Von Morbus Bechterew hat jeder schon mal gehört. Der Neurologe und Psychiater, nach dem die Krankheit benannt ist, Wladimir Michailowitsch Bechterew, wurde heute vor 167 Jahren, tausend Kilometer von Moskau entfernt, in einem kleinen Dorf im Ural geboren. Seine Eltern waren der zaristische Polizeibeamte Michail Pawlowitsch Bechterew und Marija Michailowna; er hatte zwei ältere Brüder, Nikolai und Alexander. 1864 zog die Familie nach Wjatka (heute Kirow), ein Jahr später starb der Vater an Tuberkulose.
Wladimir Bechterew war erst 16 Jahre alt, als er seine Studienzulassung an der Militär-Medizinischen Akademie zu St. Petersburg bekam. Als Student nahm er am 10. Russisch-Türkischen Krieg teil, was der Auslöser für seine lebenslange Aversion gegen Krieg und Gewalt gewesen sein soll. 1878 war er fertig mit dem Studium, begann als Assistent in der psychiatrischen Klinik der Akademie, und heiratete im Jahr darauf die zukünftige Mutter seiner sechs Kinder, seine Jugendfreundin Natalja Petrowna Basiliewskaja. 1881 verteidigte Wladimir Bechterew seine Doktorarbeit in Neurologie und Psychiatrie mit einer Arbeit über Körpertemperaturen bei Geisteskrankheiten und wurde Privatdozent. Drei Jahre später gewann er einen Wettbewerb für ein 18-monatiges Auslandsstipendium, das ihn mit den europäischen Köpfen der Psychologie und Neurologie zusammenbrachte – unter anderem mit Paul Flechsig und Wilhelm Wundt in Leipzig und mit Jean-Martin Charcot in Paris.
Nach seiner Rückkehr bot ihm der Bildungsminister des Zaren, Iwan Deljanow, den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Kaiserlichen Universität Kasan an. Wladimir Bechterew, gerade mal 28 Jahre alt, nahm an, reformierte den klinischen Unterricht, gründete ein neurologisch-psychiatrische Gesellschaft und das erste russische Labor für Experimentalpsychologie und forschte u.a. zu den Verläufen neuronaler Leitungsbahnen in Gehirn und Rückenmark, wobei er auch einen Hirnnervenkern entdeckte, der synonym Bechterew-Kern genannt wird.
1892 beschrieb Bechterew eine Krankheit, die zur Versteifung der Wirbelsäule oder/und zu deren Verkrümmung führt und die ihn so berühmt machte, dass sie bis heute Morbus Bechterew oder einfach Bechterew genannt wird. Auch wenn er sie fälschlicherweise noch auf ein Nervenleiden zurückführte (heute weiß man, es handelt sich um eine chronisch entzündliche, rheumatische Autoimmunerkrankung) und obwohl andere die Krankheit schon früher beschrieben hatten. Die erste bekannte Beschreibung stammt von einem irischen Arzt, Bernard Connor, der während seines Studiums in Frankreich bei der Erkundung einer Grabstätte ein Skelett mit einer vollständigen Verknöcherung und Überbrückung der Bandscheiben fand, zu der er 1695 die Hypothese aufstellte, dass dieser Zustand klinisch mit einer deutlichen Einschränkung der Beweglichkeit und einer Abhängigkeit von der Zwerchfell-Atmung einhergehen sollte. 1850 brachte der englische Chirurg Sir Benjamin Brodie die pathologisch-anatomischen Veränderungen erstmals mit dem typischen Krankheitsbild einer Versteifung des Rückens in Verbindung, gefolgt von dem österreichischen Pathologen Karl von Rokitansky und dem britischen Arzt Charles Fagge usw. Aber Bechterews Fallberichte, wahrscheinlich auch, weil sie schon 1893 auf deutsch erschienen sind, erregten international das meiste Aufsehen.
Im selben Jahr und inzwischen eine anerkannte Koryphäe, wechselte der Mann aus dem Ural als Professor für Neurologie und Psychiatrie an seine ehemalige Ausbildungsstätte, die Militärmedizinischen Akademie in Sankt Petersburg. Bechterew hat im Laufe seines Lebens über 1500 wissenschaftliche Abhandlungen verfasst, sehr viele davon auf Deutsch. Er war ein Arbeitstier, soll mit sehr wenig Schlaf ausgekommen sein und hat sich für buchstäblich alles im Umfeld Gehirn und Psyche interessiert, von Hypnose bis Masturbation. Bechterew unternahm als einer der Ersten in Russland psychophysiologische Versuche, erforschte den Aufbau des Gehirns und Nervensystems sowie angeborene und erlernte Reflexe und entwickelte unabhängig von Iwan Pawlow eine Theorie der konditionierten Reflexe, womit er auch zu den Begründern der objektiven Psychologie in Russland und zu den Vätern der Verhaltenstherapie zählt.
Wesentlich an seinen Arbeiten war, dass er anders als die meisten seiner Kollegen Erkenntnisse aus Psychologie, Psychiatrie, Neurologie und Pädagogik verknüpft hat – sowohl in der Forschung als auch bei der Behandlung seiner Patienten (von denen er neben seiner Lehr- und Labortätigkeit täglich bis in die späten Abendstunden unzählige behandelte). Diese ganzheitliche Betrachtungsweise betraf dabei alle Bereiche. Wladimir Bechterew saß nicht im „Elfenbeinturm“, er war ein wacher Beobachter der Gesellschaft, ein Freund klarer Worte und kritisierte Missstände, wo er sie sah, so den Umgang der Politik mit Problemen wie Alkoholismus, Bildung und Kriegsbesoffenheit. Im Krieg sah er die Ursache für die hohe Suizid-Rate im zaristischen Russland, in der Vermittlung von positivem Wissen die Möglichkeit, Seelen zu heilen und Kriege zu verhindern. Bechterew wurde für seine provokanten Äußerungen mehrfach abgemahnt, auch einmal kurz verhaftet und schließlich 1913 aus dem Staatsdienst entlassen. Er arbeitete und forschte dann am Psychoneurologischen Institut weiter und gründete nach der Oktoberrevolution – nun wieder persona grata – das Institut für Hirnforschung in St. Petersburg bzw. nun Petrograd, das er bis zu seinem Tode leitete und das eine eigene Schule und Hunderte von Wissenschaftler, darunter 70 Professoren hervorbrachte.


Im Dezember 1927 fuhr Wladimir Bechterew mit seiner zweiten Frau Berta Jakowlena Are-Gurzhij (die er nach Nataljas Tod 1926 geheiratet hatte) nach Moskau, um als dessen Ehrenpräsident am 1. Allrussischen Kongress der Neurologen und Psychiater teilzunehmen. Am 22. oder 23. Dezember wurde er unerwartet in den Kreml gerufen. Bechterew als die unbestritten erste psychoneurologische Autorität im Sowjetstaat sollte Jossif Stalin untersuchen, der schon lange unter seiner verkümmerten linken Hand litt (möglicherweise eine Atrophie oder eine Myasthenia gravis, eine chronische Nervenstörung, die zu Muskelschwäche führt). Die Konsultation fand unter vier Auge statt. Bechterews Assistent Samuil Mnuchin wartete vor dem Büro des Diktators. Nach der Untersuchung soll Bechterew zu ihm (nach anderen „Quellen“ zu Stalin selbst) in der für ihn bekannten Direktheit gesagt haben, Stalin sei das typische Beispiel eines schweren Paranoikers. Nach einer weiteren Version hat er sich, als er an diesem Tag zu spät zum Kongress kam, dort damit entschuldigt, er hätte einen „Paranoiden mit einer verwelkten Hand“ untersuchen müssen.
Am Abend des 23. Dezember ging er jedenfalls mit seiner Frau zu einer Aufführung ins Bolschoi-Theater, wo ihn in der Pause zwei junge Männer zu einem Imbiss einluden. Auf dem Heimweg wurde (dem bis dahin putzmunteren) Bechterew übel und er musste sich heftig übergeben. Seine Frau rief einen für seine Systemnähe bekannten Arzt namens Professor Buturmin, der eine simple Magenreizung diagnostizierte. Doch ein paar Stunden später erschienen unaufgefordert zwei weitere Ärzte bei ihm, Klimenkov und Konstantinovsky, die dem Geheimdienst angehörten, wie sich später herausstellte. Und am nächsten Tag war Wladimir Bechterew tot.
Nach der offiziellen Version, die so auch in der „Iswestja“ zu lesen war, ist er an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung gestorben. Doch viele Zeitgenossen (unter anderem die mit Bechterew eng befreundete Familie des Komponisten Dmitri Schostakowitsch) und etliche Historiker glauben, Bechterew sei auf Geheiß Stalins vergiftet worden, der befürchtet habe, die Paranoia-Diagnose würde seinen Gegnern Munition liefern. Nach einer anderen Hypothese wurde er wegen seiner Behandlung Lenins liquidiert; Bechterew hatte den schon todkranken Lenin im Mai und November 1923 in Gorki untersucht und darauf bestanden, dessen Syphilis mit arsenhaltigen Medikamenten weiter zu behandeln.
Beweise gibt es für keine der Versionen, aber Indizien. Bechterew war in den Tagen vor seinem plötzlichen Tod bei bester Gesundheit gewesen. Der vom Geheimdienst herbeigerufene Psychiater Aristarch Iljin entnahm noch Vorort im Beisein des Pathologen Abrikosow das Gehirn des Verstorbenen; aber sein Leichnam wurde ohne Obduktion anschließend sofort und gegen den Wunsch der Familie eingeäschert. Bechterews Frau Berta wurde 1937 grundlos verhaftet und erschossen. Sein Sohn Piotr, Ingenieur im Sonderbüro für militärische Erfindungen, ebenfalls 1937 verhaftet, wurde 1938 erschossen. Bechterews Schwiegertochter Sinaida, eine Ärztin, wurde in ein Lager gesteckt, seine drei Enkelkinder ins Waisenhaus (eines davon, Natalia Bechterowa, wurde später eine bekannte Neurologin). Und zuletzt: Wladimir Bechterew Urne, die all die Jahre im Neuropsychologischen Institut gestanden hatte, wurde erst 1970 in St. Petersburg beigesetzt. Er soll in der Sowjetunion jahrzehntelang als Unperson gegolten haben und erst unter Chruschtschow rehabilitiert worden sein.
Mir sind nur zwei Umstände aufgefallen, die gegen letzteres sprechen könnten. Bechterews Geburtsort, das Dorf Sarali, wurde durch einen Erlass des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees im Mai 1929 zu seinen Ehren in Bechterewo umbenannt und 1952, also noch vor Stalins Tod, hat die UdSSR eine Briefmarke anläßlich seines 25. Todestages herausgebracht.



Und so lernte ich auf Umwegen, dass Lenin von der Syphilis dahin gerafft wurde.
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