
marthe richard (*15.4.1889), die namensgeberin des von ihr initiierten gesetzes, das 1946 zur schließung aller bordelle in frankreich führte, wird als marthe betenfeld in lothringen geboren. mit etwa 14 jahren beginnt sie während ihrer lehre als hosenschneiderin in nancy auf den strich zu gehen. mit 15 wird sie, weil sie einen soldaten mit syphillis angesteckt haben soll, in das prostituiertenregister eingetragen. sie geht nach paris. einer ihrer kunden verguckt sich in sie. der wohlhabende gönner (nein, nicht prof. higgins, es war ein fischhändler namens richer) bringt ihr ein paar umgangsformen und rechtschreibregeln bei und führt sie in die bessere gesellschaft ein. er schenkt marthe auch reit- und flugstunden und ein flugzeug. sie wird eine der ersten frauen, die 1913 einen pilotenschein macht. „die lerche“ nimmt an flugvorführungen teil, und erringt einen langstreckenrekord (allerdings ist sie einen teil der strecke heimlich mit der bahn gefahren). sie heiratet den fischhändler oder der sie, doch dann fällt er im krieg.
mit anderen fliegerinnen gründet marthe 1914 die „l’union patriotique des aviatrices françaises“, wird aber nicht zum kriegsdienst zugelassen. dafür lernt sie ihren neuen liebhaber kennen, einen russen namens josef dawrischwili, der sich hier jean violan nennt und nun flieger bei der französische luftwaffe und für den geheimdienst aktiv ist, genau wie georges ladoux, der mitarbeiterinnen für den „patriotisme horizontal“ in pariser bordellen rekrutiert. marthe wird von ihm auf korvettenkapitän hans von krohn, den deutschen marineattaché in spanien, angesetzt.
über den erfolg des unternehmens gibt es mehrere versionen. nach einer gelangt sie durch die liason mit ihm an eine reihe wichtiger informationen u.a. über deutsche u-boote, die sie jeweils mittels unsichtbarer tinte übermittelt haben will, nach einer anderen war das unternehmen die reine pleite, weil sie mit dem attaché einen autounfall hatte und die presse ihre identität mitbekam, was ein heimliches agieren unmöglich machte, nach einer dritten version hat von krohn sie seinerseits als (doppel)agentin angeworben…
nach dem krieg zurück in paris, geht marthe wieder ihrem lieblingshobby, der fliegerei, nach und lernt thomas crompton, finanzdirektor der rockefeller-stiftung in frankreich, kennen. man heiratet, aber wie bei der ersten ehe, stirbt der gatte bald; eine rente der stiftung und sein testament ermöglichen der witwe crompton aber weiter ein gutes leben.
1932 beginnt ihr ehemaliger führungsoffizier ladoux in mehreren bänden seine memoiren zu veröffentlichen und stilisiert darin auch madame (er ändert ihren namen in „richard“, weil „richer“ ein abwasserrohr-hersteller war) zur superheldin. die ist höchst erfreut, nennt sich fortan richard und legt in eigenen büchern und mit weiteren phantasievollen stories nach. die franzosen sind entzückt und sie rennen die kinos ein, als der spielfilm „marthe richard au service de la france“, in dem erich von stroheim perfekt den deutschen bösewicht gibt, die geschichte aufgreift und weiter ausschmückt.
aber genauso nebelhaft wie ihr vorheriges tun (ihr russischer ex-lover nennt sie später eine hochstaplerin) ist richards engagement im zweiten weltkrieg. die einen behaupten, sie hätte unter dem vichy-regime mit den deutschen kollaboriert, ihnen u.a. mädchen verschafft und sei in organisierte kriminalität verstrickt gewesen, die anderen, sie hätte für die résistance gearbeitet; echte belege gibt es weder für das eine noch das andere, nur dafür, dass sie sich nach dem krieg erfolgreich als widerstandskämpferin präsentierte und unter dem ticket „héroïne des deux guerres“ in den stadtrat von paris einziehen und das eingangs erwähnte gesetz durchdrücken konnte. begründet wurde es mit gesundheit und moral und damit, dass die puffs während der besatzung zentren der „horizontalen kollaboration“ gewesen seien. zum entsetzen der freier, der betroffenen mädchen, zuhälter und korrupten polizisten (und der steuereintreiber) werden die 1400 französischen „maisons de tolérance“ geschlossen, die strafen für zuhälter verschärft und das nationale prostituiertenregister (in das madame immer noch eingetragen war) geschlossen.
ob richard beim einbringen des gesetzentwurfs von den konservativen parteien manipuliert worden war oder aus eigenem antrieb gehandelt hat, ist ebenfalls nicht gesichert. vermutlich ersteres, wobei auch eine rolle gespielt haben könnte, dass sie zu dieser zeit mit einem zuhälter liiert war und mit dem probleme hatte, die sie durch das gesetz zu lösen hoffte.
nichtsdestotrotz flog die national-ikone aus dem stadtrat bald wieder raus, weil sie 1926, nach der heirat mit crompton die britische staatsangehörigkeit angenommen und die französische verloren hatte und gar nicht hätte kandidieren dürfen. das gesetz blieb jedoch mit ihrem namen verbunden und war jahrzehntelang zielscheibe für kritik an der schillernden frau, die später noch zig widersprüchliche aussagen in puncto pille, abtreibung, sexuelle freiheiten und einwanderung machte, aber auch in bezug auf das umstrittene gesetz. 1951 sprach sie sich nämlich nicht nur für die anerkennung der prostituierten als „art öffentlicher fürsorgerinnen“ aus, sondern nun plötzlich auch für die wiedereröffnung der freudenhäuser (lt. pariser polizeipräfekt hatte sich die zahl der registrierten prostituierten zwischenzeitlich mehr als verdoppelt und war die der illegalen mädchen und freudenhäuser unzählbar geworden). madames erschöpfender kommentar zu der kehrtwende: „ich habe mich geirrt“.
ihrer popularität tat dies keinen abbruch. marthe richard starb 1982 hochbetagt mit knapp 93 jahren. ihre wahre geschichte hat sie mit ins grab genommen. #wildechaje
