Fabelhafte Fabeln

Iwan Krylow *13. Februar 1769 – russischer Fabeldichter



DER GROSSE HERR UND DER PHILOSOPH  
Ein großer Herr, der einst in müß‘ger Stunde
mit einem Weisen allerlei besprach,
sagt‹ ihm: »Du kennst die Welt doch aus dem Grunde,
und dir liegt alles offen wie der Tag.
So gib mir Kunde,
wie‹s kommt, daß, was wir immer gründen,
Akademien, Tribunale, Kunstverbände,
sofort, wenn trocken kaum die Wände,
die ärgsten Ignoranten sich drin finden?
Gibt es dagegen keinen Bann?« –
»Ich glaube kaum«, versetzt der weise Mann,
»mit solchen Körperschaften, nur ich sag‹s nicht laut,
ist‹s wie mit Häusern, die von Holz gebaut.« –
»Wie das?« – »Ja, sieh, ich habe jüngst eins aufgeführt,
und ehe ich noch selber es bezogen,
da hatten längst schon, ungelogen,
die Schaben sich drin einquartiert.«

DER FROSCH UND DER STIER
Der Frosch sieht auf der Wiese einen Stier,
und neidisch, wie er ist,
er sich vermißt,
es gleich zu tun an Umfang diesem Tier.  
Er ächzt und krächzt und stöhnt und keucht,
indem er sich bemüht, sich aufzublasen.
Dann fragt er eine seiner Basen:
»Sag, ist des Stieres Dicke bald erreicht?« –
»Mitnichten, davon bist du himmelweit.« – 

»Jetzt aber sieh, wie ich mich breit gemacht,
jetzt bin ich feister doch?« – 
»Kaum eine Kleinigkeit.« –
»Das hätt‹ ich nicht gedacht,
allein gib acht:
Nun sag, wie ist es jetzt?« –
»Es ist noch immer so.« 

Den Frosch verdroß das Wort,
er bläst sich auf in einem fort,
bis er zuletzt,
da er sich wütend dehnte und sich streckte,
barst und verreckte.
Das kann man wohl des öfteren erleben –
was Wunder auch, wenn die Beschränkten sich vergessen
und sich den edlen Anschein geben,
als könnten sie sich mit den Größten messen.

DER Affe UND DIE BRILLEN  
Ein Affe alterte, und sein Gesicht ward schwach.
Da ließ er sich erzählen,
bei Menschen sei das noch kein großes Ungemach,
man brauche eine Brille nur zu wählen.
Der Affe holt sich drum ein halbes Dutzend Brillen,
und dreht sich hin und her um des Versuches willen.
Er drückt sie an die Stirn, er rückt sie bis zum Schwanz,
bald riecht er, und bald leckt er dran,
die Brillen haben Wirkung nicht getan.
»Zum Henker«, ruft er, »der ist auch ein Tor,
der alles glaubt, was Menschen schwatzen,
was logen sie mir doch von Brillen vor,
die wahrlich wert sind keinen Batzen!«
Drauf hat der Aff‹, vom Zorne hingerissen,
die Brillen so an einen Stein geschmissen,
daß sie in Splitter gehn und daß die Funken stieben.
Bei Menschen auch wird‘s anders nicht getrieben.
Wie nützlich immer eine Sache sei,
der Ignorant, dem sie noch neu,
kann ihren Nutzen nicht verstehen
und weiß sie nur zu schmähen;
und ist er gar noch angesehen,
verfolgt er den Erfinder sonder Scheu.   

DIE TRUHE
Gar häufig kommt uns vor der Fall,
daß man mit vielem Wissensschwall
sich quält, wo’s nur gilt, ohne Zagen
die Sache selber zu befragen.
Vom Schreiner brachte man zu jemand eine Truh‹.
Das saubre Stück war eine rechte Augenweide,
und jeglicher hat daran seine Freude.
Ein Jünger der Mechanik tritt hinzu;
der sieht die Truhe an und ruft: »Ah, ein Geheimnis!
Jawohl, sie hat kein Schloß –
nun, nun, ich öffne sie Euch ohne Säumnis.
Seht mich nicht an so groß!
Ich find‹ es schon heraus, ich öffne Euch die Truhe,
in der Mechanik habe ich was los – das läßt mir keine Ruhe.«
Er macht sich an die Truhe flugs,
er späht nach allem wie ein Luchs,
zerquält sein Hirn, o Jammer,
drückt auf ’nen Nagel bald 
und bald auf eine Klammer.
Wer so sein Tun erblickt,
hält ihn für halb verrückt,
man flüstert und man lacht,
er aber murmelt immer sacht:
»Hier nicht, so nicht, da nicht.«  
Sein Eifer wächst, er schwitzt 
und schwitzt und meint, er sei verhext.
Doch wie die Kraft zu Ende geht,
läßt er die Truhe, wie sie steht.
Die saure Mühe konnt‹ ihn wohl verdrießen:
die Truhe war nicht zum Verschließen.

DER HAHN UND DIE PERLE  
Beim Wühlen in der Düngerpfütze
fand eine Perle einst der Hahn
und sprach: »Was ist denn da daran?
Das Ding ist gar nichts nütze!
Ist‘s eine Torheit nicht, 
daß man so hoch es schätzt?
Mich hätte in der Tat unendlich mehr ergötzt
ein Gerstenkorn – wenn‘s auch den Glanz nicht hat, 
es macht doch satt.«
So urteilt auch der Ignorant:
Wovon er nichts versteht, das ist ihm bloßer Tand.

Hinterlasse einen Kommentar