Der Welt abhanden gekommen


Gustav Mahler (*7. Juli 1860) fuhr gerne Zug. Als er eines Tages auf dem Weg vom Salzkammergut nach Wien war, wurde er von einem Mitreisenden angesprochen. Ob er nicht der berühmte Dirigent Gustav Mahler sei? Ja, Gustav Mahler sei er, Dirigent auch – aber berühmt? Doch doch, sagte der Mitreisende, berühmt. Wobei Mahler nicht unrecht hatte mit seinen Bedenken: 1904 – und 1904 spielt die Begebenheit – war er tatsächlich noch keine Berühmtheit.
So kam man ins Gespräch. Ob er wohl an einer kleinen Komposition von ihm interessiert sei? Eine Rückert-Vertonung für Klavier und Singstimme. Das sei zuviel der Ehre, sagte die Reisebekanntschaft. Nein nein, sagte Mahler, nehmen Sie, ich habe noch eine Abschrift für die Orchesterfassung. Er holte aus einem Lederfutteral ein Manuskript heraus und schenkte es fort.
Am Westbahnhof angekommen, verabschiedeten sich die beiden Männer. Mahler wollte noch bei einer Abendgesellschaft vorbeischauen, die sein Freund, der Musikwissenschafter Professor Guido Adler gab. Wohin die Reisebekanntschaft verschwand, ist unbekannt. Mit ihr jedenfalls verschwand auch die Handschrift der Klavierpartitur von „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Und ward nie mehr gesehen.
Auch das zweite Manuskript, die Orchesterfassung (gewidmet „Meinem theuren Freund Guido Adler, der mir nie abhanden kommen möge, als ein Andenken an seinen 50. Geburtstag 1905“) verschwand 37 Jahre später – und tauchte erst 2000 bei Sotheby’s wieder auf…

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Ein paar Mahler-Sentenzen:

• Man braucht nicht dabei zu sein, wenn man unsterblich wird.

• Ich bin sicher, daß die Menschheit in irgendeiner späteren Epoche gegen Geräusche so empfindlich sein wird wie jetzt etwa gegen Gestank und daß es die schärfsten Strafen und öffentlichen Maßregeln gegen Verletzung des Gehörs geben wird…

• Keine Musik ist etwas wert, von der man dem Hörer zuerst berichten muß, was darin erlebt ist, was er zu erleben hat. Man muß Ohren und ein Herz mitbringen und – nicht zuletzt – sich willig dem Rhapsoden hingeben. Ein Rest Mysterium bleibt immer – selbst für den Schöpfer.

• Wenn du denkst, daß das Publikum sich langweilt, dann spiele langsamer, nicht schneller.

• Zwischen Vergnügungen und Vergnügen besteht ein großer Unterschied. Ich jedenfalls habe selten Vergnügen an sogenannten Vergnügungen gehabt.

• Ich liebe nur die Menschen, die übertreiben. Die, die untertreiben, interessieren mich nicht.

• In Österreich wird jeder das, was er nicht ist.

• Wenn die Welt einmal untergehen sollte, ziehe ich nach Wien, denn dort passiert alles fünfzig Jahre später.

• Ich bin dreifach heimatlos; als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen, und als Jude unter der ganzen Welt.

• Meine Zeit kommt noch…

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