Die meisten, die den Berliner Rabbiner Walter Rothschild kennen, halten ihn für (sehr) intelligent und (ein klein wenig) meschugge, und natürlich für einen gnadenlos kalauernden Witzbold. Dass hinter all dem auch ein Stück »schejne Neschume« steckt, kann man ahnen, wenn man sein Buch liest, das anders als der – wahlweise nichts oder alles sagende – Titel »Auf das Leben« dem Leser eine ziemlich beeindruckende Berg- und Talfahrt bietet. Denn der Träger des Ritterkreuzes der Republik Polen (kein Witz) Walter Rothschild, 1954 in England geboren, wo auch die meisten der – so der Originaltitel – »Stories from the Rabbi‘s Desk« spielen, hat kleine irrlichternde Erzählungen geschrieben, über Menschliches und Unmenschliches, kurze Momente und große Tragödien. Manche Geschichten erzählt der promovierte Eisenbahnfan – der heute liberale Gemeinden in Westdeutschland betreut – so, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt oder das große Heulen kommt. Wie die Geschichte einer alten Dame, die stolz die Fotos ihrer Kinder und Enkel vor ihm ausbreitet, und von der sich nach ihrem Tod herausstellt, dass sie all die Bilder aus Katalogen ausgeschnitten und es nie Kinder gegeben hat. Oder die Begebenheit vom weißhaarigen Mr. Piotrwicz, der darauf besteht, seine Bar Mizwa buchstabengenau und mit einem halben Jahrhundert Verspätung nachzuholen, weil die Deutschen am Tag der eigentlichen Feier die Synagoge angezündet hatten und seine gesamte Familie verbrannt war und der, nachdem er so lange versucht hat, »einfach weiterzumachen« und »Gott zu ignorieren«, nun am Ende seines Lebens Ordnung schaffen will, der die erste Reihe in der Synagoge für seine toten Eltern und Geschwister reserviert, die gesamte Zeremonie souverän absolviert, dann nach Hause fährt und sich zum Sterben hinlegt.
Ein großer Teil der Episoden hat in irgendeiner Weise mit dem Tod und der Schoa zu tun. Wie sollte es anders sein – kaum ein Mitglied seiner englischen Gemeinde(n), das nicht Überlebender oder Kind von Überlebenden ist. Und Rothschilds Geschichten speisen sich eben nicht nur aus seiner ziemlich blühenden Phantasie, sondern vor allem aus unzähligen Hausbesuchen und Begegnungen in den Jahren seiner Amtszeit als Rabbiner. Sie streifen fast beiläufig immer auch existentielle Fragen – wie den Horror vieler Juden vor dem Verbrennen, der den Protagonisten in seiner Geschichte aberanders als erwartet handeln lässt: Mr. Rosenblum will wie seine Eltern und seine Schwestern, »die durch den Schornstein gingen«, am Ende auch »in Rauch aufgehen« und »nichts zurücklassen«. Der Autor lernt einen Kinderschänder und Mörder kennen, der sich im Knast der Kabbala verschrieben hat (aber ernsthaft, nicht so »wie jeder Hinz und Kunz und… jedes zweitrangige Sternchen«, die es »mit der mystischen Masche versuchen«), er philosophiert mit einem Maggid, der eine stumme Predigt á la Narren von Chelm vor seiner Gemeinde hält, berichtet von einem, der seinen Namen ändern will, um nicht länger wie sein ermordeter Bruder zu heißen, und von einem, der sich auch noch nach einem halben Jahrhundert an die einzige Verbindung klammert, die er zu seiner Familie auf dem Kontinent hatte – einem 1939 eingerichteten Postfach.
Rothschild macht sich aber auch Gedanken über die Auferstehung der fettleibigen Florrie (wenn der Messias dann eines Tages doch noch käme), er plaudert über Schutzengel und Dibbuks, Konvertiten und Badezimmergeister, sich vermehrende Rothaarige und charmante alte Liebhaber, über Sein und viel Schein.
Ja, da kennt sich einer aus mit den menschlichen Schwächen und Niederungen, inklusive der eigenen, und spricht sie aus (nichts für »Emma«-Abonnentinnen und P.C.-gedopte Gemüter) und er hat seinen so unterschiedlichen »Schäfchen« geduldig zugehört und dabei im Laufe der Zeit offenbar Unmengen Kekse (mit und ohne Tea) verdrückt.
Den Reiz der Geschichten macht vielleicht auch aus, dass ihr Autor, dem man gewiß keine Bigotterie vorwerfen kann, seinem Hobby gemäß Bimmelbahn und Schnellzug zugleich fährt, zwischen anzüglich und todernst, bodenständig und mystisch, banal und tiefschürfend pendelt – so, wie Menschen eben sind. Insofern passt der Titel doch wieder ganz gut.

