Wer ist Polly Tieck?

Wiederentdeckung einer vergessenen Berliner Autorin

Die Illustrierte »Das Leben« verrät im November 1931 in der Reportage »Frauen, die wir täglich lesen« unter einer ganzseitigen Nahaufnahme einer lachenden Frau mit Bubikopf und Monokel: »Polly Tieck / Katta Launisch / Lieschen Lassdas. Drei Frauen in einer, die sich im täglichen Leben Frau Dr. Ilse Falkenfeld nennt und als Leiterin der Ullstein-Schnittmusterwerkstatt die Fahne ›Brigitte, nimm Ullsteinschnitte!‹ hochhält. – Sie fing bei der praktischen Schneiderei an, war Inhaberin eines Modesalons und begann hier ihre launigen, kleinen Sachen zu schreiben. Um nicht im Schatten ihres Schriftsteller-Gatten zu stehen, versteckte sie sich hinter Pseudonymen. Demnächst erscheint ein moderner Frauenroman. Ein Lieblingsthema ist die ihr so nahestehende Mode, die sie an den Quellen studiert. ›Pollys‹ neuester Deckname ist originellerweise … ›Lieschen Laßdas‹, unter dem sie witzige, satirische, an- und beschauliche kleine Geschichten, Betrachtungen und Gedichte mit eigener Note veröffentlicht: die Welt vom Blickpunkte des kleinen Mädchens aus dem Büro oder hinter dem Ladentisch gesehen – wie es lebt, liebt, lacht und oft … verzichtet.«

Das klingt nett, zugewandt, harmlos. Keine zwei Jahre später wird diese Polly Tieck eine der vielen Autorinnen sein, die, weil jüdisch, zum Verstummen gezwungen und schließlich fast völlig aus dem kulturellen Gedächtnis verdrängt werden. Dass im »Dritten Reich« verfemte und »ausradierte« Autoren/innen aus der Versenkung geholt werden, ist oft – wie bei Lili Grün oder John Höxter – das Verdienst einzelner Engagierter. So auch hier. Der Germanist und Autor Hans-Joachim Heerde hat für seine eben erschienene Polly-Tieck-Hommage »Die Freundin meines Freundes« rund 70 ihrer über 400 (bisher) aufgefundenen Texte und Gedichte ausgewählt, die die Bandbreite ihrer Themen und Tonarten illustrieren. Darüber hinaus ist er akribisch ihren arg verwehten Spuren gefolgt und skizziert ihr Leben und ihr Umfeld, und ohne sich dabei in Spekulationen über die vielen »weißen Flecken« zu versteigen – mithin die erste seriöse Biografie von Ilse Aufrichtig, geborene Ehren­fried, geschiedene Falkenfeld aka Polly Tieck aka Katta Launisch aka Lieschen Laßdas. 

Polly Tieck, Atelier Binder, 1927

Ilse Ama­lie Ehrenfeld wird 1893 als Toch­ter des aus Warschau stammenden HNO­-Arz­tes Dr. Josef Ehren­fried und sei­ner in Breslau geborenen Frau Eva Bruck in Berlin-Schönberg geboren, die stirbt, als Ilse zwei Jahre alt ist. Sie wächst, nach eigenen Angaben in einem »libe­ra­len, ver­schwen­de­ri­schen, üppi­gen Milieu Ber­li­ner Vor­kriegs­tage« auf, absolviert das Lehrerinnenseminar, entscheidet sich aber, Modemacherin zu werden. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges lernt sie ihren zukünftigen Ehemann kennen, den ebenfalls jüdischen Philosophie-Studenten und angehenden Schriftsteller Hell­muth Fal­ken­feld. 1916 heiraten sie, 1917 kommt Tochter Eva Gabriele zur Welt. Ein Jahr später ist der Krieg vorbei. 1920 eröffnet Polly eine Damenschneiderei mit Modesalon. 1925 lässt sie sich scheiden und ihr erster Prosatext – »Das Berliner Mannequin« – erscheint. Polly Tieck ist 32 Jahre alt, beginnt also recht spät mit dem Schreiben, »startet« nun aber richtig durch. 

Ihre Beiträge erscheinen bald in allen bekannten Blättern des Ullstein-Verlags wie »Uhu«, »Vossische Zeitung«, »B.Z. am Mittag«, »Querschnitt« und »Tempo«, aber auch im linksliberalen »Tage-Buch« und im »Börsen Courier«. Die Texte von Gabriele Tergit oder Bella Fromm mögen gesellschaftskritischer, die von Maria Lazar politischer und die von Ruth Landshoff-Yorck experimenteller sein, aber mit ihren humorvoll-melancholischen Miniaturen könnte Polly Tieck eine ältere Schwester Mascha Kalékos sein. Ihre Feuilletons und Verse über Kultur, Gesellschaft, das Großstadtleben, vor allem aber über die »Neue Frau« und/oder ihre Beziehungen zu Männern sind in einem leichten, (selbst-)ironischen, spöttischen Plauderton geschrieben. Es sind intelligente, einfallsreiche Texte, egal, ob es um die Ehe, Zweit- und Drittgeliebte, die richtige Rocklänge, den Schönheitswahn, Urlaubsreisen, das Altern, die Vorteile der Erotik gegenüber der Liebe, die abschweifenden Gedanken einer Schneiderin im Theater, Konzertbesuchertypen, abtörnende weiße Krawatten, die Konjugation von »Sexappeal« oder um einen Traum im »Ifrudot« – dem »Institut für radikale Umgestaltung des originalen Typs« – geht, in dem die Sehnsucht der Brünetten, blond und die der Blondinen »dämonisch, brünett und schwarz wie die Nacht« zum Albtraum wird.

Der namengebende Text des Buches – »Die Freundin meines Freundes« – handelt wiederum von einer ganz und gar emanzipierten Heldin, die natürlich einen Freund hat. Denn »es ist doch die selbstverständlichste, allgemeingültigste, banalste und von der gesamten guten Gesellschaft stillschweigend und blasiert anerkannte Tatsache, daß jede Frau, die nur ein bißchen auf sich hält, auch einen Freund hat. Denn hat sie keinen Freund, so sagt man von ihr in jenem unnachahmlichen Ton, der zwischen Verachtung und Mitleid schwankt: ›Die? – O, die ist treu!, was ebensoviel besagen will, als wenn man öffentlich von einer Frau erklärte, daß sie alt, häßlich, gefühllos, kurz, daß sie ›außer Gefecht‹ sei.«
leistungssportmäßig modern hat aber auch ihr Freund eine Freundin (»ich meine, damit wir uns auch recht verstehen, er hat noch eine, außer mir.«). Und auf die ist die emanzipierte Heldin selbstverständlich »absolut nicht und in keiner Weise eifersüchtig«, während die Freundin des Freundes »natürlich rasend eifersüchtig« ist, denn »sie ist nicht aufgeklärt, sie steht nicht über der Situation, sie hat keinen Intellekt«. Bis unsere Heldin die andere zufällig zum ersten Mal mit ihrem Freund zusammen sieht und ihre gepriesene Gelassenheit von jetzt auf gleich hinweg ist…

im Uhu, Februar 1932

In der Glosse »Was macht die Frau, wenn sie allein ist« reagierte Tieck spöttisch auf »einen reizenden Artikel« von Kurt Tucholsky mit dem Titel »Was machen Menschen, wenn sie allein sind«, weil der sich nur um Männer gedreht, also »Mensch« mit »Mann« gleichgesetzt hat. Aber Polly Tieck kämpft nicht nur für ihre Geschlechtsgenossinnen, sie zeigt unverhohlene Sympathie für die kleinen Leute, den Portier oder den Lumpensammler, und ist sich ihres privilegierten Daseins bewusst, wenn sie die Schilderung ihrer Erlebnisse als »wohlsituierte« (Laien-)Geschworene mit dem Satz enden lässt, dass sie bei allen Angeklagten, die ihr in Moabit gegenübersaßen, von dem Gefühl beherrscht wurde, »der Klasse anzugehören, die besitzt und deshalb schuldig ist, und daß mir immer das Wort in den Ohren klang: »Mea culpa, mea maxima culpa!«

Hin und wieder (sympathisch, dass der Herausgeber solche Texte nicht hat unter den Tisch fallen lassen) zeigt sich Tieck aber auch als ein »Kind ihrer (konservativen) Zeit«, so, wenn sie in einem Bericht über ein Paul-Whiteman-Konzert dem Jazz »schnoddrige Frechheit, blitzende Kälte und bengalisch beleuchtete Gefühllosigkeit« bescheinigt und der »Rhapsodie in Blue« samt Bühnenbild »kitschige Süßigkeit« (ähnlich hat sich damals auch der Großteil des amerikanischen Publikums geäußert), oder wenn sie eine Matinee der Mary-Wigman-Truppe als »Stunden irdischer Qual« empfindet, da es ein Fehler sei, mit dem Tanz »Bedeutungen« ausdrücken zu wollen, »wo allein die reine Bewegung uns erlösen kann«, wie bei der Pawlowa…

Anderes klingt wiederum sehr, sehr heutig, wenn Tieck etwa in »Keep smiling« über den allgegenwärtigen Hang zur Uniformität dichtet: »… Sie haben doch schon gelernt sich uniform zu kleiden […] auch das Haar ist sachlich geworden und arm und ohne sonderlichen Charme […] Nun also, ziehen Sie die Konsequenzen, erweitern Sie einfach die Grenzen […] Ziehen Sie die Uniform auch übers Gesicht […] Es gehört der Wille dazu, der Wille, so auszusehen wie die Masse […] So lehrt uns eine neue Rasse […]«. 

Polly Tieck: Die einzige »Salondame«, die heute noch »plaudern« kann, ist die »Intellektuelle« (in „Das Leben“, 10/1933)

Polly Tieck sieht sich, wie sie schreibt, nicht als Frauenrechtlerin, und auch Politik sei nicht ihr Ressort, doch fordert sie beispielsweise die »neuen Mütter« auf, ihre Töchter zu Humanität und Selbstbewusstsein zu erziehen, denn nur sie seien fähig, »die Welt entscheidend zu verändern« und: »Lehre Deine kleine Tochter, stolz auf ihr Geschlecht zu sein, lehre sie, das Gefühl der Inferiorität, das Jahrhunderte falscher Erziehung in ihr Gemüt gesenkt haben, zu überwinden und zu vergessen und setze an seine Stelle das Gefühl des Stolzes, das Bewußtsein der eigenen natürlichen und selbstverständlichen Größe. […] Wer uns heute mit natürlicher Gewandtheit alle Berufe erfüllen sieht, die noch vor wenigen Jahren alleiniges Privileg der Männer schienen, […] der denke mit großer Dankbarkeit der Frauen, der Mütter, die gegen das Korsett und gegen die falsche Scham, gegen die Grenze im Körper und gegen die Grenze im Geiste gekämpft haben. […] Die letzten Jahrzehnte haben zur Genüge gezeigt, wie mühelos und selbstverständlich der Frau die intellektuelle Konkurrenz mit dem Manne geglückt ist, sie haben gezeigt, daß sie Arzt und Jurist, Nationalökonom und Wissenschaftler sein kann, wie er […]«.

Die Autorin belässt es aber nicht bei den Mädchen, der Text ist zugleich eine vehemente Absage an den Krieg und ein Appell an die Verantwortung der Mütter für die Erziehung ihrer Söhne: »Du […] mußt den Krieg verneinen, wenn Du den Namen »Mutter« verdienen willst und wenn Du nicht noch einmal erleben willst, daß die Mütter Europas ihre Söhne, die sie empfingen, trugen und erzogen, auf ein Schlachtfeld ziehen ließen […] Und da, meine liebe Mutter, bin ich plötzlich bei der Erziehung Deines Knaben angelangt […] Lehre ihn von der ersten Minute seines Daseins an den Krieg zu hassen, zeige ihm die eben erst vergangenen Schrecken, die Dir den Bruder, den Freund, den Geliebten nahmen, lasse ihn die Erbärmlichkeit eines Systems erkennen, das solche Kriege möglich machte. Fort mit allem kriegerischen Spielzeug aus der Kinderstube! […] Was er jetzt spielt, wird er später leben, und die Kanone, die Du ihm im Scherz gegen einen Feind aus Zinn abschießen läßt, wird sich einst gegen sein geliebtes Herz richten. Trage den Frieden in die Kinderstube, dulde kein Bild, kein Ding, kein Wort, das den sanktionierten Mord, dieses größte Unrecht der Menschheit, in irgendeiner Weise zu verherrlichen wagt. […] Laßt ab von dem Ideal des Kindes, das »aufs Wort gehorcht«, und stellt ihm das Kind entgegen, daß sich von dem richtigen Wort überzeugen und leiten läßt! Hört auf, zu verbieten, zu strafen und zu belohnen, hört auf zu dressieren und beginnt zu erziehen!  […]«

So wie dieser Text, ist auch ihr Gedicht »Wähle!« zur Reichstagswahl 1928 knapp 100 Jahre nach seinem Entstehen wieder oder immer noch aktuell: »Gnädige Frau, heute gibts keine Modeplauderei […] heute muß es um was anderes gehen […] Ich will nicht politisch werden, das liegt mir fern, ich tät es wohl gern, aber es ist nicht mein Ressort, da gehn andere vor! Ich will also nicht darüber schreiben: Den sollst Du wählen und den laß bleiben, – sondern ich bitte Dich nur aus ganzer Seele: Wähle!  […] Schlimm, wenn Dein Mann nicht hingeht zur Wahl, Aber wenn Du Dich drückst, kleine Frau, – Skandal! Denn dein junges Recht, bitter erkämpft in Jahren, mußt Du wahren! … Besinne Dich auf das beste Deiner Seele: Wähle!«
Wir erinnern uns: Die erste demokratische Republik in Deutschland war geprägt von wirtschaftliche Krisen und politischer Instabilität. Zu den »Krisenjahren der klassischen Moderne« gehörten die Emanzipationsbestrebungen der Frauen und »die neue Frau«, die sich – wie Polly Tieck – durch Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein auszeichnen wollte. Doch war diese »Neue« in der sozialen Realität und außerhalb Berlins mehr Schein als Sein. Auch wenn Frauen in Beruf, Sport und Freizeit (in großen Städten und bei entsprechender sozialer Lage) nun sichtbarer wurden und sich ihre Optionen auch dank des Frauenwahlrechts seit 1918 vergrößert hatten, wurden ja trotz »neuer Sachlichkeit«, Bubikopf und schillernder Kulturszene in den angeblich »Goldenen Zwanzigern« die traditionellen Rollenmuster und die Doppelbelastung der Frauen nicht etwa aufgehoben. Keine Partei hat den Gleichheitsgrundsatz der Weimarer Verfassung eingelöst, Reformen des Familienrechts durchgesetzt oder das Entscheidungsrecht des Mannes in allen ehelichen Angelegenheiten angetastet. Hatte die Frauen-Beteiligung bei der ersten Wahl zur Nationalversammlung 1919 mit fast 90 Prozent auch sehr hoch gelegen, sank diese Zahl und die der (desillusionierten) weiblichen Abgeordneten schnell wieder. Politik blieb Männerdomäne und als eine Stimme mit inzwischen öffentlichem Gewicht, versucht auch Polly Tieck ^ihre Geschlechtsgenossinnen bei der Stange zu halten.

Im selben Jahr 1928, wird Polly Tieck, wie eingangs erwähnt, Directrice der Schnittmusterabteilung des Ullstein Verlags. Inzwischen ist sie mit ihren Lyrik- und Prosatexten auch im Radio zu hören, arbeitet mit Dodo und Gabriele Tergit zusammen, hält Mode-Vorträge, gehört beim Presseball zu den Promis, wird in einem Atemzug mit Else Lasker-Schüler und Ricarda Huch genannt – und gibt ihre Schneiderwerkstatt endgültig auf.

Lotte Laserstein: Polly Tieck

1929 ist ein Polly-Tieck-Porträt von Lotte Laserstein Teil der weit beachteten Ausstellung »Die Frau von heute«: »Amüsant und lebendig, offenbar mit ein bißchen Quecksilber in den Adern (und ja auch in ihrer Feder!!) sitzt Polly Tieck vor uns…«, befand eine Rezensentin damals (das Bild wurde 2024 für einen Rekordpreis von 530.000 Euro versteigert und hängt jetzt im Schwedischen Nationalmuseum). 1931 heiratet die quecksilbrige Polly wieder – den Bücherrevisor Hans Georg Aufrichtig, der sich für die sozialistisch angehauchte Kibbuz-Bewegung begeistert und sich der zionistischen Bewegung anschließt. 1933, nach der Machtübergabe an Adolf Hitler wird Polly Tieck wie alle Juden entlassen und kann bald nicht mehr publizieren. Sie schließt sich, obgleich 1926 aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten, wie ihr Mann der Berliner Zionistischen Vereinigung an und wird in der WIZO aktiv. Nach den Novemberpogromen 1938 steht für beide fest, dass sie das Land verlassen müssen. Sie können der Schwester und den Eltern ihres Mannes folgen, die bereits früher nach Chile emigriert waren.Polly und Hans kommen im Juli 1939 in Chile an. 

Im Mai 1941 bringt die New Yorker »Vogue« einen Artikel von Polly Tieck – »Twenty Minutes from Valparaíso«: »Ich wohne in einem kleinen Haus, so klein! Wie eine Konditorei, winzig, an einer unbefestigten Straße. Gleich davor erheben sich grüne Hügel aus der Erde. Etwas weiter hinten liegt ein dichter, hügeliger und steiler Eukalyptuswald, dessen schwerer Duft bis zu meiner Tür aufsteigt. Nein, ich lebe nicht auf dem Land. Ich wohne in der zweitgrößten Stadt Chiles – Valparaíso. […] Chile ist so schön wie die Schweiz, Italien und Kalifornien zusammen, und dazu noch unglaublich farbenfroh. In Chile nennt man Filme »Theater«, denn es gibt kein Theater, keine Musik und keine Kunst. […] Ich nähe Kleider; das ist mein Beruf hier. […] Chile ist der Hügel neben meinem Haus und meine Zimmer in der Dämmerung; der Laden, in dem die Kleider unter der Decke hängen; und die »Gondolas« (die Busse) sind so überfüllt, dass man kaum atmen kann, und es riecht, es riecht. Aber nachdem man ein halbes Jahr hier gelebt hat, riecht man nichts mehr. […] Hier herrscht großer Reichtum, und gleich nebenan bittere Armut. Um vier Uhr nachmittags wird man auf dem Platz von der Sonne geröstet […] Das alles ist Chile – ein langes, schmales Land, im Norden sehr heiß, im Süden sehr kalt. Überall Berge, im ganzen Land, und himmlische Täler. […] Vor mir erheben sich grüne Hügel, und aus dem Wald dahinter steigt der starke Duft von Eukalyptus herüber. Ich nähe meine Kleider; die Leute kaufen sie. Es ist Chile, und ich bin sehr glücklich hier.«

Das Glück dürfte ein sehr unvollkommenes gewesen sein. Deutschland hatte Polly Tieck ausgespuckt, wie so viele andere. Fern von Berlin, fern ihrer Sprache und Kultur, kann sie mit ihrem Schreiben nicht mehr Fuß fassen, sie näht weiter Kleider, engagiert sich wie ihr Mann in jüdischen und zionistischen Organisationen und stirbt 1975 – twenty Minutes from Valparaíso.

Ihre Wiederentdeckung und posthume Würdigung – das Buch von und über Polly Tieck – ist wie ein kleiner Trost. Möge es viele LeserInnen finden.

_Polly Tieck: Die Freundin meines Freundes. Feuilletons aus den 1920er Jahren. Hg. von Hans-Joachim Heerde. Wallstein 2026. ISBN 978-3-8353-6090-7

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