachtet, was sein „Kollege“ Heinrich Heine einst geschrieben habe, nämlich, dass der „Humor sich nie heran soll wagen an Philister, denen es nicht ist gegeben, ihn zu schmecken, der unheimlich ist verstaubten Seelen: darum stechen sie ihn in die Ferse, um ihn wegzugraulen eiligst, diesen Fremden. Also kannst du wohl verstehen, dass mir mies war und ich mich zurückzog wieder ins Nirwana.“

Das war nun tatsächlich der endgültige Abgesang des „Schlemiel“.

Max Jungmann konnte 1938 noch rechtzeitig nach Palästina fliehen und starb hochbetagt 1970 mit 95 Jahren in Haifa. Menachem Birnbaum, der sich mit der Zeichnerei nicht über Wasser halten konnte, eröffnete einen Elektro-Großhandel, floh mit Frau und Töchtern nach Holland und wurde 1943 mit der ganzen Familie entweder in Auschwitz oder in Sobibor ermordet.

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