David Mendel aka August Neander, „Vater“ der modernen Kirchengeschichtsschreibung
„In seiner äußeren Erscheinung war Neander eine echte Kuriosität, besonders im Hörsaal. Stellen sie sich einen Mann vor von mittlerer Größe, schlanker Gestalt, unschönem, aber interessantem und gutmütigem Gesicht, dunkler, stark jüdischer Hautfarbe, tiefliegenden, funkelnden Augen, überschattet von einem ungewöhnlich starken buschigen Augenbrauenpaar, schwarzem ungekämmt über seine Stirn fallendem Haar, einem altmodischen Mantel, nachlässig gebundener weißer Krawatte, die ebenso oft hinten oder an der Seite des Halses baumelte wie vorn, einem schäbigen schiefsitzenden Hut und übers Knie reichenden Reitstiefeln; stellen Sie sich ihn dann auch zu Hause sitzend vor, umgeben von Büchern auf den Regalen, dem Tisch, auf den wenigen Stühlen und verstreut über den ganzen Fußboden; oder wie er ›Unter den Linden‹ und im Tiergarten spazieren geht (…) mit geschlossenen Augen oder in den Himmel blickend, inmitten des Lärms und Getriebes der Stadt über Theologie sprechend, und so einen einzigartigen Kontrast zum Leben um ihn herum darstellend, angestarrt, belächelt, bestaunt und doch respektvoll gegrüßt von allen, die ihn kannten; oder schließlich, wie er am Katheder steht (…) zeitweise bedrohlich nahe daran, das Pult umzuwerfen, und doch die ganze Zeit mit größter Ernsthaftigkeit und Begeisterung sprechend, ohne irgendeine andere Hilfe als die einiger unleserlicher Notizen (…) stellen Sie sich alles dieses vor und Sie haben ein Bild von Neander, der alleroriginellsten Erscheinung in der literarischen Welt dieses 19. Jahrhunderts.«
Diese Beschreibung von August Neander stammt von seinem Zeitgenossen, dem amerikanischen Theologieprofessor Philip Schaff.
Die „alleroriginellste Erscheinung in der literarischen Welt“ wurde 1789 als jüngstes von sechs Geschwistern in Göttingen geboren. Sein Vater, der Kaufmann Emanuel Gumprecht Mendel, war selten zu Hause und verdiente sein Geld u.a. damit, dass er Kleinkredite an Studenten vergab. Seine Mutter, Esther Gottschalk, war mit dem großen Aufklärer Moses Mendelssohn verwandt und sorgte für Davids Erziehung. 1798 veranlasste Emanuel Mendel, der kein Glück mit seinen Geschäften hatte, seine Frau mit den Kindern nach Hamburg umzuziehen, und allein für sie zu sorgen.
David besuchte in Hamburg das Johanneum und ab 1805 das akademische Gymnasium. Dort hielt er eine öffentliche lateinische Rede für die Emanzipation der Juden, die den Direktor der Anstalten, Johannes Gurlitt, so beeindruckt hat, dass er sie in das Schulprogramm aufnahm und Mendel von da an förderte. Der schloss sich einem Kreis um Karl August Varnhagen (dem späteren Ehemann Rachel Varnhagens), Adalbert Chamisso und Matthias Claudius an und verliebte sich in die Schriften Platos. Von dessen Begeisterung für das „Ideale“ kam er zum Neuen Testament, und zu Schelling und Schleiermacher. Und deren Ideen vom Christentum als Religion der Liebe, die die Gegensätze versöhnen würde, brachten David Mendel dazu, sich 1806 taufen zu lassen. Später überredete er auch seine Mutter und seine Schwestern, den christlichen Glauben anzunehmen.
David Mendel wollte ein sichtbares Zeichen für seinen Übertritt in die Mehrheitsgesellschaft setzen und legte seine Jüdischen Namen ab. Seinen neuen Nachnamen „Neander“ lieh er sich vom Kirchenlieddichter Joachim Neander aus, vor allem wohl, weil ihm der „neue Mann“ gefiel, der in dem Namen steckte. Die neuen Vornamen Johann Wilhelm August lieferten seine Taufpaten Johannes Gurlit und August Varnhagen.
Der Neu-Christ meinte es ernst mit dem Wechsel. Er studierte anschließend Philosophie und Theologie in Halle und Göttingen, promovierte 1810 in Wittenberg und bekam eine Anstellung als Dozent in Heidelberg. Dann schrieb er eine vielbeachtete Monografie über Kaiser Julianus, denk derer ihm der Historiker Niebuhr eine ordentliche Professur in Berlin verschaffen konnte. Hier lehrte er jetzt neben Schleiermacher, Marheineke, Fichte, Hegel, Ranke und den anderen Geistesgrößen der Zeit, nämlich Neues Testament, Ethik und Dogmatik, vor allem aber Kirchengeschichte. Er wollte den Studenten klar machen, dass man aus ihr viele Schlüsse für die Gegenwart ziehen konnte; er stand der Erweckungstheologie nahe, die zu erneuter Frömmigkeit aufrief und sich vom allein rationalen Glauben abgrenzte. Hegel samt Links- und Rechtshegelianismus lehnte er ab und in der Aufklärung sah er ein notwendiges Durchgangsstadium, das durch freie Entwicklung kritischen und christlichen Geistes überwunden werden könne. Neander verfasste und übersetzte in den 38 Jahren seiner Berliner Tätigkeit zig Bücher und sein Opus Magnum, die fünfbändige „Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche“ galt weit über Deutschland hinaus als „epochemachend“.
Vielleicht konnte nur ein Konvertierter so besonders eifernd oder eifrig sein. Jedenfalls galt Neander als bedeutendster Kirchenhistoriker seiner Zeit und „als frömmster und gelehrtester Lehrer der Berliner Fakultät«, der sich die Verehrung seiner Studenten durch zahllose spannende Vorlesungen und uneigennützige Hilfestellungen erwarb und die Achtung seiner konservativen und liberalen Gegner durch sein Eintreten für die Lehrfreiheit; orthodoxe und erweckte Intoleranz lehnte er ab, Judenmission hielt er für unnötig.
August Neander, die unverheiratet blieb und sehr bescheiden lebte, spendete sämtliche Erlöse aus dem Verkauf seiner zahlreichen Werke für philanthropische Zwecke. Er galt als äußerst liebenswürdig und grenzenlos großzügig Ärmeren gegenüber. Ud als zerstreutes Unikum. Das auffälligste an ihm aber war neben der überdurchschnittlichen Scharfsinnigkeit, Belesenheit und Sprachgewandtheit sein Elefantengedächtnis. Er sprach in seinen Seminaren, zu denen sich regelmäßig bis über 300 Hörer versammelten, im Schnitt zwei bis drei Stunden hintereinander in freier Rede. Nachdem er am 14. Juli 1850 an der Cholera gestorben war (sein Trauerzug wurde von „Riesenmenschenmassen“ begleitet und sein Grabredner sagte: Eeiner der edelsten der Edlen im Reich Gottes, ein Fürst in Zion, der jüngste der Kirchenväter, ist von uns gegangen“), fand man kein einziges Kollegheft in seinem Nachlass.

