„Mit der Kalaschnikow sind mehr Menschen getötet worden als durch Artilleriefeuer, Luftbombardierungen und Raketenbeschuss“, heißt es im Schulmaterial für den russischen Patriotismus-Unterricht stolz, und dass eine „Viertelmillion Tote im Jahr“ auf das Konto des automatischen Sturmgewehrs mit dem bekannten krummen Magazin gehen.
In der Tat: Vietnam, Afghanistan, innerdeutsche Grenze, Jugoslawienkrieg, Boko Haram, Nahost, RAF, Charlie Hebdo… – die Kalaschnikow hat überall mitgeschossen und schießt überall mit. Sie ist die mit Abstand meistgebaute und meistgenutzte Schusswaffe aller Zeiten. Schätzungen nach kursieren weltweit mindestens 100 Millionen Originale und Nachbauten. Kein Wunder: die Kalaschnikow ist preisgünstig, unverwüstlich, zuverlässig bei noch so extremstem Wetter und in jeder Umgebung von Wüste bis Dschungel, leicht auseinander- und zusammenzubauen und auch ohne Ausbildung von jedem Depp bedienbar. Leider.
Der namensgebende Konstrukteur, Michail Kalaschnikow, wurde am 10. November 1919 als eines von 18 Kindern einer Kleinbauernfamilie in Kurja im Altai-Gebirge geboren. Als er elf Jahre alt war, wurden die Kalaschnikows zu „Kulaken“ abgestempelt, ihr Vieh getötet und sie in das Dorf Nischnjaja Mochowaja bei Tomsk deportiert. Michails Vater Timofej starb noch im selben Jahr an Tuberkulose und sein Bruder Viktor wurde auf „Väterchen“ Stalins Geheiß zu neun Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
Mit 14 Jahren machte Michail seiner erste Erfindung. Er baute sich einen Apparat zur Herstellung gefälschter Stempel, bastelte sich damit eine Freiheitsbescheinigung zusammen, mit der er in sein Heimatdorf Kurja fahren konnte, fand dort aber keine arbeit und musste zurückkehren. Er ging vor dem Abschluss der 8. Klasse von der Schule ab und verdingte sich in einer Maschinen-Traktor-Station. Auf dem Höhepunkt der stalinistischen Säuberungswelle 1937 floh Kalaschnikow nach Kasachstan und fand dort Arbeit als Sekretär in einem Versorgungsdepot. Er trat in den Komsomol ein und wurde schließlich sogar technischer Sekretär der politischen Abteilung der Turkestan-Sibirischen Eisenbahn. 1938 wurde Kalaschnikow zum Wehrdienst eingezogen und in der Ukraine stationiert. Dort erfand er kleine Verbesserungen für den militärischen Sektor, u.a. ein Messgerät zur Zählung der abgegebenen Schüsse einer Panzerkanone.
Nach dem deutschen Überfall 1941 diente Michail Kalaschnikow als Panzerkommandeur eines T-34 und wurde bei einer der Schlachten bei Brajnsk an der Schulter verletzt. Im Lazarett studierte er die Waffentechniken und fertigte die erste primitive Zeichnung einer Maschinenpistole an. Nach seiner Entlassung folgten diverse Versuche, der Bau mehrerer Prototypen, seine Versetzung an die Fakultät für Artillerie des Luftfahrtinstituts, Konsultationen mit Militäringenieuren, Waffentheoretikern und Testserien an Wissenschaftsinstituten – die jedoch alle unbefriedigend ausfielen. Zumal die Armee eine Waffe wollte, die gezielter Dauerfeuer schießen konnte als die bisherigen und dies bitt schön mit leistungsstärkerer Munition als der bis dahin verwendeten.
Nach weiteren Eigenbauten wurde Kalaschnikow 1944 schließlich Konstrukteur in der „Abteilung für Erfindungen« des Verteidigungsministeriums und bekam – der Krieg war inzwischen vorbei – Unterstützung beim Bau seines Sturmgewehrs von anderen waffenbauern, die ihn auch überzeugten, seine bisherige Konstruktion radikal neu zu gestalten. Im Prinzip war die Kalaschnikow am Ende ein Gemeinschaftswerk. Ende 1947 war die Testreihe jedenfalls abgeschlossen und das AK-47 als perfekt befunden worden. Der „Awtomat kalaschnikowa obrasza 1947“ ging 1948 in Produktion, wurde 1949 nach erfolgreicher Truppenerprobung in der Roten Armee und bald in den „Bruderarmeen« eingeführt und später von Michail Kalaschnikow noch zum Modell „AKM“ und Varianten davon weiter entwickelt.
Wer die effektivst tödliche Waffe gebaut hatte, wurde in der Sowjetunion jahrzehntelang geheimgehalten. Erst ende der 1980er-Jahre durfte sich der Stalinpreisträger Ersten Grades von 1949, Michail Kalaschnikow, öffentlich „outen“. Er wurde mit allen verfügbaren sowjetischen und dann russischen Staatspreisen geehrt, zum Generalmajor und zu seinem 80. noch mal zum Generalleutnant befördert.
Viel verdient hat Kalaschnikow, der zweimal verheiratet und Vater dreier Kinder war, nicht mit seiner Erfindung. Er lebte bis zu seinem Tod 2013 (Putin ließ ihn im „Pantheon Russlands«, der nationalen Heldengedenkstätte bei Moskau beerdigen) von einer kleinen Rente in einem Plattenbau in Ischewsk im Ural, wo die Waffen hergestellt werden, inzwischen von einer Kalschnikow-Firmengruppe, die auch Sport- und Jagdwaffen produziert. Ende September 2023 hat der Konzern auf einer Waffenmesse in Moskau ein Gewehr (M-155 ultima) vorgestellt, das mit einer Apple Watch verbunden werden kann.

