Mrs. Fearless

Isabella Goodwin (*20. Februar 1865 ) war die erste offizielle Detektivin der Welt

Die New Yorkerin Isabella Loghry, Tochter irischer Hotelbesitzer, träumte als junges Mädchen davon, Opernsängerin zu werden. Doch statt Gesang zu studieren, heiratete sie mit 19 Jahren den „Roundsman“ (Streifenpolizisten) John Goodwin. Das Paar bekam fünf Kinder, von den zwei jung starben. Doch dann starb nach elf Jahren Ehe auch John infolge seiner Alkoholsucht. Isabella war 30 Jahre alt und musste fortan vier Kinder allein versorgen.

Das New Yorker Polizei Departement (NYPD) beschäftigte seit 1845 auf Drängen von Frauenorganisationen weibliche Aufseherinnen in Gefängnissen und Psychiatrien und seit 1891 auf Anregung des Polizeikommissars und späteren US-Präsidenten Roosevelt auch Frauen bei der Betreuung weiblicher Verbrechensopfer und bei Fällen, in die Kinder verwickelt waren. Verglichen mit männlichen Kollegen verdienten sie allerdings weniger als die Hälfte und konnten auch nicht aufsteigen. Da das NYPD seit den 1890er-Jahren zudem bei Bedarf die Witwen seiner Beamter einstellte, versuchte auch Isabella ihr Glück, bestand die Beamtenprüfung und wurde 1897 angestellt.

Werbefotoserie für Frauen beim NYPD, um 1908

Isabella Goodwin schob von da an 13-Stunden-Schichten, während ihre Mutter auf die Kinder aufpasste. New York war ein heißes Pflaster und in ihrer Polizeiwache in der Mercer Street wurden die gefährlichsten Kriminellen erstregistriert, darunter Frauen, die wegen Mord und Diebstahl verhaftet worden waren oder die Banden anführten. 
Isabella, die zierlich und nur knapp über 1,50 Meter groß war und die als sehr zugewandt und mütterlich beschrieben wird, bewies besonderes Geschick im Umgang mit diesen Frauen; sie war in der Lage, sich in sie einzufühlen und ihr offenes Ohr veranlasste etliche Delinquentinnen zum Reden. Außerdem war sie völlig furchtlos und konnte die übelsten Schläger anlügen, ohne mit der Wimper zu. Die Polizei erkannte den Wert ihres freundliches Images und setzte sie bei Sonderermittlungen ein. Isabella spezialisierte sich darauf, alle Art von Wahrsagern, Astrologen, Zauberern, Scharlatanen und Glückspielern zu entlarven, indem sie sich beispielweiese als spielsüchtige Frau oder naive Dame der Gesellschaft ausgab.

Isabella Goodwin, um 1915

Isabella Goodwins Leben veränderte sich im Februar 1912, zu einer Zeit, als auch einer ihrer Söhne bereits Polizist war und ihre Tochter als Kaufhausdetektivin arbeitete. An diesem Tag fand am helllichten Tag auf einer belebten Straße im Herzen von Manhattans Finanzviertel ein waghalsiger Raubüberfall statt. Ein als Eddie „the Boob“ Kinsman bekannter Räuber und seine Komplizen entführten einen Geldtransporter, schlugen den Fahrer und den Beifahrer brutal zusammen, und rasten mit ihrer Beute in einem wartenden Fluchtwagen ohne Kennzeichen davon. Der Überfall auf die East River National Bank brachte ihnen 25.000 Dollar ein (das wären heute fast 700.000 Dollar, damals hätte man 350 schicke Autos davon kaufen können). Der Raub machte landesweit Schlagzeilen, da selbst die besten Kriminalbeamten die Räuber nicht schnappen konnten und die Presse die New Yorker Polizei höhnisch kritisierte. Bis Isabella auf den Plan trat. 

Nachdem ihren Vorgesetzten zu Ohren gekommen war, dass möglicherweise zwei Personen Kinsmans Aufenthaltsort kennen könnten, nämlich seine Geliebte „Swede Annie“ Hull und ihre Mitbewohnerin Myrtle Hoyt, die in einer heruntergekommenen Pension in Manhattan lebten, schickten sie Isabella auf die Spur. 
Sie heuerte dort als Hausmädchen an, schrubbte Böden, putzte Zimmer, kassierte die Miete, brachte den Müll raus, erledigte Besorgungen für die Mieter und kochte für sie. Im Gegenzug bekam sie 6 Dollar die Wochen und durfte mietfrei in einem „dunklen, elenden Loch unter der Treppe“ wohnen. 
In einem Interview mit der New York Times erklärte Goodwin, wie sie sich für den Job extra schlampig gekleidet hatte. Tagsüber trug sie einen alten Kimono und beobachtete die Mieter; nachts streifte sie durch die Flure, lauschte an Türe und schlich sich in den frühen Morgenstunden hinaus, um der Polizei Bericht zu erstatten. Durch eines der Schlüssellöcher hörte sie Swede Annie eines Nachts zu ihrer Mitbewohnerin sagen: „Na, Eddie, der Trottel, hat’s ja geschafft“.
Innerhalb weniger Tage bekam Goodwin aus Myrtle Hoyt heraus, dass Eddie Kinsman mit Swede Annie, die inzwischen in schicken neuen Kleidern herumspazierte, am Tag X nach Kalifornien verschwinden wollte. Dank dieser Information warteten vier NYPS-Detectives an diesem Tag am Grand Central Terminal, und konnten Eddie verhaften. Er wurde wegen Straßenraubs und versuchten Mordes angeklagt und schließlich zu drei bis sechs Jahren Haft verurteilt.

The First Municipal Woman Detective in the World.  New York Times, 3.3.1912

Am Morgen nach der Verhaftung wurde Goodwin ins Büro des Polizeipräsidenten gerufen und zum Detective Lieutenant bzw. zur Kriminalbeamtin ersten Grades befördert – als erste Frau in der Geschichte und zu einer Zeit, als Frauen weder wählen noch vor Gericht zu Wort kommen durften. Ihr brachte das nebenbei eine Gehaltserhöhung auf 2.250 Dollar jährlich ein, einen ungeheuren Presserummel um den „Sherlock Holmes im Rock“ und ihre Karriere führte zur langsamen Öffnung der Polizeidienste für Frauen.
1918 stellte das NYPD seine ersten sechs Polizistinnen ein. Drei Jahre später wurde Goodwin zur Leiterin des neu gegründeten Women’s Bureau des NYPD ernannt, einer Abteilung mit 26 Beamtinnen, die für Fälle im Zusammenhang mit Prostitution, Ausreißern, Schulschwänzern und Opfern häuslicher Gewalt zuständig war.
1924 arbeitete sie mit Staatsanwälten bei der Untersuchung betrügerischer Arztpraxen zusammen und trug maßgeblich zu mehreren Aufsehen erregenden Verhaftungen bei, bevor sie später im selben Jahr in den Ruhestand ging.

Die 1918 eingestellten Polizistinnen bekamen zwar einen Revolver, aber keine Uniform

Isabellas Liebe zur Oper und zur Musik spielte auch in ihrem späteren Leben noch einmal eine Rolle. 1920 hatte sie Oscar Seaholm kennengelernt, einen Bariton-Solisten, der mit Opernarien in Konzerthäusern und Kirchen in der ganzen Stadt auftrat. Er war 23 und sie 55, als sie 1921 heirateten und bis Isabella 1943 starb, war sie glücklich verheiratet mit Oscar. ENDE

Hinterlasse einen Kommentar