Pinocchios Geburtstag

Am 7. Juli 1881 erschien in einer römischen Wochenzeitung sein erstes Abenteuer. „Le Avventure Di Pinocchio“.

Mein Pinocchio kam aus Moskau  (Alexej Tolstoi hatte Collodis Geschichte adaptiert und sein Buch Generationen von Kindern im Ostblock begeistert) und wurde mir als Burattino vorgestellt. Papa hatte ihn mitgebracht. Ich muss noch ziemlich klein gewesen sein. Denn später war eines seiner (eben nicht:) hervorstechenden Merkmale die fehlende lange Nase. Die hatte ich ihm abgekaut, in den vielen Nächten, in denen ich ihn aus Angst vor der Dunkelheit an mich presste und er mit seinen harten Plastikhänden mein Gesicht streicheln musste. Ich war ein einzelgängerisches einsames Kind und Pinocchio lange mein einziger Begleiter und Zuhörer. Ich hielt ihm Vorträge, ich tröstete ihn, wenn Mama mir die grusligen Geschichten über ihn vorlas. Ich liebte ihn, weil er die Schule schwänzte, litt mit ihm und seinem Papa und hasste den fiesen Fuchs und den noch fieseren Kater aus ganzem Herzen. 

Mit der Zeit verlor Pinocchio vor lauter Beanspruchung und Liebe erst seine Zipfelmütze, dann die Haare und einen Teil seiner Füllung am Bauch und schließlich auch die rote Farbe an seinen Schuhen. Und irgendwann verschwand Pinocchio auch mir aus dem Bewusstsein, unauffällig und allmählich wie die ganze Kindheit. Es war wohl bei einem unserer zig Umzüge, als er dann auch de facto auf der Strecke blieb…
Es muss ungefähr zwanzig Jahre her sein, als ich mit Freunden Tallin besuchte. Wir wanderten durch die schöne Altstadt und da war er plötzlich. Mein Pinocchio saß mit seinem verschmitzten Gesichtchen im Schaufenster eines Antiquitätentrödlers. Es mag albern klingen, aber ich war wie im Schock. Ich hatte Jahrzehnte nicht an das Kerlchen gedacht und plötzlich stürzte die gesamte Kindheit auf mich ein. Auch wenn dieser kleine Este etwas anders gekleidet war als meiner und eine andere Haarfarbe hatte und auch wenn ihm die rote Mütze abhanden gekommen war – das war eindeutig mein Pinocchio und ich wollte nichts anderes mehr in dieser Stadt als ihn haben. 

Aber der Laden war  geschlossen. Ich musste die folgenden zwei Tage immer wieder an ihn denken und schlich mehrfach zu dem Antiqitätengeschäft. Da saß er im Fenster, doch der Laden war zu und nirgendwo stand die Öffnungszeit angeschrieben. 

An unserem letzten Tag hatten wir einen heftigen Streit. Meine drei Freunde drängelten zum Flughafen, es war schon reichlich spät, doch ich wollte noch einmal zu diesem Laden. Wir trennten uns, alle wütend aufeinander. 

Auf dem Rückflug saß ich dann allein. Aber neben mir saß Pinocchio (angeschnallt, versteht sich).

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