
„Am 22. April des Jahres 1871 verlor die königl. Studienanstalt Speier einen ihrer gefeiertesten Lehrer, die Wissenschaft einen hervorragenden Jünger, die Menschheit ein leuchtendes Beispiel sittlicher Kraft und Thätigkeit. Es war der königl. Lyceal-Professor Dr. Friedrich Magnus Schwerd, der an diesem Tage nach einer 57jährigen gesegneten Wirksamkeit an der hiesigen Studierianstalt zur ewigen Ruhe einging.“
So beginnt der „Nekrolog“ Johann Nepomuk HeeIs auf seinen Professorenkollegen, der nicht nur ein begnadeter Lehrer war, sondern sich als Geodät, Astronom und Physiker einen solchen Namen gemacht hat, dass man ihm in Speyer ein Denkmal errichtete, später eine Straße und ein Gymnasium nach ihm benannte und auch an seinem Haus in der Herdstraße 18 mit einer Gedenktafel bis heute an ihn erinnert.
Friedrich Magnus Schwerd hatte einen Großteil seines Lebens in Speyer verbracht. Geboren wurde er am 8. März 1792 in Osthofen bei Worms. Seine Eltern waren der Gerichtsschreiber Ludwig Schwerd aus Alsheim bei Oppenheim, der mütterlicherseits aus einer Hugenottenfamilie stammte, und Maria Elisabetha Gilardone, deren Vater ebenfalls ein kurpfälzischer Gerichtsschreiber war.
Unterrichtet wurde Friedrich anfangs durch den katholischen Pfarrer Bernhard Nägele in Eich. Wegen der Kriegswirren und Auswirkungen der Französischen Revolution konnte er erst mit 15 Jahren in Mannheim regulär eingeschult werden. Mit 17 hatte der Junge fast alle seine Mitschüler überholt und war bald Schulbester. Sein Lieblingsfach war Mathematik, und er wollte in die damals hochberühmte polytechnische Schule in Paris eintreten, konnte jedoch nicht gut genug Französisch. Er wechselte in die „Akademie“ in Mainz, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern und lernte hier die Tochter des damaligen Rektors der Akademie, Wilhelmina, kennen, die er später heiraten würde. Aus seinem Vorhaben, nach Paris zu gehen, wurde indes nichts, er bestand zwar nun die Prüfung, aber die Freiplätze an der Anstalt waren bereits vergeben und seine eigenen Mittel reichten für den Schulbesuch nicht aus. Also folgte er 1814 seiner Familie nach Speyer, wo der Vater zum Spitaleinnehmer ernannt worden war. Hier wurde er mit nur 22 Jahren von der französischen Präfektur als Lehrer eingesetzt und blieb es 57 Jahre lang bis zu seinem Tod.
Schwerd unterrichtete Mathematik, Geometrie und Physik, aber auch Latein, Griechisch und Biologie an der Königlichen Studienanstalt in Speyer, dem heutigen Gymnasium am Kaiserdom, am Lyzeum und an der Gewerbeschule (an letzterer soll er oft so in den Unterricht vertieft gewesen sein, dass ihn der Hausmeister des Gymnasiums immer wieder einmal daran erinnern musste, dass auch dort die Schüler auf ihn warteten).
Während seiner langen Lehrtätigkeit hat Schwerd etliche hervorragende Wissenschaftler herangebildet, so Karl Culmann, den Begründer der graphischen Statik, den Ingenieur Heinrich Flad, den späteren Priester Paul Josef Nardini, der 2006 seliggesprochen wurde, sowie den Mathematiker Theodor Wand und den Geophysiker und Polarforscher Georg Balthasar Ritter von Neumayer, denen wir auch die meisten persönlichen Angaben über F. M. Schwerd zu verdanken haben.
Professor Schwerd soll ein „unorthodoxer“ anregender Lehrer gewesen sein, der alle Rufe an Universtäten ablehnte, nicht viel vom strikten Befolgen eines schematischen Lehrplans hielt und dem bei einer Aufgabe weniger ein ganz exaktes Ergebnis wichtig war, sondern dass seine Schüler den richtigen Weg dahin fanden. „Ganz besonders fesselnd waren in seinem Unterricht die oft ganz ohne Zusammenhang mit der behandelten Materie stehenden Exkurse nach dem Gebiete der Philosophie“, erinnert sich Georg von Neumayer. „Mit feiner Ironie gab er oft seinen durch der Genannten Forschungen wenig befriedigten Anschauungen einen Ausdruck; seine Betrachtungen über Unendlichkeit des Weltraums, über den Zusammenhang der Dinge im Weltall und astronomische Anschauungen waren fesselnd und durch die Lebhaftigkeit, mit der er sie vortrug, mächtig anregend“. Er vermochte „mit den vergleichsweise dürftigen Mitteln wahrhaft bedeutendes vorzutragen und zu erklären“, [so] „dass Gelehrte von nah und fern nach dem kleinen physikalischen Kabinet nach Speyer kamen, um sich zu informieren und daran zu erfreuen.“
Schwerd war zu seinen Lebzeiten der einzige Lycealprofessor für Mathematik in dem erst französischen, dann bayerischen „Rheinkreis“ (seit 1838 „Pfalz“). Er verfasste hierfür ein eigenes „Rechenbuch“ über das damals neue Dezimalsystem (in Gesamtdeutschland wurde das metrische System erst 1871 eingeführt), das hundert Jahre lang ein Standardwerk im Mathematik-Unterricht war.
Wissenschaftlich zu arbeiten begonnen hatte Friedrich Magnus Schwerd schon 1814 mit astronomischen Positionsbestimmungen und der Beobachtung der Circumpolar-Sterne des nördlichen Himmels. „Schwerd’s Erfolge lenkten die Aufmerksamkeit der baierischen Regierung auf ihn“, berichtet sein Schüler Georg von Neumayer, „und diese bewilligte die Mittel zum Bau eines Observatoriums und zur Anschaffung eines 20zölligen Meridiankreises“.
Und so erstellte Schwerd eines der Blätter des Sternkartenwerks der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und nahm Präzisionsmessungen an 1751 Fixsternen vor, bis ihm ein Arzt empfahl, mit Rücksicht auf sein Augenlicht und weil seine Position am Fernrohr ihm Migräne verursachte, diese Tätigkeit einzustellen. Als die NASA in den 1970er-Jahren seine Aufzeichnungen prüfte, wurde festgestellt, dass Schwerd mit seinen simplen Hilfsmitteln und seinem einfachen Fernrohr richtig gemessen hatte, seine Ergebnisse dienen heute noch als Grundlage zur Berechnung der Eigenbewegungen von Fixsternen (auch seine Messung der direkte Strecke vom Nordostturm des Speyerer Doms zu einem der Kirchtürme in Ludwigshafen-Oggersheim wich nur um 40 Zentimeter von den Ergebnissen ab, die man mit heutigen Messmethoden erzielt).
F.M. Schwerd heiratete 1824 die acht Jahre jüngere Wilhelmina Adelaide Butenschön aus Colmar, die Tochter des Pädagogen, Schriftstellers und Jakobiners Johann Friedrich Butenschön, mit der sechs Söhne und zwei Töchter bekam. Sein Schwiegervater war seinerseits eine Berühmtheit, Rektor der Mainzer Akademie und des „Gymnasium illustre“ in Mainz, Kreisschulrat, Mitgründer der Evangelischen Kirche in der Pfalz und Herausgeber der „Neuen Speyerer Zeitung“, deren zum Teil radikaler Liberalismus sowohl bei Sympathisanten wie Ludwig Börne als auch bei den Gegnern Beachtung fand. Es ist anzunehmen, dass sein Schwiegersohn die Ansichten Butenschöns teilte. Er hoffte, so von Neumayer, dass „die im Jahre 1848 erwachten Regungen für Freiheit und Einigung unseres Vaterlandes erfolgreich sein würden. […]“ Und es schien, „dass auch er ein Märtyrer des grossen Freiheitsgedankens der vaterländischen Sache“ werden würde, bis „die Wogen reactionären Ungestüms sich gelegt hatten“ und „unser Schwerd wieder in ein ruhigeres, fast nur noch der Wissenschaft und weniger der Lehrthätigkeit gewidmetes Leben ein[trat].“
Und hier, in der Wissenschaft, namentlich der Geodäsie entwickelte er mit dem „Prinzip der kleinen und großen Basis“ ein neues und einfacheres Messverfahren für die Erd- und Landvermessung (Punkte dieser Basen sind heute noch in Speyer existent), das noch bis zu seiner Ablösung durch die Satellitentechnik benutzt wurde. Seine Ergebnisse veröffentlichte er in einem Werk mit dem schönen Titel „Die kleine Speyerer Basis oder Beweis, daß man mit einem geringen Aufwand an Zeit, Mühe und Kosten durch eine kleine genau gemessene Linie die Grundlage einer großen Triangulation bestimmen kann.“
1851 demonstrierte Schwerd im Speyerer Dom die damals präzisesten Pendelmessungen zur Erdrotation. Weiterhin konnte der emsige Forscher dank seiner optischen Experimente und Berechnungen bestätigen und theoretisch begründen, dass das Licht auch Welleneigenschaften besitzt. Er untersuchte und berechnete mit einfachen Blenden verschiedener Art, wie sich Licht ausbreitet. „Mit den unscheinbarsten Vorrichtungen stellte er die schönen Farbenphänomene dar, welche sich ergeben, sobald Lichtstrahlen durch Hindernisse von ihrem gradlinigen Wege abgelenkt, gebeugt und zu gegenseitigem Interferiren gebracht werden; ein mit Asphaltlack geschwärztes Uhrglas, eine innen berußte Glasröhre, eine Vogelfeder genügten ihm als Beobachtungsmittel.“ Diese Arbeiten waren (bzw. wurden, weil man teilweise erst viel später ihre Bedeutung erkannte) in physikalischer Hinsicht bedeutungsvoll, weil mit ihnen die berühmten Versuche Fraunhofers zu den Beugungserscheinungen des Lichts erklärt werden konnten, die dieser nicht mehr hatte theoretisch untermauern können.
In seinen späteren Jahren wandte sich Friedrich M. Schwerd dann noch einem enger begrenzten Gebiet der Astronomie zu, der Sternphotometrie und konstruierte ein Diaphragmen-Photometer, ein komplexes, auf beugungstheoretischen Grundlagen basierendes Doppelfernrohr-Photometer zur Bestimmung der relativen Helligkeit von Fixsternen. Es war das aufwändigste und beste optisch-mechanische Gerät seiner Art, das je gebaut wurde und Schwerd, in den Worten von Neumayers „unzweifelhaft einer der gewandesten und genialsten Experimentatoren auf physikalischem Gebiete“.
