Crossdressing 1.0

Die norwegischen Fotografinnen Bolette Berg & Marie Høeg 

Wow! Eine junge Frau um 1900, die als Mann verkleidet mit gezwirbeltem Schnurrbart, als Junge mit Schiebermütze und Kippe, als Ehemann eines Freundes in Frauenkleidern oder als Verehrer einer eleganten Angebeteten in einem Ruderboot spitzbübisch in die Kamera grinst… Und andere Frauen, die sich im Ambiente eines Fotostudios „typisch männlichen“ Lastern – Rauchen, Trinken, Kartenspielen – hingeben. Was für ungewöhnliche Bilder aus einer Zeit, in der für Frauen „Kinder, Küche, Kirche“ vorgesehen war, entstanden zwischen 1894 und 1903 in Norwegen, wo Frauen erst seit wenigen Jahren selbständig Handel und Gewerbe ausüben durften, und wie überall in Europa noch nicht einmal das passive Wahlrecht hatten.

Die Fotografien stammen aus dem Besitz von Marie Høeg und Bolette Berg. Viel ist leider nicht bekannt über die beiden Frauen. Die Fischerstochter Marie Høeg und die sechs Jahre jüngere Pfarrerstochter Bolette Berg, die eine klein, blond und kurzhaarig, die andere groß, dunkel- und langhaarig, haben sich Anfang der 1890er-Jahre während ihrer Fotografie-Lehre in Finnland kennengelernt und nie wieder getrennt. Zurück in Norwegen sind sie zusammen nach Horten gezogen, eine Küstenstadt, 100 Kilometer südlich von Oslo. Dort haben sie 1894 ihr Fotostudio Berg & Høeg eröffnet und ihren Lebensunterhalt mit konventionellen Porträt-, Landschafts- und gelegentlichen Schiffsaufnahmen und kleinformatigen Kopien von Kunstwerken verdient. An sich nichts besonderes; in Horten gab es etliche Fotoateliers, denn zu dieser Zeit war die Fotografie der letzte Schrei und wer es sich leisten konnte, ließ ein Porträt von sich anfertigen oder sich in einer hübschen Phantasiekulisse ablichten. 

Das Paar nutzte sein Atelier jedoch nicht nur zum Fotografieren, sondern richtete 1896, inspiriert von der aktiven finnischen Frauenbewegung, eine Diskussionsrunde und einen Treffpunkt für Frauen ein. Vor allem Marie Høeg engagierte sich auch öffentlich. Sie hat in Horten einen Frauenrat (Kvinneråd), eine Tuberkulose-Vereinigung (Tuberkuloseforening) und die Horten-Zweigstelle der Nationalen Vereinigung für Frauenwahlrecht (Kvinnestemmerettsforeningen) gegründet.

Doch 1903 haben Marie Høeg und Bolette Berg Horten verlassen und sind nach Kristiania (das heutige Oslo) umgezogen. Dort haben sie ebenfalls ein Fotoatelier betrieben und zusätzlich den Verlag Berg og Høghs Kunstforlag A.S. gegründet und Postkarten, Kunstzeitschriften und Reproduktionen von Kunstwerken aus der Nationalgalerie herausgeben, unter anderem aber auch das dreibändige Werk „Norske Kvinde“ (Norwegens Frauen). Marie Høeg war außerdem Vorsitzende der Sektion Kristiania der Vereinigung für Frauenwahlrecht, bis 1913 (nach Finnland 1906) auch in Norwegen das Frauenwahlrecht eingeführt wurde.

Später kauften sie einen Bauernhof in Hadeland und verbrachten hier ihre letzten Lebensjahre. Bolette Berg starb 1944 mit 72, Marie Høeg 1949 im Alter von 83 Jahren. Beide Frauen wären längst vergessen, wären nicht ihre besonderen Fotos aufgetaucht.
Ende der 1970er-Jahre  hat ein norwegische Sammler den Nachlass der beiden Frauen ersteigert, darunter zwei Kisten mit Glasnegativen, die mit dem Hinweis „privat“ gekennzeichnet waren – eben jene Crossdressing-Fotos. In den 1980er-Jahren wurden in der Scheune des Gehöfts weitere Glasnegative entdeckt, und 2022 tauchte noch eine Schachtel mit persönlichen Porträts auf, so dass heute etwa 700 Negative von Berg & Høeg bekannt sind, ein Zehntel davon Inszenierungen aus ihrem Privatleben.

Der Hinweis „privat“ macht klar, dass den sehr Frauen bewusst war, dass sie Grenzen überschritten. Vermutlich haben sie diese Art Fotos in ihrem Freundeskreis und unter der Hand kursieren lassen, und vermutlich haben sie ihr Studio nach Feierabend oder an den Wochenenden genutzt, um zu zweit oder mit ihren Geschwistern, Freunde und Freundinnen ihre privaten Foto-Sessions abzuhalten. Und die waren phantasievoll, ironisch, selbstbewusst und spielerisch. Die Mitwirkenden, allen voran Marie Høeg (Bolette stand offenbar meist hinter der Kamera), hatten sichtlich Spaß daran, stereotype männliche Rollen einzunehmen oder zu karikieren, sich Bärte anzukleben, in Unterwäsche mit Dolch oder Pfeife zu posieren, ein ernsthaftes Gespräch mit dem Familienhund zu führen oder aber den Polarforscher und damaligen Nationalheld Roald Amundsen zu geben, wie Marie auf dem folgenden Bild in der Mitte. 

Die Fotos von Marie Høeg und Bolette Berg zählen heute zu den frühesten fotografischen Auseinandersetzungen mit traditionellen Geschlechterrollen und Identität, und sie sind ein wunderbarer, witziger Kontrast zu den in dieser Zeit üblichen starren Porträtfotos und der breitbeinigen Männlichkeit.

2 Kommentare zu „Crossdressing 1.0

  1. was für wundervolle frauen, die selbstbestimmt, fantasie- und humorvoll, mutig, neue grenzen sich erobernd, experimentierfreudig selbstbewusst ihr leben lebten.
    herzlichen dank für diese erfrischung meiner seele! tut mir heute besonders gut!

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu michaelasaliari Antwort abbrechen