Regie: Rudi Kurz

Rudi Kurz, Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur

Die Filme und Serien des Pfälzers Rudi Kurz, heißt es, waren „Straßenfeger“ in der DDR. Sie hießen „Das grüne Ungeheuer“, „Die Spur führt in den 7. Himmel“ oder „Front ohne Gnade“ und handelten, in Abenteuerstories verpackt, meist vom Kampf gegen den Faschismus oder der Zeit des „Kalten Krieges“ zwischen Ost und West.

Die Gründe für das besondere Interesse des Regisseurs an diesen Stoffen und für seine Botschaften liegen zu großen Teilen in Kurz‘ jungen Jahren, in seiner eigenen Biografie begründet.

Rudi Kurz wurde am 9. Mai 1921 in einer Arbeiterfamilie in Ludwigshafen geboren. Sein Vater malochte bei I.G. Farben, und sein Sohn erinnerte sich später, wie der Vater nach einer Versammlung in Mannheim, auf der Ernst Thälmann gesprochen hatte, von SA-Männern blutig geprügelt worden war, weil er auf dem Heimweg begeistert die „Internationale“ gesungen hatte. Er erinnerte sich an nächtliche Debatten in der elterlichen Küche um Inflation, Arbeitslosigkeit und „Weltrevolution“, dass in seiner Familie politisch „so ziemlich alles dabei gewesen“ sei, an das Aufkommen des Faschismus‘ – wie der Schuldirektor plötzlich Naziuniform trug, Lehrer verschwanden, seine katholischer Pfadfinderverband begann, bei der Hitlerjugend mitzumarschieren und sein Onkel ihm die passende Uniform samt Fahrtenmesser mit eingelassener Siegrune zum Geburtstag schenkte – und dass er erst viel später begriff, „dass das alles der Anfang vom Ende war“… Rudi Kurz wurde eingezogen, er war den gesamten Krieg hindurch Soldat, fünf Jahre lang – und genauso lange in russischer Gefangenschaft. Zehn Jahre seines Lebens. Die ihn wesentlich geprägt haben.

In seinen 2008 erschienenen Lebenserinnerungen „Das grüne und andere Ungeheuer“ schreibt Kurz über den 9. Mai, den ersten Tag des Friedens – es war sein 24. Geburtstag – und die Folgen:

„Es war ein herrlicher Frühsommertag. Sonne, wundervolle Morgenstille, kein Schuß mehr, kein Kanonendonner, kein Kriegslärm. Nur das Schlurfen vieler Tausender müder Stiefelsohlen auf dem zerborstenen Asphalt, unterwegs in eine ungewisse Zukunft. Eine Armee, ausgezogen, die Welt zu erobern, trottete in Zehnerreihen in die Gefangenschaft. (…) Über 200000 vorwiegend Frontsoldaten, die meisten gerade den Jugendjahren entwachsen, schon uralt an Erleben und Erfahrung. (…) Aus dem forschen Marschschritt, mit dem wir ungefragt und uneingeladen alle Grenzen überschritten, (…) der alles niedertrampelte, was Menschlichkeit hieß, ist müdes Schlurfen geworden. (…) Können wir uns heute mit unserer damaligen unbedarften Jugendlichkeit herausreden? Als Verführte, als Betrogene gar? Ein Kamerad, Freund fast, drängt sich mir in den Sinn. Vor kaum 48 Stunden noch gefallen. Seine Leiche, kaum erkaltet, notdürftig verscharrt. (…) Den Schwur, den ich meinem toten Kameraden gegeben hatte, den versuchte ich zu halten. Bis heute. Als ich nach fünf Jahren entlassen wurde, traf ich in meiner Heimat bei der Handvoll Freunde, die der Krieg aus Schulzeit und Sportverein übrig ließ, nur Uneinsichtigkeit und unverhüllten Haß. Sie waren die Hitlerjungs geblieben von damals. Unverändert. Nur eine dünne Haut zog sich wie eine zivile Tarnung über das darunter verborgene Uniformkostüm von ehedem. (…) Als ich zuerst vorsichtig, dann aber vehement dagegen Front machte, wurde ich höhnisch gefragt, ob man mich in Rußland einer Gehirnwäsche unterzogen habe. Wahrheitsgemäß antwortete ich, daß ich mir selbst den Müll aus dem Gehirn gewaschen habe. (…) Als man mir schließlich empfahl, doch nach ’drüben’ zu gehen – einer benutzte das von mir zum ersten Mal gehörte Wort, das später geläufiger wurde – besprach ich mich mit meiner Familie, das heißt mit dem Teil, der sich gutwillig einer offenen Aussprache stellte. Ich nahm das Angebot an, am Deutschen Theaterinstitut Weimar Belvedere ein Nachstudium zu absolvieren und dann ans Theater zu gehen. …

Zuvor hatte Rudi Kurz bereits Schauspiel und Gesang in Mannheim studiert und als Dramaturg gearbeitet. Nun also die DDR: 1953 begann er als Schauspieler und Oberspielleiter am Landestheater Altenburg, führte als Gast Regie in Weimar und an der Berliner Volksbühne und wechselte anschließend an die Leipziger Bühnen. In seiner Theaterzeit entstanden so über vierzig Inszenierungen: Shakespeare, Goethe, Schiller, Kleist, Shakespeare, Hauptmann, Friedrich Wolf und mehr. Daneben hatte Rudi Kurz eine Dozentur an der Theaterhochschule Leipzig inne und bildete Schauspieler aus, von denen viele später bekannt wurden, so Angelica Domröse, Eberhard Esche, Wolfgang Dehler, Jür­gen Zartmann. Andere wiederum wurden es durch die Filme von Kurz, in denen sie mitspielten: Jürgen Frohriep, Renate Blu­me, Gojko Mitic oder Horst Schulze.

Denn 1960 ging er nach Berlin und arbeitete von da für das DDR-Fernsehen. Anfangs waren es Lustspiele, doch bald schon wurde Kurz der Spezialist für biographischen (Spiel-)Filme über reale Helden der kommunistischen Bewegung – wie die Mehrteiler über die Spanienkämpfer „Hans Beimler, Kamerad“ (1969) und „Artur Becker“ (1971) oder über den Arbeiterführer „Ernst Schneller“ (1977) sowie für im 20. Jahrhundert angelegte Politthriller. Seit dem Fünfteiler um den ebenfalls von West nach Ost gewechselten Rennfahrer Manfred von Brauchitsch („Ohne Kampf kein Sieg“ von 1966) schrieb Kurz auch alle seine Filme selbst. Über die bereits genannten hinaus wurden vor allem „Der Leutnant vom Schwanenkietz“ über die Arbeit eines Volkspolizisten in Berlin (1974) und diverse Agenten- und Spionage-Thriller wie »Projekt Aqua« (1969), „Der Mann aus Kanada“ (1967), „Treffpunkt Genf (1968) und „Das Geheimnis der Anden“ große Publikumserfolge in der DDR.

Rudi Kurz verpackte seine Botschaften vom Sieg des Guten gegen das Böse, vom Widerstand gegen den Hitlerfaschismus oder von den Konflikten in der Zeit des „Kalten Krieges“ in spannende publikumswirksame Abenteuergeschichten, in denen Partisanen und Kundschafter wichtige Aufträge zu erfüllen hatten und sich gegen SS, deutsche Abwehr, CIA, BND usw. durchsetzten. Meist haben die Geschichten einen authentischen Kern, wie das NS-Archiv Wieliczka in der packenden dreizehnteiligen Serie »Archiv des Todes«, die auch im sowjetischen Fernsehen lief und vor wenigen Jahren in Rußland sogar noch einmal neu verfilmt wurde („Архив смерти“). Und da es auch heute noch, zumindest im Osten der Republik, alte und neue Fans der Filme von Rudi Kurz gibt, sind die meisten inzwischen auch in Deutschland auf DVD erschienen.

Rudi Kurz, der sich schon vor der Wiedervereinigung zur Ruhe gesetzt hatte, ist im Oktober 2000, im Alter von 99 Jahren in Berlin gestorben.

 

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