caroline rémy *27. april 1855 – eine zu ihrer zeit europaweit bekannte rebellin, die unter dem pseudonym #séverine mutig gegen unterdrückung, armut, diskriminierung, zensur, kriegstreiberei und für menschen- und frauenrechte anschrieb.
séverine wurde als caroline rémy in eine bürgerliche pariser familie geboren und von ihrem vater, der bei der polizeipräfektur angestellt war, streng erzogen. die wilde caroline hasste ihre bürgerliche erziehung, die heuchelei und konformität, die nur dazu diente, ihren willen zu brechen. sie erlebte die pariser commune und begann – so leidenschaftlich wie ihr elternhaus – die polizei und die gewalt zu hassen. um ihren eltern zu entkommen, beschloss sie mit 16 einen 30-jährigen angestellten zu heiraten. die hochzeitsnacht erlebte sie als legalisierte vergewaltigung, wollte ihren mann sofort wieder verlassen, war aber schwanger geworden. sie gebar einen sohn, floh mit ihm zu ihren eltern, und hielt sich mit gelegenheitsjobs über wasser. bis sie die gelegenheit bekam, bei einer reichen witwe, madame guebhard, als gesellschafterin zu arbeiten. von deren sohn, den sie später auch heiratete, bekam sie ein zweites kind, das sie ihrer großmutter übergab.
dann lernte caroline zufällig den alten kommunarden und dissidenten jules vallès kennen und wurde seine sekretärin. ihre eltern waren empört, alle waren empört. caroline versuchte sich zu erschießen (an vallès: „ich sterbe an dem, was dich leben lässt: revolte. ich sterbe daran, eine frau zu sein, während ein männlicher und feuriger gedanke in mir brennt. ich sterbe vor trotz.“). sie überlebte.
durch vallès entdeckte sie die revolution, erfuhr vom leben der einfachen leute, lernte das pressegeschäft und sich in einem fast ausschließlich männlichen milieu zu behaupten. sie war eine gute schülerin und zuhörin. anfangs kopierte sie seine manuskripte, las korrektur und lernte die kunst, die feder in ätzende tinte zu tauchen. 1883 schrieb sie selbst die ersten artikel für seine zeitung „le cri du peuple“, unter dem männlichen pseudonym „séverin“, bald aber als „séverine«.
1885 starb jules vallès mit 53 jahren, 15.000 menschen folgten dem sarg und séverine war sein lebendes testament. während vallès ehemalige mitstreiter versuchten „le cri“ zu übernehmen und einen marx-kult durchzusetzen, holte sie sich den journalisten georges de labruyère als verbündeten, verteidigte anarchisten und republikaner, und versuchte eine art investigativen journalismus zu etablieren: weniger kommentare, mehr fakten. nach einer schlammschlacht ihrer gegner musste sie schließlich 1888 doch aufgeben und schrieb vorerst für andere zeitungen.
da die meisten orte für frauen immer noch tabu waren, wie die debatten in der abgeordnetenkammer, wahlversammlungen usw., musste sie sich einschleichen oder vorgeben, keine journalistin zu sein. und sie mischte sich überall unter die menge. einer ihrer ersten großen aktionen war ihr beistand für die bergleute. die arbeiteten für hungerlöhne. ihre bosse waren sklaventreiber, es kam häufig zu unfällen oder explosionen. séverine fuhr mit ihnen in die mine ein, startete spendenaufrufe und klärte ihre leser über die unmenschlichen arbeits- und lebensbedungungen der minenarbeiter auf, die nannten sie dafür „die kleine mutter der bergleute“. aber séverine sammelte für alle möglichen wohltätigen zwecke, die sie den lesern jede woche in einem provokanten artikel vorstellte – für die von den türken dezimierte armenische gemeinde, für obdachlose…
sie polemisierte in ihren artikeln für das recht auf abtreibung (und auf selbstmord), gegen den „barbarischen sport« stierkampf, und wütend gegen die polizei, die wahllos in gruppen unbewaffneter streikender schoss, während andere jornalisten ihre leser damit tröstenden, dass unter den toten eine menge frauen „mit sehr lockerer moral“ gewesen seien, denn für die war jede frau, die keine hausfrau war, eine hure.
séverine gelang es 1892 sogar papst leo XIII zu interviewen. sie bekam als erste „sozialistische“ journalistin eine privataudienz. sie wollte u.a. seine meinung zum aufflammenden antisemetismus hören. tatsächlich verurteilte er den dann auch implizit, als er den rassenkrieg anprangerte und für toleranz und gegenseitiges verständnis warb. viel geholfen hat es nicht. bald fegte eine welle des antisemitismus durch frankreich und spaltete die dreyfus-afffäre das land in zwei lager. séverine zweifelte wie die meisten anderen anfangs zwar nicht an der schuld von dreyfus, erhob jedoch ihre stimme laut dagegen, dass ihm ein wiederaufnahmeverfahren verweigert wurde, und die uniformierten den wehrlosen gefangenen bei der verschiffung auf teufelsinsel geschlagen hatten. im januar 1898 riskierte emile zola seine karriere mit seinem an den präsidenten gerichteten „j’accuse!“. auch er hatte zuerst an dreyfus‹ schuld geglaubt, aber war angewidert von dem unglaublichen hass, der die „affäre“ begleitete. anatole france und séverine schlossen sich ihm an. zola wurde vor gericht gezerrt, und auch die meisten anderen mussten teuer bezahlen für ihr engagement. sie wurden verleumdet, beschimpft und auch noch nach dem wiederaufnahme des prozess und nach dreyfus‘ begnadigung kaltgestellt. séverine stand als ex-dreyfusarde auf der schwarzen liste und bekam kaum noch aufträge. bis sich ihr eine neue karriere eröffnete, als rednerin. sie pendelte jahrelang von einem saal oder theater zum nächsten und hielt glühende reden über anarchismus, vivisektion, pazifistische literatur, frauenrechte, klassisches theater und gegen den krieg. 1919 wurde sie für den friedensnobelpreis vorgeschlagen, die diplomatische jury entschied sich für woodrow wilson.
séverine begrüßte die russische revolution in ihrer hoffnung auf soziale gerechtigkeit und demokratie und trat sogar der neuen kommunistischen partei frankreichs bei. doch als die sowjetischen führer von der französischen partei verlangten, mitglieder, die bürgerlichen organisationen oder wie sie der liga der menschenrechte angehörten, auszuschließen, trat sie wieder aus und wurde zur anti-bolschewistin und als pionierin des anti-rassismus zur hitler-und mussolini-gegnerin, zu einer zeit, als noch kaum jemand den faschismus als wirkliche bedrohung ansah und sie mit ihren artikeln gegen mauern anpredigte. die etablierung der nazis hat sie nicht mehr miterlebt. séverine starb 1929, drei tage vor ihrem 74. geburtstag.

