Das Grab des Seckel Löb Wormser (1768–1847) in Michelstadt im Odenwald ist ein Wallfahrtsort für orthodoxe Juden aus aller Welt. Zur Jahrzeit des Ba’al Schem reisen sie an, um hier zu beten… auch wenn der originale Grabstein in der Nazizeit zerstört wurde.
Karl Erich Grözinger, emeritierter Professor für Religionswissenschaften und Jüdische Studien, hat ein Buch über das Leben und Wirken dieses zu seiner Zeit europaweit bekannten Mannes geschrieben, Urkunden in Archiven und die erhalten gebliebenen Tage- und Geschäftsbücher des Gelehrten studiert und sich tief in das Leben und die Gedankenwelt des Seckel Wormser hineinbegeben (
Der Ba’al Schem von Michelstadt. Ein deutsch-jüdisches Heiligenleben zwischen Legende und Wirklichkeit; Campus). Die Erzählung »Ein ungelösthes Rätsel« von Arthur Khan (1906) und die »Legende vom Michelstädter Ba‘al Schem« (1907) von Herz Ehrmann, genannt Judaeus, beide ganz im romantisierend-verklärenden Stil ihrer Zeit geschrieben, sowie eine Vielzahl historischer Dokumente ergänzen das Buch. Grözinger zeigt auch, wie verschiedene Legenden älteren Datums auf die Wundertätigkeit des Ba‘al Schem von Michelstadt »umgestrickt« wurden und wie sich historische Wahrheit mit Erfindung mischt.
Dies geht bis hin zur Neudeutung des bekannten Schinderhannes-Stoffes. Aus dem realen Banditen, der auch Juden nachweislich vielfach bedrohte, beraubte und erpresste, wird in der Legende einhundert Jahre nach dessen Verbrechen eine Art »Robin Hood, der die Reichen bestrafte und den Armen hilft« – in unserem Fall natürlich mit Hilfe des Michelstädters Ba‘al Schem, der den Räuber davon überzeugt, niemanden mehr zu töten und keine Juden mehr auszurauben.
Ein Ba’al Schem heilt und wirkt Wunder mithilfe von praktischer Kabbala und des göttlichen Namens. Über 40 von ihnen gab es seit dem Mittelalter im aschkenasischen Judentum. Der bekannteste ist Israel Ben Elieser, der Ba’al Schem Tow, und der letzte in Westeuropa war eben Seckel Wormser aus Michelstadt. Seckel Löb Wormser (aus Jizchak wurde Isaak und aus Isaak das deutsche Seckel; aus Arje wurde Löw, Löb bzw. Lejb und aus Wurmser wurde im Laufe der Zeit Wormser) war zweimal verheiratet, hatte mit seiner ersten Frau fünf und mit der zweiten Frau zwölf Kinder.
Seckel Wormser war arm und unterhielt sein Haus in Michelstadt mit Schiurim, er heilte gegen Bezahlung mit Amuletten, auf die Gottes- und Engelsnamen eingetragen wurden. Die Geschäftsbücher Wormsers legen nahe, dass er in den letzten sieben Jahren seines Lebens 1 500 Patienten an 700 verschiedenen Orten mit heilenden Schiurim behandelt hat. In seiner Eigenschaft als Rabbi setzte er Heirats- und Scheidungsurkunden auf und stellte sie aus. Wormser, den eigentlich erst das orthodoxe Judentum zu einem Ba‘al Schem gemacht hat (bzw. den das Reformjudentum nicht als Ba‘al Schem sehen wollte), kämpfte sein Leben lang um das Rabbinat in seinem Heimatort, wie Grözinger nachweist. Michelstadt war ein kleines Städtchen mit nur etwa 20 jüdischen Familien, die dem »excentrisch frommen Chosid« Rabbi Seckel Löb nicht alle freundlich gesonnen waren, wie ein Chronist schreibt.
Der Rabbi war ein selbstloser Geber, lernte und betetete offensichtlich vorwiegend und ernährte sich selbst nur von Brot, Salat und grünem Gemüse. Der Autor vermutet, dass vor allem der Frankfurter Richtungsstreit bei der ambivalenten Haltung ihm gegenüber eine Rolle spielte. Seckel wollte in Michelstadt fortführen, was er in seinen Frankfurter Jahren verinnerlicht hatte: die Lehren seines Lehrers Nathan Adler. Der hatte die Gebetsliturgie von der aschkenasischen zur sephardischen geändert, ließ überlaut beten, führte eine extreme Askese und Schaufäden an Frauenkleidern ein und verlangte eine intensive Beschäftigung mit der Kabbala und mit Träumen. Dafür wurde er von der Frankfurter Gemeinde mehrfach mit dem Bann belegt. Und auch Wormser scheint gewusst zu haben, was ihm blüht, wenn er öffentlich zu sehr auf die verpönten Riten Adlers insistierte. Zu all dem kam eine weitere Hürde.
In Michelstadt gab es neben ihm noch einen weiteren »Rabbinen und Vorsänger«, Wolf Muhr. Wie Karl Grözinger mit kriminalistischem Spürsinn aufzeigt, konkurrierten diese beiden ihr Leben lang um das Privileg, rabbinische Handlungen durchführen zu dürfen. Der Schutzjude Wormser stellte immer wieder Anträge und sein Widersacher Gegenanträge an die gräflichen Behörden, die meist ausweichend antworteten. Wormsers Zeit war eine Zeit des Umbruchs, auch für die geistigen Kräfte im Judentum. Die Rolle des Gottesdienstes und auch die des Rabbiners änderten sich. Erbauung und Seelsorge wurden zu neuen Aufgaben, und auch Wormser trug mit seiner Jeschiwa und einer Bibliothek, die er gründete, zur Unterrichtung junger Männer bei. Er schrieb didaktische und methodische Anweisungen für seine Studierenden (bis hin zum korrekten Buchkauf) und versuchte, den Unterricht zu systematisieren. Er war den Ideen Moses Mendelssohns nahe, las Hegel, Kant und Leibniz und orientierte sich an den modernen Wissenschaften seiner Zeit. Mit dem Einbeziehen nicht-jüdischer Quellen zur Bearbeitung jüdischer Geschichte oder des Talmuds übertrat auch Wormser »ein allerstrengstes Tabu rabbinischer Gelehrsamkeit« seiner Zeit (»Wisset, man darf der Wissenschaft keine Grenze setzen… man darf weder erlauben noch verbieten«, schreibt er). Ähnlich ungewöhnlich war, dass er biblische Texte aus ihrem eigenen Kontext und nicht wie üblich aus den Kommentaren der rabbinischen Traditionsliteratur deutete.
Nichtsdestotrotz stand Wormser als Ba‘al Schem zugleich aber noch mit einem Bein im Mittelalter, wie der Autor konstatiert. Seckel Wormser war ein Mann, der sich vom »hasidischen Schwärmer« zum anerkannten Haupt einer Jeschiwa wandelte, der sich mit den modernen Bildungs- und Erziehungsfragen seiner Zeit befasste und sich und seinen Schülern mit seiner Wunderpraxis den Lebensunterhalt sicherte. Als er am 21. September 1847 mit 76 Jahren starb, erschien im »Odenwälder«, der (christlichen) Lokalzeitung ein außerordentlich wohlmeinender Nachruf. In ihm ist die Rede von seinen zahllosen Verehrern »weithin über die Grenzen Deutschlands, Europas, ja selbst über den Ozean« und von »über 800 verschiedenen Confessionen Angehörige«, die seinem Sarg folgten, einschließlich der evangelischen Ortsgeistlichen und einer Abordnung des regierenden Grafen. »Die Leichenfeier«, so der Verfasser des Artikels, »war eine wahrhaft erhebende, und gewährte ein erfreuliches Bild der Humanität und Toleranz«.

