Der Skorpion der Herzogin

Elisabetta Gonzaga, Herzogin von Urbino (2. Februar 1471 in Mantua – 31. Januar 1526 in Urbino) zählt zu den bekanntesten Frauen der italienischen Renaissance

O sodeyn hap! O thou fortune unstable!
Lyk to the scorpion so deceyvable,
That flaterest with thyn heed whan thou wolt stynge;
Thy tayl is deeth, thurgh thyn envenymynge.
O brotil joye! o sweete venym queynte!
O monstre, that so subtilly kanst peynte 
Thy yiftes under hewe of stidefastnesse, 
That thou deceyvest bothe moore and lesse!
Why hastow Januarie thus deceyved,
That haddest hym for thy fulle freend receyved?
And now thou hast biraft hym bothe his ye, 
For sorwe of which desireth he to dyen.
O sudden chance, O Fortune, thou unstable,
Like to the scorpion so deceptive, able 
To flatter with thy mouth when thou wilt sting;
Thy tail is death, through thine envenoming.
O fragile joy! O poison sweetly taint!
O monster that so cleverly canst paint 
Thy gifts in all the hues of steadfastness 
That thou deceivest both the great and less!
Why hast thou January thus deceived,
That had’st him for thine own full friend received?
And now thou hast bereft him of his eyes, 
For sorrow of which in love he daily dies.

– in: Geoffrey Chaucer, Merchant’s tale, 1380s

Das um 1503 entstandene Porträt Elisabettas mit dem Skorpion-Schmuck wird Raffael zugeschrieben, könnte aber auch von Giovanni Bellini sein.

Manche Gelehrte sehen in dem Skorpion ein Amulett oder Sinnbild, der Skorpion als Symbol der Fruchtbarkeit und des Giftes, von Leben und von Tod (als dieses galt er schon im Alten Mesopotamien) oder als Ausdruck der intellektuellen Tugenden der Trägerin.
1488, im Alter von siebzehn Jahren, verließ Elisabetta Mantua, da die Familie ihre aus machtpolitischen Gründen nachgelegt hatte, den schönen und kultivierten Guidobaldo da Montefeltro aus Urbino zu heiraten, der von Pietro Bembo als „bello come un amorino“ (schön wie ein Amor) beschrieben wurde. Der war allerdings aller Überlieferungen nach impotent, erkrankte schwer und starb zwanzig Jahre später. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Skorpion also doch nicht um einen Ausdruck ihrer Gebildetheiut (immerhin führte sie einen weit beachteten Salon), sondern tatsächlich um ein Amulett, das der Herzogin, die sich auch mit Astrologie befasste, zumindest in den ersten Jahren die Hoffnung gab, schwanger zu werden. Später war es wohl ein Symbol ihrer „Reinheit“, denn sie weigerte sich das Angebot des Papstes anzunehmen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und einen zeugungsfähigen Ersatz zu heiraten. Das Herzogtum Urbino und die dazugehörigen Territorien gingen nach jahrelangen Kämpfen an Elisabettas und Guidobaldo Adoptivsohn Francesco Maria I. della Rovere über.

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