Der Londoner Historiker Simon Sebag Montefiore, Nachfahre des Stifters der fotogenen Jerusalemer Windmühle und spätestens seit seiner Stalin-Biographie im Olymp der Geschichtsbestseller-Autoren angelandet, hat ein neues Objekt der Begierde: die Stadt der Städte – Jerusalem. Welch ein Glück, denn Montefiore ist ein begnadeter Rechercheur, mit der Fähigkeit, sich im Labyrinth der Jerusalemer Geschichte nicht zu verlaufen und einem Gespür für das Absurde, Skurrile, Megalomanische, das die Stadt und ihre Bewohner seit je umgibt.
Sebag Montefiore breitet in neun Kapiteln ein buntes, schreckliches Breitwandpanorama vor uns aus, von den jüdischen Anfängen, David und Salomo, den Königen von Juda, über Nebukadnezar, die Perser, die Schreckensherrschaft Titus‘, die jüdischen Kriege, die Kreuzrittermassaker an Muslimen und Juden, die Ermordung der Jerusalemer Priester durch die Tataren, die Eroberung durch die Osmanen samt 300-jährigem langsamen Verfall der Stadt – und so fort bis zum Imperialismus und dem letzte Kapitel Zionismus. Montefiore endet – nach der Balfour Deklaration von 1917, Allenby, Lloyd George und endlich der UNO und den USA – bei der Rückeroberung 1967 und einem Epilog, der resignierend festhält: »Jerusalem lebt heute in einem schizophrenen Angstzustand«, der all seine Bevölkerungsgruppen betrifft. Dabei wird klar, Fanatismus und Gewalt hat es hier immer gegeben. Auch die Gewalt zwischen den christlichen Konfessionen – Prügeleien zwischen Armeniern, Griechen, Syrern, Katholiken oder Kopten – ist weit älter als alle Konflikte zwischen Palästinensern und Israelis.
Montefiore versucht das Paradox zu klären, warum diese spirituellste aller Städte, die den drei monotheistischen Religionen gleichermaßen heilig ist, zugleich ein solcher Hort von Blut und Gewalt ist. Er zeigt, dass es um die Kontrolle geht, die jede der Religionen seit je über Jerusalem besitzen möchte, und darum, dass sie alle – von Jesaja und Daniel über Johannes bis zu den Autoren des Koran – die Stadt mystifizieren, sie zu einem Symbol machen, zum Anfang und zum Ende, zur Stadt des irdischen wie des himmlischen Reiches. Damit besitzt sie auch ein starkes irrationales Potential. Und das einzige, was hier als Lehre klar erscheint, ist, dass alle Versuche, welcher Religion auch immer, Jerusalem zu dominieren, scheitern. Aber das wusste schon Herzl: Jerusalem, Jeruschalaim, Al Quds gehört keinem und jedem, es ist für die Gläubigen der Ort, an dem Gott Adam erschaffen hat und an dem Jesus starb und von dem Mohammed in den Himmel aufstieg etc.
Der Historiker hangelt sich an zahllosen Quellen, Daten, Fakten, Ereignissen und vor allem den militärischen und politischen Führern, die Jerusalem erobert, nieder gebrannt, belagert, geschändet, geschmäht und geführt haben, durch die 3000-jährige Geschichte des heiligen wie des profanen Konstrukts. Montefiore erzählt die Geschichte dieser ewig fremdbeherrschten, »meist verarmten Provinzstadt im Bergland Judäas« als Biographie einer Frau (schon die Propheten nannten Jerusalem eine Frau) und als Geschichte von Clans und Familien, die eingebettet ist auch in die (damalige) Weltgeschichte von der Vertreibung der Juden aus Spanien bis zum England Cromwells. Er webt ein feinmaschiges Netz um das ständige Auf und Ab der Stadt und ihre Beherrscher und Bewohner – Könige, Propheten, Heilige und Huren, Macher und Schachfiguren, Spinner, Betrüger und Hasardeure.
Kleopatra, Caligula, Hanibal, Nero, Saladin, Richard Löwenherz – Personal wie aus einem Hollywoodschinken in Technicolor und Namen wie aus einem Monty-Python-Klassiker: Chalid das Schwert Gottes, Zengi der Blutige, Ahmed der Schlächter, Kafur der duftende Eunuch, Kress von Kressenstein, Omar der Gerechte, Selim der Gestrenge, Fulk der Zänker oder Gnaeus Pompejus. Helden und obskure Gestalten, deren Taten und Affären Montefiore auch genüsslich weiterplaudert. So soll die Grabeskirche »ein einziges Freudenhaus« gewesen sein und der deutsche Ritter Arnold von Harff habe die für ihn wichtigsten Sätze in Arabisch und Hebräisch gelernt: »Willst Du mir das geben? / Bist du Jude ? / Frau, lass mich diese Nacht bei Euch schlafen / Ich will dir einen Gulden geben.«
Fürst Potemkin wiederum sah die Befreiung Jerusalems als seine Pflicht an und gründete 1787 das jüdische Kavallerieregiment »Israelowski«; allerdings starb er, bevor er den Retter geben konnte. Die dicke Caroline von Braunschweig (dazumal Noch-Ehefrau des späteren Georg IV.) hingegen konnte sich rühmen als erste Prinzessin nach sechs Jahrhunderten Jerusalem zu besuchen und ließ es sich nicht nehmen, auf einem Esel einzureiten, ausstaffiert »mit einer Perücke, künstlichen Augenbrauen und falschen Zähnen«, so der Chronist. Ein paar Generationen später fielen die Besuche weniger romantisch aus. Für Benjamin Disraeli waren die hiesigen Juden »Araber auf Pferden« und Karl Marx befand, dass »nichts dem Elend und Leiden der Juden in Jerusalem gleicht«, während Mark Twain anmerkte: »Aussätzige, Krüppel, Blinde und Schwachsinnige überfallen einen von allen Seiten«.
Man lernt von Sebag Montefiore nicht nur viel über verschiedene Perspektiven und wirkliche Multikulturalität, sondern vor allem über die Abgründe menschlichen Trachtens – Mord, Erpressung, Eifersucht, Ränkespiel und Kalkül am laufenden Band, durch alle Religionen, Schichten, Völker, Zeiten. Und Herodes war dabei eben nicht nur ein Judenschlächter, sondern auch ein Baumeister. Unter ihm oder Kaiserin Helena, unter Kalif Abd al-Malik, der klugen Königin Melisende oder Süleyman dem Prächtigen entstanden berühmte Bauten, wie erst wieder in der britischen Mandatszeit, als das King David Hotel, die Universität, das Hadassah Hospital entstanden und die jüdische und arabische Mittelschicht es sich in Rehavia oder Talpiot gut gehen ließ und die Kaffeehäuser bevölkerte. Sogar Wilhelm Zwo hinterließ Reviermarkierungen: zwei riesige Kirchen und das Auguste-Viktoria-Krankenhaus auf dem Ölberg.
Dabei ist in dieser Stadt beinahe nichts, was es scheint. Was Synagoge war, wurde Kirche oder Moschee, was Kapelle war, Kaserne, jeder Felsen ist mehrfach ideologisch besetzt. Alle, so Montefiore, übernahmen die Mythen und Bauten ihrer Vorgänger und bastelten sie für die eigenen Zwecke um. Seit König David war Jerusalem beinahe durchgängig jüdisch besiedelt (zum Ende des Osmanischen Reichs sogar mehrheitlich), und die Juden waren auch die ersten, die den ursprünglich vermutlich kanaanitischen Opferplatz zu ihrem Ort machten und mit Sinn aufluden. Alle, die folgten – Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer, Mamelucken, Kreuzfahrer, Araber, Osmanen, Briten, wieder Juden – betrachteten die Stadt und ihre Historie jeweils als ihr exklusives Eigentum und verteidigten sie brutal unter dem monotheistischen Banner der einzig gültigen Wahrheit. Niemand will oder kann verzichten. In einem Interview sagt Montefiore, der auch schreibt, dass es allein im 20. Jahrhundert 40 gescheiterte Pläne für die Zukunft der Stadt gegeben hat: »In vierzig Jahren wird die Stadt entweder friedlich von Juden und Arabern gemeinsam bewohnt werden – oder sie wird zerstört sein.«

abbildung: eine wegbeschreibung nach jerusalem
dieses „doolhoff“ (labyrinth), 1705 in haarlem erschienen und ein wahres meisterwerk der buchdruckerkunst, richtete sich an den christlichen „kopf-pilgerer“. wie wir sehen, hatte der wanderer auf dem weg ins allerheiligste reichlich irrwege und sackgassen zu überwinden. und wenn er sich unterwegs verlief oder schlapp machte, konnte er sich mit rund 400 pädagogisch wertvollen sprüchen trösten, die man hier wahrscheinlich nur schwer entziffen kann. aber die beiden noch gut lesbaren zitate unter dem titel zeigen die „richtung“ an: „es gibt einen weg, der einem menschen richtig erscheint, aber das ende davon sind die wege des todes“ (sprüche 14.12) und „seht also zu, dass ihr umsichtig wandelt, nicht als narren, sondern als weise“ (epheser 5.15). die pfade selbst sind mit moralischen lektionen geplastert, so über karriere, reichtum und eitelkeit, die letztlich alle – ob lang und gewunden oder kurz, in einer sackgasse enden – und zur umkehr zwingen, will der gute christ schließlich doch noch bis in die mitte und zum lamm gottes vordringen. aber zum glück werden ihm auch wege zur „erlösung“ gezeigt, das studium der sieben freien künste beispielsweise…
wer das labyrinth entworfen hat, weiß man nicht so genau. der text wird meist einem h.a. hoejewilt zugeschrieben, aber das dürfte nicht sein richtiger name sein, bedeutet er auf niederländisch doch nur „wie du willst“ (hoe je wilt).
also: wie ihr wollt:)
