Ludwig Thoma, der »Cato von Miesbach«

Die »Lausbubengeschichten«, die »Tante Frieda«, den »Münchener im Himmel« oder »Das Säuglingsheim«, seine Burleske wider »die bayerische Konfessionsschnüffelei« und die Macht der Dummheit mochte ich. Bis ich eines Tages ein Buch mit Artikeln des späten Ludwig Thoma (*21. Januar 1867 #OTD) aus dem »Miesbacher Anzeiger« in die Hände bekam. Thoma hatte sich offensichtlich während des Ersten Weltkriegs vom Simplicissimus-Autor und Satiriker, der Kirche und Spießertum auf‘s Korn nahm, zu einem deutschtümelnden Patrioten mit Juden-Obsession gewandelt. Das bayrische Provinzblatt konnte dank seiner 1920/21 (bis zu seinem Tod) erschienenen antisemitischen und antisozialistischen Vulgärtiraden, die landesweit wahrgenommen wurden, seine Auflage verdreifachen. Die Berliner Volkszeitung nannte den dort meist anonym schreibenden Thoma den »Cato von Miesbach« und bemerkte süffisant: »Man ist gewohnt, dass Hetzartikel mit dem Besenstiel geschrieben werden; dieser edle Publizist jedoch hat vor den Kollegen das eine voraus, dass er mit der Mistforke schreibt und daraus keinen Hehl macht.« In der Tat:

● Ludwig Thoma über Berlin und die Juden
_»Sau- und Regierungs-Juden an der Panke, Dahme, Biese, Dosse, an der Havel und der dreckigen Spree«
_»Trauriges Saupack aus Tarnopol und Jaroslau«; »Galizische Pest«
_»Die Söhne und Enkel dieser Aussätzigen – das ist Berlin. Sie schloffen durch die Kloakenröhren in die Stadt, nisteten sich ein; heute gehört ihnen das Häusermeer hinter dem Tiergarten, heute gehört ihnen die Presse, das Theater, der Handel, die Kunst, das Gewerbe und – seit 1918 – das Regiment. Von hier aus wollen sie Deutschland knechten und der von der fressenden Fäulnis angesteckte Proletarier macht ihnen den Schergen«
_»Berlin ist »ein Entenpfuhl, eine Mischung von galizischem Judennest und New Yorker Verbrecher-Viertel«
_»Berlin ist nicht deutsch, ist heute das Gegenteil davon, ist galizisch verhunzt und versaut.« 
_»Wie kommt es auch, daß jeder galizische Preßbengel, der vorgestern aus Krotoschin zugereist ist, mitredet über das Schicksal Deutschlands?«
_»[Die Juden führen] im Feuilleton einen leidenschaftlichen Rassekrieg gegen die deutsche Kultur» 
_»Der Wolff, der Harden, der Jacobsohn, der Kraus, neben den Levin, Levine, Toller, Mühsam, Bela Kun und so vielen anderen – die haben das Feuer des Rassenhasses angefacht. Das sind die Brandstifter…«

● Über den Verleger Rudolf Mosse: »Lausejunge mit Krauselhaar und geschneckelten Fortbewegungsscheren«

● Über den Journalisten Siegfried Kracauer: »Degenerierter Salonbube« 

● Über den Literaten Kurt Tucholsky: »Kleiner galizischer Krüppel« 

● Über den Dichter Erich Mühsam: »Der besoffene Mühsam« [der mit seinen Rasse- und Gesinnungsgenossen die bayerische Einwohnerwehr entwaffnen wolle… Erich Mühsam war 1910 nach München gekommen und schrieb gelegentlich für den Simplicissimus. Anfangs hatte er eine freundschaftliche Beziehung mit Thoma. Doch schon im August 1914 warf Mühsam dem Simplicissimus einen »haltlosen Hurrapatriotismus« vor, »in dem sich Ludwig Thoma, der große Spötter, am lautesten hervortut.« Thoma sei jetzt »bereit, jeden Mord gutzuheißen, der an einem Menschen … verübt wird, der zur Obrigkeit, zu Pfaffen und Offizieren, zur Reaktion und Gesinnungsunterdrückung heute noch so steht, wie Thoma 25 Jahre lang dazu gestanden hat. Ein solches Maß an Verlumpung ist doch wohl ungewöhnlich.«]

● Über die Dichterin Else Lasker-Schüler: »Der Jacobsohn in Berlin sagt, dass sie die größte Dichterin Deutschlands ist […] die erste Dichterin Deutschlands scheint zu besitzen nichts von der Sprache Deutsch. […] Wir drucken es ab, damit der wirkliche Deutsche sieht, wie die Saubande sogar mit seiner Sprache Schindluder treibt. […] Seit zehn und mehr Jahren benützt die Bande ihre Zeitungsmacht, um den ganzen Bau der deutschen Sprache zu zerstören und an ihre Stelle das jiddische Gauner- und Verbrecherkauderwelsch zu setzen. nach der Revolution stürzten sich die Zigeuner mit ihren Schlampen über unsere ehrwürdige Muttersprache her, rissen sie in Fetzen […] In Berlin hockt das Gesindel zu hunderten beisammen, das die Sprach-Syphilis einführt.«

● Mit starken Frauen hatte Herr Thoma offenbar grundsätzlich ein Problem: Schon 1899 war im Simplicissimus ein Gedicht von ihm abgedruckt, in dem es hieß: »Sie taugen nichts im Hause, nichts im Bette / Mag Fräulein Luxemburg die Nase rümpfen, / Auch sie hat sicherlich – was gilt die Wette? – / Mehr als ein Loch in ihren woll‘nen Strümpfen.«
An anderer Stelle nennt er Rosa Luxemburg 1910 die »giftige kleine polnische Jüdin«, Clara Zetkin »ein russisches Mannweib« und die Pazifistin Constanze Hallgarten eine »hysterische Jüdin, die sogar kommunistischen Rotzbuben überlästig wurde«.

● Über die Weimarer Republik: »Eine charakterlose Deppokratie« …»diese Republik, so wie sie ist, zusammen geschustert, ideenlos, gegen Rasse und Amt, gegen Volkstum und Tradition zusammen geleimt, unsauber, pöbelhaft, geschmacklos geleitet vom ersten Tag an, die Spottgeburt aus Dreck und Feuer, verabscheuen und hassen wir.«

● Über seinesgleichen und die »Anderen«:
–»Wir Arier haben es am Ende nicht nötig, ruhig zuzusehen, wie schmierige Lausbuben, Tango- und Spinatburschen [gemeint sind Homosexuelle] zu Christenpogromen hetzen«. 
_»Außer dem Itzig von der Promenadenstraße [haben wir] noch etliche vom Stamme Levi abgeschossen« [gemeint sind der USPD-Politiker Kurt Eisner und der Schriftsteller Gustav Landauer].
_»In München haben wir doch mit der Hinrichtung des Eisner und der Prügelstrafe gegen den Magnus Spinatfeld [gemeint ist der Berliner Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der 1920 nach einem Vortrag in München mit Gummiknüppeln bewußtlos geschlagen worden war] den Nachweis geliefert, daß es uns nicht an Temperament fehlt. Die Berliner werden auch dankbar anerkennen müssen, daß wir ihnen den Landauer durchgetan [vom Hals geschafft] haben.« 
_Und: »Immerhin waren das nur Vorspiele zu größeren Kuren, die wir uns gelobt haben, für den Fall, daß sich die Beschnittenen bei uns noch einmal mausig machen. Dann geht’s aus dem Vollen.« …

Das ließen sich Adolf & Co nicht zweimal sagen.
Wer noch nicht genug hat:
»Ludwig Thoma. Sämtliche Beiträge aus dem Miesbacher Anzeiger 1920/21«, Hg. Wilhelm Volkert, Piper 1990

Ludwig Thoma: Funkspruch an alle, Miesbacher Anzeiger, 21.3.1921

PS. Ein einziger Pluspunkt: Ludwig Thoma war die letzten Jahre mit Maidi von Liebermann liiert, die väterlicherseits aus der mit den Frankfurter Bankiersfamilien Rothschild und Oppenheim verwandten jüdischen Familie Feist-Belmont stammte, mit dem Chemiker Willy Ritter Liebermann von Wahlendorf (einem Cousin des Malers Max Liebermann) verheiratet war, und mit der der verliebte Thoma über 1000 Briefe ausgetauscht hat (als sie ihn wegen seiner Hasstiraden zur Rede gestellt hat, hat er ihr übrigens geantwortet, er sei »wirklich kein Antisemit«, außerdem habe er »der jüdischen Rasse« ja sein »Liebstes zu verdanken«, also sie). Drei Wochen vor seinem Tod im August 1921 hat Thoma Maidi in seinem Testament zu seiner »Haupterbin« gemacht. Sie ist nach der Scheidung von ihrem Mann in Thomas‘ Haus eingezogen und hat dank dieser Beziehung oder der »Aura« (ihre Formulierung), die in Bayern von dem Name Ludwig Thoma ausging, relativ unbehelligt die NS-Zeit überstanden, während ihr Ex-Mann Willy im englischen Exil starb und ihr Bruder Alfred noch im März 1945 im KZ Buchenwald.

Maidi Liebermann und Ludwig Thoma vor seinem Haus

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