Neulich ist mir ein kleiner Lederband in die Hände gefallen, 1791 bei Johann Friedrich Unger in Berlin gedruckt: „Physiognomischer Almanach für das Jahr 1792“, herausgegeben von einem Schweizer Arzt namens Christoph Girtanner. Es enthält alle möglichen Episoden und Weisheiten, die in eine umständliche Rahmenhandlung verpackt sind, und am Ende zwölf Kupfertafeln nach Daniel Chodowiecki, unter anderem dessen berühmtes Blatt „Moses Mendelssohns Examen am Berliner Thor zu Potzdam“ und „Der Speichellecker“, und zu jedem dieser Kupferstiche einen Begleittext von Girtanner.
Seinen Text zu Chodowieckis Blatt „N*ger Familie“ fand ich erstaunlich für das Jahr 1791 – deswegen hab ich ihn abgetippt, damit noch mehr Leute was davon haben. Statt sich auf Chodowieckis romantisch angehauchtes Bild zu beziehen, das die Schwarzen als stolze glückliche Naturmenschen zeigt, erwähnt er das Abbgebildete kein Mal, sondern beschreibt und verurteilt den Sklavenhandel, menschlich und mitfühlend. Allerdings bin ich kein Kulturanthropologe, ganz bestimmt gibt es mehr solcher Texte aus dieser Zeit. Dennoch ist es auch eine Zeit, in der „N*ger“ als wild, fremd, andersartig, minderwertig und den „Weißen“ in jeder Beziehung unterlegen gelten und der Handel mit ihnen als selbstverständlich. Zwar ist die Französische Revolution im Gange, doch auch keinem der Aufklärer ist an der Abschaffung der Sklaverei in den Kolonien gelegen, nicht Diderot, nicht Montesquieu, nicht Rousseau (der 1685 unter Ludwig XIV. erlassene perverse „Code Noir“ für die französischen Kolonien gilt gar bis 1848). Und alle europäischen Nationen beteiligen sich am Sklavenhandel. Erst beim Wiener Kongress 1815 wird er erstmals europäisch geächtet. In England wird er 1807 verboten (1834 die Sklaverei an sich), in den USA 1856, in den Niederlanden 1863. Deutschland gibt es zwar zu dieser Zeit als Staat noch nicht, aber Deutsche sind Finanziers und Begünstigte (beliebt an den adligen Höfen ist es auch, sich von reisenden Kaufleuten „Kaffermohren“ als Leibeigene schenken zu lassen); seit den Fuggers beteiligt man sich am internationalen Sklavenhandel, der Große Kurfürst läßt über seine Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie in Ghana einen Sklavenumschlagplatz errichten, der Hamburger Kaufmann Heinrich Karl von Schimmelmann macht zu Lebzeiten Girtanners Millionen mit Sklaven usw… Alexander von Humboldt nennt die Sklaverei das „zweifelsohne größte aller Übel der Menschheit”, aber 35 Jahre nach diesem kleinen Bericht hier:
Girtanner zu Chodowieckis „N*ger Familie“:
Schwarze Menschen zwar; aber doch Menschen, obgleich sie von ihren weißen Mitbrüdern sehr unmenschlich behandelt werden! Der Sklavenhandel, welcher mit diesen Unglücklichen getrieben wird, empört alle Gefühle der Menschlichkeit und beweist, mehr als alles andere, welcher Grausamkeiten der Mensch fähig wird, wenn Eigennutz ihn leitet. Auf der Küste von Afrika werden die N*ger mit Gewalt weggenommen und an die Europäer verkauft. Zum Theil werden sie, von den Europäern (Holländern und Engländern) gestolen, und zum Theil, in verheerenden und menschenfressenden Kriegen gefangen. Diese gefangenen schwarzen Menschen werden, auf dem Markte, ganz nackt, zum Verkaufe ausgesetzt. Der Sklavenhändler betastet und befühlt diese Unglücklichen, um zu untersuchen, ob sie gesund seyen, und kauf diejenigen welche ihm gefallen. Aus den Seelen der Sklavenhändler ist alles Gefühl von Menschlichkeit verbannt. Sie trennen, ohne alle Barmherzigkeit, den Mann von dem Weibe, die Mutter von dem Kinde, und den Bruder von der Schwester. (…)
Nachdem die Sklaven an die Sklavenhändler verkauft sind, werden sie, bis zur Einschiffung, nach ihren Gefängnissen zurückgeführt. In denselben bringen sie ihre Zeit mit Weinen und Heulen zu. Kommt endlich der Tag, an welchem sie eingeschifft werden sollen: so bindet man ihre Hände mit ledernen Riemen; man kettet sie an, an dem Halse und an den Füßen, mit Fesseln, je zwei und zwei zusammen; und treibt nun die ganze weinende Schaar mit Hetzpeitschen nach dem Schiffe zu. An dem Ufer der Afrikanischen Küste wenden sich diese unglücklichen Gefangenen noch einmal um, werfen einen traurigen Blick auf ihr geliebtes Vaterland, welches man sie zu verlassen zwingt. In den Schiffen werden sie nunmehr in einen engen verschlossenen Raum, in welchem sie nicht aufrecht stehen können, in welchem die dickste Finsternis herrscht, und in welchen keine Luft eindringt, auf einander gepackt. Ihre Hände sind gebunden, und an den Füßen sind sie, je zwei und zwei, aneinander gekettet. Das Essen und Trinken, welches ihnen gereicht wird, ist kaum genießbar. Diese schlechte Nahrung, vereinigt mit dem Gram und Kummer, bringt sie zur Verzweiflung. Die verdorbene Luft erzeugt unter ihnen ansteckende Krankheiten; sie sterben in Menge dahin, und die todten Leichname werden über Bord geworfen. Die Sterblichkeit ist so groß, daß den Sklavenschiffen jederzeit eine große Menge von Hayfischen und von anderen Raubfischen nachfolgen. Zuweilen verführt sie die Verzweiflung, daß sie den Plan machen sich zu befreien. Wird dieses entdeckt, dann ist erst ihr Zustand schrecklich. Es wird unter sie geschossen; die Anführer werden an den Mastbaum aufgehängt; und den gefühllosen Matrosen wird erlaubt, sie zu geißeln, zu hauen, zu stechen, zu schneiden, zu brennen, und alles anzufangen, was die Grausamkeit ihnen eingibt; solange bis das Schlachtopfer der Rache den Geist aufgegeben hat. (…)
Manche springen aus Verzweiflung über Bord, und haben ihrem elenden Leben ein Ende gemacht. Aber dieses sind der Qualen noch lange nicht alle. Entsteht ein Sturm, muß das Schiff erleichtert werden, damit es nicht untergehe; so wirft man diese unschuldigen Menschen wie andere Waaren über Bord, und sie müssen sterben, um ihren Henkern das Leben zu retten. Leidet das Schiff Mangel an frischem Wasser, so werden die Neger über Bord geworfen, damit die Anzahl der Essenden abnehme. Der Kapitän und die Matrosen werfen ihre Hunde nicht über Bord, sondern statt derselben ihre schwarzen Nebenmenschen! Es ist sogar ein Beispiel bekannt, daß ein Schiffskapitän seine Gefangenen bloß auf Spekulation über Bord warf. Er hieß Collingwood – sein Name stehe hier in roten Buchstaben – er hieß Collingwood, und warf am 29 Novembern 1781 vier und fünfzig Sklaven lebendig in das Meer, am 30 November noch zwei und vierzig, und drei Tage nachher noch sechs und zwanzig. Zehn andere Sklaven welche er, aus derselben Absicht, auf das Verdeck bringen ließ, sprangen von selbst über Bord und kamen ihrem Henker zuvor. Es war kein Mangel an Lebensmitteln an Bord und als man den Barbaren fragte, warum er so eine unerhörte Grausamkeit begangen, antwortete er: „Die Sklaven waren kränklich, hätte ich sie eines natürlichen Todes sterben lassen, wäre der Verlust auf mich gefallen; da ich sie aber lebendig über Bord warf, so mußten die Assekurateurs dafür bezahlen.“ Kommt nun endlich das Schiff mit den Uebergebliebenen in Amerika an, so werden die Sklaven, gleich dem Vieh, ganz nackt und ohne alle Bedeckung mit Peitschenhieben zum Markte getrieben. Männer und Frauen werden hier ohne Unterschied des Alters oder Geschlechts, betastet und befühlt, um zu untersuchen, ob sie gesund und stark sind. Die Kolonisten kaufen diejenigen, welche ihnen gefallen und trennen, erbarmungslos die Eltern von den Kindern. Jeder Eigenthümer schlitzt den von ihm gekauften Sklaven mit einem Messer die Ohrläppchen durch, und bezeichnet sie mit einem glühenden Eisen, die Männer auf der Brust, die Weiber auf dem Rücken, damit er sie wieder erkenne, falls sie ihm entlaufen sollten. Nun werden sie zur Arbeit getrieben. Diese Menschen, in einem Land geboren, in welchem die gütige Natur alle Nothwendigkeiten des Lebens freiwillig hervorbringt, müssen nun die härtesten Arbeiten verrichten; um fünf Uhr des Morgens gehen an die Arbeit, und diese dauert bis neun Uhr des Abends, folglich sechzehn Stunden. (…)
Auf diese Weise bringen die Armseligen ihr elendes Leben zu. Sie werden nach Willkühr geschlagen und gequält, ärger behandelt als das Vieh; ohne Gesetze, die sie beschützen könnten, und ohne Hoffnung einer Verbesserung; bis sie der Tod von allen Quaalen befreit. Gemeiniglich halten sie es nicht länger aus als neun oder zehen Jahre. Zuweilen suchen sie diesen Quaalen zu entgehen. Sie entlaufen und fliehen in die Gebirge. Auf diese Entlaufenen wird wie auf wilde Thiere Jagd gemacht, und wenn sie gefangen werden, so müssen sie durch Martern aller Art und mit dem Tod dafür büßen. (…)
Wenn man diese Beschreibung des Sklavenhandelns liest, so sollte man diese für übertrieben halten. So ist es aber in der That nicht. Die ganze Erzählung ist der Wahrheit gemäß. Die wenigsten Menschen vermuthen, und noch weniger wissen, was für ein Hang zur Grausamkeit in der menschlichen Natur liegt, und wie großes Vergnügen der Mensch daran findet, seine Nebenmenschen zu quälen, sobald er es ungestraft thun darf. Je näher man die Menschen kennen lernt, desto mehr lernt man sie verachten, und desto mehr lernt man einsehen, daß Friedrich der Große nicht so ganz Unrechte hatte, als er, in einem Gespräch mit Sulzer (zufolge einer Erzählung des Hrn. Nicolai) das menschliche Geschlecht un maudite race nannte. – Ich will zur Bestätigung dieses Satzes, noch ein Beispiel anführen, was auf dieser sublunarischen Welt zur Quälung unserer Nebenmenschen erfunden worden ist. Die Menschenjagd, eine Jagd, auf welcher weiße Menschen ihre schwarzen Mitbrüder bloß zum Vergnügen jagen. Ich berufe mich hier auf einen Augenzeugen, den berühmten schwedischen Gelehrten, Hrn. Sparmann. Die Holländer, welche auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung wohnen, finden besonderes Vergnügen daran, die Hottentotten, oder die sogenannten Buschmänner, par force zu jagen. Die Holländer reiten auf diese Jagd in Begleitung abgerichteter Hunde. Die Jäger verbreiten sich auf einer großen Ebene und treiben die Hottentotten mit Weibern und Kindern auf einen Haufen zusammen. Sind derselben genug beisammen, so springen die Jäger von ihren Pferden, laden ihre Musketen, legen dieselben auf Gabeln, welche in die Erde gesteckt werden, zielen und schießen. Die armseligen Hottentotten drängen sich auf einander, und so gehen dann die abgeschossenen Kugeln oft durch fünf bis sechs von ihnen zugleich – es sind Menschen, die sich Christen nennen!

