»Ich wünschte, du würdest wenigstens auf ein Blatt Papier spucken und es mir in einem Umschlag schicken! Null Aufmerksamkeit! Nun, Gott sei mit dir, alles, was ich wollte, waren ein paar Worte von dir …«
Piotr Tchaikovsky an Vladimir Davydov, 11.2.1893
Als Alexandra Davydova am 14. Dezember 1871 ihren zweiten Sohn zur Welt brachte, bemerkte sie sofort, dass er große Ähnlichkeit mit ihrem Bruder Piotr Tchaikovsky hatte, und alle, die dabei waren, als der Komponist seinen Neffen Vladimir zum ersten Mal sah, berichteten, dass er diesem Kind vom ersten Moment an besondere Liebe schenkte und immer wieder seine Vorzüge lobte, wenngleich die sich wohl nicht wesentlich von denen anderer Kinder unterschieden.

Vladimir Davydov wurde Volodya, »Bob« oder »Bobik« gerufen. Tchaikovskys Bruder Modest erinnerte sich: »Piotr Ilyich verwöhnte Volodya mehr als die anderen Familienmitglieder« und der Komponist selbst schrieb 1878 an seinen Bruder Anatoly (Modests Zwillingsbruder) über den damals Siebenjährigen: »Er erfreut das Auge und das Herz. Er hat sich nun leidenschaftlich dem Zeichnen verschrieben, und Modest gibt ihm jeden Morgen Unterricht. Seine Begabung ist unverkennbar« oder an anderer Stelle: »Wie glücklich war ich, einen Brief von Bobik zu erhalten. Die Zeilen, die er schrieb, waren mit Küssen übersät.«
Im gleichen Jahr widmete Tchaikovsky seinem Neffen zum ersten Mal eine Komposition, die Klavierstücke seines »Kinderalbums«. »Sag Bobik«, schrieb er an seinen Schwager, »dass die Musik mit Bildern gedruckt wurde, dass diese Musik von Onkel Petja komponiert wurde und dass darauf steht: Gewidmet Volodya Davydov. Der dumme Junge wird nicht einmal verstehen, was ‚gewidmet‘ bedeutet!…« https://youtu.be/ddBKWkXEw9g?si=vWBzldy_fZ_GJ9D1

Auch seiner Freundin Nadezhda von Meck verriet Tchaikovski, dass er eine besonders starke Liebe für seinen Neffen hegt, »den Dichter, Musiker, leidenschaftlichen Liebhaber von Blumen, Vögeln und Schmetterlingen« und kam immer wieder auf seine Begabungen zu sprechen: »Mein Liebling Volodya hat große Fortschritte in der Musik gemacht«, erklärte er im April 1880 und einige Wochen danach: »Mein Liebling Volodya wird wahrscheinlich Künstler […] Wahrscheinlich wird er entweder Maler oder Dichter.«
Tchaikovskys Zuneigung zu Vladimir Davydov wurde mit den Jahren immer stärker. »Ach, was für eine entzückende Schöpfung der Natur; ich verliebe mich immer mehr in ihn«, schrieb er 1880 an Anatoly. Und 1884 an Modest: »Bobik spielt eine große Rolle in meinem Leben hier [mit »hier« ist Kamenka gemeint, der Wohnsitz der Familie Davydov]. Unsere Freundschaft ist großartig – und zum ersten Mal zeigt er mir gegenüber eine starke Zuneigung. Früher ließ er sich nur verehren, während er jetzt meine Verehrung zu schätzen scheint. Und ich verehre ihn wirklich, und je länger, desto stärker. Was für ein entzückendes Exemplar der Menschheit er doch ist! Er kommt ständig vorbei, um mit mir zu plaudern, respektiert aber gleichzeitig meine Arbeitszeiten […] Bobik, meine Suite [die Suite No.3] und das Studium der englischen Sprache sind die drei Schmuckstücke und Anziehungspunkte von Kamenka«.
Bob war nun dreizehn Jahre alt. Und es verging kaum ein Tag, an dem Tchaikovsky nicht eine schwärmerische Bemerkung in sein Tagebuch schrieb: »Den ganzen Tag lang war Bob ein unvergesslicher Anblick; wie unvergleichlich süß er in seinem kleinen weißen Anzug aussieht« (6. Mai) – »Bob spazierte mit mir durch den Garten und kam dann vorbei, um mich zu besuchen. Ach, was für eine Freude dieser Bob doch ist!« (8. Mai) – »[…] Danach saß ich mit Bob auf dem Dach (wo ich mich nur wegen dieses Engels hingewagt habe! […]« (30. Mai) – »Ich ging ein paar Mal hinaus, um Bob zu suchen. Sobald ich aufhöre zu arbeiten oder spazieren zu gehen (und das ist für mich auch Arbeit), fange ich an, mich nach Bob zu sehnen und ihn zu vermissen. Ich liebe ihn so sehr.« (3. Juni) – »Es ist seltsam, aber ich möchte diesen Ort unbedingt nicht verlassen. Ich glaube, das hat alles mit Bob zu tun« (15. Juni) und so weiter.
Tchaikovsky bemühte sich sehr, sich bei seinem jungen Neffen beliebt zu machen. Seine Emotionen gingen eindeutig über die übliche Zuneigung eines Mannes mittleren Alters zu einem Teenager hinaus. Schon damals waren seine Gefühle eine Quelle der Qual und Sehnsucht, schon damals zwang sie den angesehenen Komponisten, in kindliches Verhalten zu verfallen, schon damals nahm sie einen erheblichen Teil seiner Zeit und Energie in Anspruch. Schon als Bob gerade erst in die Pubertät gekommen war, löste er bei seinem Onkel Empfindungen aus, die eine zweifellos erotische Komponente hatten und die sein Gefühlsleben in den späteren Jahren zunehmend dominierten.
Dass Piotr Tchaikovsky homosexuell war und auch seine Eheschließung mit Antonina Miljukowa dies kaschieren sollte, ist nicht eindeutig belegt, gilt heute aber als gesichert. Nirgendwo in seinen privaten Briefen an Frauen, nicht mal in denen an seine engste Brieffreundin und Gönnerin Nadeshda von Meck, finden sich ähnlich intime Töne wie in denen an Männer, wie an seine einstigen Kompositionsschüler Eduard Sack und Vladimir Shilovsky, allen voran aber an »Bob« Davydov. Ob ihre Beziehung auch sexueller Natur war oder die romantisch-erotische Fixierung einseitig auf des Onkels Seite bestanden hat, weiß niemand genau. Sicher aber ist, dass der 31 Jahre jüngere Bob für Tchaikovsky eine Mischung aus emotionalem Anker und idealisiertem Gegenüber und zentral für sein spätes Leben und Werk war.

Auch als Bob nach Sankt Petersburg gegangen war, um an der Juristischen Fakultät zu studieren, fand Tchaikovsky immer Zeit, ihn während seiner kurzen Besuche dort zu sehen. Im Sommer 1890 wiederum besuchte Bob ihn in seinem Haus in Frolovskoye. Wenige Wochen vorher hatte Piotr an Modest geschrieben: »Heute habe ich Bob im Traum gesehen, und aufgrund dieses Traums verspüre ich ein unüberwindliches Verlangen, ihn zu sehen«. Bob blieb zu seiner Enttäuschung aber nur drei Tage bei ihm, und die Enttäuschung wurde noch größer, denn, so Tchaikovsky an Modest: »[…] später erfuhr ich aus einem Brief von Miss Eastwood [das war die englischen Gouvernante der Davydov-Kinder], dass Bob ohne Weiteres noch drei Tage länger bei mir hätte bleiben können, obwohl er mir versichert hatte, dass dies nicht möglich sei. Daraus schließe ich, dass sein Besuch bei mir ein Opfer war, wenn auch kein schweres. Ich nehme diese Tatsache nur zur Kenntnis, bin aber keineswegs beleidigt, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man einen Menschen lieben kann, ohne besonders gerne mehr als eine bestimmte Zeit mit ihm zu verbringen«.
Bob gegenüber versteckte Tchaikovsky seinen Frust hinter Scherzen, wohl wissend, dass er seinem Neffen weder seine Gesellschaft aufzwingen noch seine emotionale Abhängigkeit von ihm überstrapazieren konnte und dass Bob seine eigenen Freunde hatte. Am 17. Juni: »Der Tag deiner Abreise war traurig für mich […] Wäre du ein interessanter und intelligenter Junge gewesen, hätte man sich die Zeit irgendwie vertreiben können; aber angesichts deiner furchtbaren Dummheit und Albernheit bin ich entsetzt darüber, was ich in den drei [weiteren] Tagen erlebt hätte. Ich habe ein Telegramm von Mitya erhalten, aus dem hervorgeht, dass entweder du verwirrt warst oder er – aber der Punkt ist, dass du aufgrund dieser Verwirrung zwei Tage früher abgereist bist, als du es hättest tun können«.

1891 erfuhr Piotr Tchaikovsky in Paris aus einer russischen Zeitung mehr oder weniger zufällig, dass seine morphinabhängige und alkoholkranke Schwester Alexandra verstorben war. Erst wollte er sofort seine bevorstehende Amerika-Tournee absagen, dann aber ließ er ab von der Idee, weil er bereits eine große Summe im Voraus erhalten hatte, die er hätte zurückzahlen müssen. An Modest schrieb er: »Ich leide emotional sehr. Ich habe schreckliche Angst um Bob, obwohl ich aus Erfahrung weiß, dass man in diesem Alter solche Sorgen relativ leicht erträgt.«
Bob Davydov, damals 19 Jahre alt, scheint den Tod seiner Mutter tatsächlich gelassen aufgenommen zu haben, wie er Onkel Petja gestand: »Ja, wie du schreibst, fällt mir in meinem Alter die Trauer leicht – wenn es wirklich mein Alter ist, das dafür verantwortlich ist, und nicht mein besonderer Charakter. […]«
Piotr Tchaikovsky reiste also in die USA und schilderte Bob in zig Briefen seine Erfahrungen mit dem amerikanischen Publikum. Anscheinend musste Bob die Lücke füllen, die Nadezhda von Mecks Verschwinden aus seinem Leben hinterlassen hatte. Er hatte das Bedürfnis nach einer engen menschlichen Beziehung und erkor sich Bob einseitig zu seinem Vertrauten. Seine Briefe wurden immer ausführlicher und fordernder. Tchaikovsky war wie besessen von Bob. Im März 1891 war er auf dem Weg nach Paris und schrieb ihm aus Berlin, dass ihn im Ausland »schreckliches, unaussprechliches, wahnsinnig quälendes Heimweh« überkomme, und »vor allem dachte ich natürlich an dich und sehnte mich danach, dich zu sehen und deine Stimme zu hören, und das schien mir so unglaublich glückselig, dass ich zehn Jahre meines Lebens (und wie du weißt, ist mir das Leben sehr lieb) dafür gegeben hätte, dich nur für eine Sekunde zu sehen […] Bob! Ich verehre dich. Erinnerst du dich, ich habe dir gesagt, dass meine Freude, dich mit eigenen Augen zu sehen, noch größer ist als mein Leid, wenn ich ohne dich bin. Aber wenn ich in einem fremden Land bin und an die unendliche Anzahl von Tagen, Wochen und Monaten ohne dich denke, fühlt sich meine ganze Liebe zu dir besonders wichtig an. Ich umarme dich!«.
Drei Monate später schrieb er: »Wie ein junger Mann, der einen Brief von seiner Geliebten erhält, habe ich sogar schamlos die Spuren deiner elenden, abscheulichen Hände geküsst. Mein lieber, wunderbarer Freund, ich verehre dich!« [Подобно юноше, получившему письмо от своей возлюбленной, я даже нещадно исцеловал следы твоей паршивой, омерзительной руки. Милый, чудный, я тебя обожаю.].

Trotz einiger scherzhafter Herabsetzungen sah Tchaikovsky in dem Objekt seiner Zuneigung weiterhin eine Vielzahl von Talenten und Vorzügen: »Wenn du manchmal daran zweifelst, dass du ein auserwähltes Individuum bist, dann liegst du damit völlig falsch«, schrieb er im Juli 1891 an Bob, und »merke dir meine Worte: Du erhebst dich definitiv weit über die Reihen der gewöhnlichen Sterblichen. […] Ich neige dazu zu glauben, dass du entweder ein Schriftsteller-Künstler oder ein Schriftsteller-Philosoph werden wirst«.
Bob antwortete sehr »erwachsen«: »Nun, wie soll ich Ihnen jetzt schreiben? In meiner Eigenschaft als zukünftiger Schriftsteller – Künstler oder Philosoph – habe ich Angst, etwas Dummes zu sagen, das selbst für einen 19-jährigen Jurastudenten unpassend wäre! Sie haben Recht: Ich werde keine ›übertriebene Vorstellung von mir selbst‹ entwickeln, aber nicht aus dem Grund, den Sie vermuten. Sie sind für mich eine äußerst wichtige Autorität, und ich werde Ihre Meinung immer berücksichtigen, auch wenn ich zufällig nicht damit übereinstimme, aber meine eigene Person ist die Ausnahme – erstens, weil Sie mich lieben und mich besser sehen wollen, als ich bin (ich gebe zu, dass man sich in mir leicht täuschen kann: Ich bin ein großartiges Behältnis [футляр] für das, was Sie im Sinn haben – aber das ist auch schon alles); zweitens ähnele ich Ihnen sehr (in Bezug auf die moralische Physiognomie), und Sie sehen fälschlicherweise in mir das, was Ihr Eigentum ist und war«.
Onkel Tchaikovsky konterte: »Du bist keineswegs ein Behältnis. Du hast eine Menge Inhalt, nur ist alles, was sich in dem Behälter befindet, noch ungeordnet durcheinandergewürfelt, und es wird Zeit brauchen, um zu erkennen, womit der Behälter hauptsächlich gefüllt ist. […] Ich umarme dich, mein Idol! […] Lieber, guter, geliebter Schatz! So ein entzückendes Behälterchen!«
Die Intensität seiner Sehnsucht ließ nicht nach. Ende 1891 schrieb Tchaikovsky, dass Bob ständig in seinen Gedanken sei, »denn bei jedem Gefühl von Traurigkeit, Angst, seelischen Qualen und dunklen Wolken am Horizont ist das Wissen, dass du existierst und dass ich dich in naher Zukunft wiedersehen werde, wie ein Lichtstrahl«.
Was für Projektionen, was für Überforderungen des jungen Mannes! In dessen Briefen spiegeln sich die Verwirrung und die »Double binds« wider. Hier finden sich Liebe und Gleichgültigkeit, Wertschätzung für und Respekt vor dem berühmten Komponisten und nüchterne Sicht auf sich selbst als Objekt der Verehrung. Bob im Februar 1890 an seinen Onkel: »Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass Sie mich nicht lieben, weil ich gut bin, sondern weil ich bin, wer ich bin, und dass Sie mich auch dann nicht aufhören werden zu lieben, wenn ich mich als schlecht herausstellen sollte (was tatsächlich der Fall ist), da ich dann immer noch ich selbst bin. Wenn Sie mich dafür lieben, dass ich Sie verehre, dann wäre das verständlich, aber nach Ihren eigenen Worten haben Sie mich lieben gelernt, als ich noch gar nicht in der Lage war, jemanden zu lieben«.
Und im Oktober 1891: »Warum wollen Sie nicht jetzt für ein paar Tage kommen […] Schließlich bin ich doch zu Ihnen gekommen!!! Ich möchte Sie unbedingt sehen«.

Auch Vladimir »Bob« Davydov fühlte sich von Männern angezogen. Seine Liebesbeziehung zu seinem Kommilitonen Baron Rudolph Buchshoevden dauerte mehrere Jahre. Bob zog seinen Onkel Modest ins Vertrauen, mit dem er in Sankt Petersburg die meiste Zeit zusammen gewohnt hatte. Ihm schrieb er: »Meine Perversion (wie andere es nennen) oder meine Neigungen haben sich ganz unabhängig entwickelt, und obwohl man in vielen Fällen mit Fug und Recht sagen kann, dass du mein Prometheus bist, muss in dieser Hinsicht allein meine eigene Natur verantwortlich gemacht werden!«
Von Piotr Tchaikovsky existieren keine solch expliziten Geständnisse (seine Bruder Modest hat allerdings nach seinem Tod auch zahlreiche Stellen in seinen Aufzeichnungen geschwärzt), aber aus den erhaltenen Briefen wird deutlich, dass er nicht gerade glücklich über Bobs vorrangige und leidenschaftliche Zuneigung zu Rudolph war. Er sprach oft mit Unmut von »Rudy« und seine Eifersucht spiegelte sich indirekt auch in einem Brief Bobs an Modest wider: »Übrigens habe ich eine Karikatur entworfen, die meine Beziehung zu Rudy veranschaulichen könnte. Ein Podest – er steht auf dem Podest – unter dem Podest brennt ein Feuer, das ich unaufhörlich mit Theaterkarten, Speisekarten und Stücken von Onkel Petja und dir befeuere – Onkel Petja ist übrigens manchmal feucht und zischt«.
Anstelle des feuchten zischenden Onkel Petjas, der ihn so leidenschaftlich liebte, hatte der junge Neffe also einen seiner Studienkameraden auf ein Podest gestellt und seinen Onkel Modest zu seinem Vertrauten gewählt. Piotr Tchaikovsky litt unter beidem und war eifersüchtig auf beide.
Tchaikovsky dachte auch darüber nach, von Klin nach Sankt Petersburg zu ziehen, um näher bei Davydov zu sein – an Modest: »Die Bedeutung von Bob in meinem Leben nimmt ständig zu […] Ihn zu sehen, zu hören und in meiner Nähe zu spüren, wird für mich bald, so scheint es mir, die wichtigste Voraussetzung für mein Glück sein.«
Doch der, so schien es dem Komponisten zumindest, ignorierte oder »ghostete« ihn neudeutsch.
Anfang 1893 begann er mit der Arbeit an seiner »Sechsten Symphonie«. Im Sommer schrieb er: »Ich bin sehr zufrieden mit dem Inhalt, aber unzufrieden, oder besser gesagt, nicht ganz zufrieden mit der Instrumentierung. Aus irgendeinem Grund kommt sie nicht so heraus, wie ich es beabsichtigt habe. Für mich wäre es typisch und nicht überraschend, wenn diese Sinfonie zerrissen oder wenig geschätzt würde, das wäre nicht das erste Mal. Aber ich halte sie absolut für die beste und insbesondere für die aufrichtigste aller meiner Schöpfungen. Ich liebe sie, wie ich noch keines meiner anderen musikalischen Kinder geliebt habe.« https://youtu.be/o147jpVKFCI?si=X9-p6qGIeRmPGNOS

Kein Wunder also, dass er diese Symphonie »Dem Neffen Vladimir Davydov« widmete, und dass die »Pathétique« manchmal auch als Ausdruck unerfüllter Liebe oder als Requiem gedeutet wird. Zur Erinnerung noch mal Tchaikovskys Zeilen vom Februar des gleichen Jahres an Bob: »[…] Ich wünschte, du würdest wenigstens auf ein Blatt Papier spucken und es mir in einem Umschlag schicken! Null Aufmerksamkeit! Nun, Gott sei mit dir, alles, was ich wollte, waren ein paar Worte von dir«. [Хоть бы ты плюнул на почтовую бумагу и прислал мне в конверте! Ноль внимания! Ну, Бог с тобой, а мне хотелось хоть несколько букв от тебя получить.]
Es ist nicht bekannt, ob Bob, der sich als Freiwilliger beim Preobraschenski-Garderegiment gemeldet hatte, statt in den Staatsdienst einzutreten, bei der Uraufführung der »Sechsten« am 28. Oktober anwesend war. Aber er begleitete den Komponisten zu einer Aufführung im Alexandrinski-Theater und war wahrscheinlich auch bei dem schicksalhaften Abendessen im Petersburger Promi-Restaurant »Leiner« am 1. November 1893 dabei, bei dem sich Tchaikovsky mit Cholera angesteckt haben soll, an der er fünf Tage später starb (es heißt, man habe ihm ungekochtes Wasser serviert, andere glauben an einen Suizid).

Bob war während Tchaikovskys Todeskampf anwesend. Er war erschüttert, hatte Schuldgefühle und bekam Depressionen, die er mit Drogen bekämpfte, und es ist nicht auszuschließen, dass er dieses Trauma nie überwinden konnte. Sein Onkel hatte ihm alle Rechte an den Tantiemen aus seinen Werken und die Urheberrechte übertragen. Doch die großen Hoffnungen, die er in seinen Lieblingsneffen gesetzt hatte, erfüllten sich nie. Bob entwickelte sich nicht zu der herausragenden Persönlichkeit, die sein Onkel in ihm sah, obwohl er musikalisch und künstlerisch begabt war. Der junge Mann war sich dessen bewusst und schätzte seine eigenen Fähigkeiten sehr nüchtern ein, wie er einmal in einem Brief an Onkel Petja zugab: »Ich bin wie ein Eichhörnchen, das in einem Rad läuft, nur dass in meinem Fall nicht das Eichhörnchen das Rad bewegt, sondern das Eichhörnchen vom Rad bewegt wird. Aber das Ergebnis ist natürlich identisch, da alles an ein und demselben Ort bleibt«.
Nach drei Jahren im Preobraschenski-Regiment, ging Bob in den Krankenstand und schied schließlich 1900 aus dem aktiven Militärdienst aus. Er zog in Tchaikovskys Landhaus in Klin und bezog die Zimmer, die Modest an das Haus angebaut hatte. Wie seine Mutter und seine Schwester Tanya versuchte er, seine Abhängigkeit von Morphium und Opium und später auch von Alkohol mit den unerträglichen Schmerzen zu rechtfertigen, unter denen er während seiner verschiedenen Krankheiten litt. Modest versuchte, seinem Neffen auf jede erdenkliche Weise zu helfen, brachte ihn zu verschiedenen Behandlungen ins Ausland, aber alles ohne Erfolg. Er musste immer wieder mit ansehen, wie der junge Mann unter Zusammenbrüchen, Halluzinationen und Delirium tremens litt, was für beide mit der Zeit immer schwerer zu ertragen war.

Am 26. Dezember 1906 wurde Modest, der an diesem Tag eigentlich nach Klin zurückkehren wollte, in Moskau von dem Cellisten Anatoly Brandukov aufgehalten, der ihn bat, zu bleiben und sich seine Aufführung eines Streichquartetts von Tchaikovsky anzuhören. Als Modest schließlich verspätet in Klin ankam, teilte man ihm mit, dass Bob sich an diesem Tag erschossen und seinem jahrelangen Albtraum ein Ende gesetzt hatte. //

Tchaikovskys Briefe kann man hier nachlesen: https://en.tchaikovsky-research.net/pages/Letters
