Hermine Moos und Kokoschkas Obsession

Die Puppenbauerin und ihr Fetzenbalg

Als Hermine Moos im Sommer 1918 den Auftrag bekommt, für den Maler Oskar Kokoschka, eine lebensgroße Puppe zu bauen, die ihn von der Obsession für seine Ex-Gliebte Alma Mahler kurieren sollte, ist sie 30 Jahre alt und lebt sie mit ihren Eltern in der Kunigundenstraße 29 in Schwabing. Sie ist talentiert, aber die Aufgabe ist kompliziert. Es ist kurz vor Ende des 1. Weltkriegs. Die Menschen haben andere Sorgen, auch in München verhungern zehntausende, die nötigen Materialien sind nur schwer zu beschaffen, sie darf mit niemandem über den Auftrag reden und die Ansprüche Kokoschkas sind hoch. Der hatte sich 1915 schon »ein Pferd in den Farben von Alma Mahlers Haaren gekauft« und gibt nun der jungen Frau in zwölf Briefen aus Dresden in Wort und Bild immer neue Anweisungen und äußert immer neue Wünsche, wie »Alma« auszusehen habe: Moos solle Rubensbilder studieren, um sich ein Bild von dem gewünschten Busen und der Weichheit der Gestalt zu machen; für das Innere der Puppe (die wohl auf dem Modell eines Skeletts aufgebaut war) solle sie Rosshaar besorgen, darüber am Po und Busen Säckchen mit Daunen platzieren, für die Haut einen pfirsichartigen Stoff verwenden, an sich selbst den Sitz der Muskeln und Sehnen studieren, darauf achten, dass keine Nähte entstehen, die ihm weh tun könnten; er wünsche sich, das sich der Mund der Puppe öffnen lasse, dass Zähne und Zunge drin und die Augenlider schließbar seien, dass die Pupillen natürlich wirkten (»die Hornhaut vielleicht mit Nagellack glasieren«, so sein Vorschlag) usw. usw.

Nach neun Monaten Arbeit, inzwischen hat in München eine Revolution stattgefunden und wurde der Freistaat Bayern ausgerufen, ist – zeitgleich mit der Ermordung des Sozialisten Kurt Eisner – das Abbild Almas endlich fertig. Hermine Moos verpackt die 1,60-m-große Alma in eine Kiste und schickt sie dem ungeduldig wartenden Kokoschka nach Dresden. Doch  unser »Pygmalion« ist enttäuscht. Nein, er ist wütend. Der »Fetzenbalg« passt ihm ganz und gar nicht. Vor allem die »Haut« missfällt ihm, sie erinnere ihn an ein Eisbärfell, beschimpft er die Puppenbauerin in einem Brief. 

Und anstatt als Sexspielzeug wird die Alma-Puppe ihr Dasein als Fetisch und Modell auf dem Sofa (hin und wieder auch im Bett oder Schrank) in Kokoschkas Atelier fristen, irgendwie aber doch stark beachtet – von seinen zahlreichen Gästen, die von ihr berichten, wie von ihm selbst, der ihr teure Kleider und Unterwäsche kauft und sie häufig zeichnet. Bis er nach zwei Jahren genug von ihr hat und ihr im Rahmen einer Atelierparty in seinem Garten den Kopf abhackt und eine Flasche Rotwein über ihr zerschlägt – zumindest wird er das später behaupten (nachzulesen in seinen Briefwechseln).

Wir wissen nicht, wie Hermine Moos das vernichtende Urteil aufgenommen und ob der Maler ihr das vereinbarte Honorar dennoch gezahlt hat. Sie malt weiter und baut weiter Puppen. Als ihr Vater, der nach dem Ersten Weltkrieg pleite gegangen war, 1924 stirbt, und sie regelmäßiges Geld verdienen muss, lässt sich die nach wie vor im Elternhaus lebende Hermine in der Kostümabteilung des bayrischen Nationalmuseums bei Rudolf Berliner anstellen und ist dort sehr erfolgreich. Warum Hermine sich 1928, drei Tage nach ihrem 40. Geburtstag mit Veronal vergiftet, ist nicht bekannt. Auch ihre Schwester, Henriette, die ihre Dissertation in den Literaturwissenschaften über die »Soziologie des Witzblattes«) geschrieben hatte, suizidiert sich 1941 aus Angst vor der Deportation. Die Mutter wird 1942 nach Theresienstadt deportiert und stirbt in Treblinka. 

Leider ist kein einziges der Gemälde oder Skulpturen von Hermine Moos, die immerhin u.a. bei dem berühmten Galeristen und Verleger Paul Cassirer in Berlin ausgestellt hat, erhalten. Von ihrer berühmten Puppe gibt es zumindest diese Fotos. 

Hinterlasse einen Kommentar