Im Buchenwald…

20. Januar 1943. Die Wiener Komponistin und Malerin Josefine Winter stirbt im Ghetto Theresienstadt

Josefine Winter (geborene Auspitz, geschiedene Fröhlich Edle von Feldau, verwitwete Winter Edle von Wigmar, auch Auspitz-Lieben, Auspitz-Winter, Winter-Wigmar) wurde als Rosa Josefine Auspitz  am 21. Dezember 1873 in einen weit verzweigten großbürgerlichen jüdischen Familien-Clan in Wien hineingeboren, aus dem schon bedeutende Banker, Erfinder, Wissenschaftler und Philosophen hervorgegangen waren (siehe Gomperz, Wertheimstein, Todesco, Motesiczky usw.). Ihre Eltern (deren Großmütter Schwestern und die somit Cousin und Cousine waren) hatten 1869 im Stadttempel geheiratet: Rudolf Auspitz, war Nationalökonom und gehörte von Josefines Geburt bis zu seinem Tod dem Reichsrat an; ihre Mutter, Helene von Lieben, war Porträtmalerin und u.a. mit Franz Grillparzer befreundet. 

Josefines Eltern

Rudolf Auspitz hatte sich 1874 gemeinsam mit seiner Frau und seinen Cousins und Cousinen, den Geschwistern Leopold, Adolf, Richard und Lieben im 1. Bezirk an der Ringstraße, Oppolzergasse 6, ein prächtiges großes Haus errichten lassen. In diesem »Palais Auspitz-Lieben«, wo im 1. Stock ihre Tante Anna von Lieben wohnte (die als »Cäcilie M.« die erste Patientin von Sigmund Freud war), wo Berta Zuckerkandl-Szeps ihren legendären literarischen Salon betrieb und sich im Erdgeschoß das bekannte »Café Landtmann« befindet, wuchs Josefine auf. In den Salons ihrer Verwandtschaft verkehrte die künstlerische und wissenschaftliche Elite des Landes, darunter Leute wie Arthur Schnitzler, Hugo von Hoffmannsthal, Max Reinhardt und Gustav Mahler. 

Das Palais Auspitz-Lieben, damals und heute

Josefine begann bereits als kleines Kind zu zeichnen und zu malen, während ihre Begabung für Musik erst später entdeckt wurde. Vermutlich, weil ihre kunstaffine Mutter bald nicht mehr da war; sie hatte an Depressionen gelitten, war von ihrem Mann in eine Psychiatrie abgeschoben und zu Hause durch eine entfernt mit der Familie verwandte Gouvernante ersetzt worden, die dann auch die Stiefmutter Josefines wurde, nachdem sich Rudolf Auspitz von Helene hatte scheiden lassen. 

Die kleine Josefine

Josefine und ihr drei Jahre jüngerer Bruder Leopold wurden durch Privatlehrer unterrichtet, sie nahm auch Zeichenunterricht bei dem Radierer Ludwig Michalek und dessen Frau, die Pianistin Lili Michalek, machte sie mit klassischer Musik vertraut, vor allem mit Schumann, Brahms und Schubert. Da Josefine zwar begabt am Klavier war, aber als Mädchen nicht offiziell an einer Kunst- oder Musikhochschule studieren durfte (sie beklagte sich noch als 50-jährige bitter darüber, dass sie kein Junge war), wurde sie später Schülerin bei dem Tschechen Josef Bohuslav Foerster, der in einer privaten Musiklehranstalt, dem Neuen Wiener Konservatorium, Komposition unterrichtete. Ihr seit seiner Kindheit kränkelnder und gehbehinderter Bruder studierte indes Philosophie, aber starb bereits mit 21 Jahren.

Ebenfalls mit 21 Jahren heiratete Josefine 1894 Alfred von Fröhlich-Feldau, hieß nun Josefine Fröhlich Rosa Edle von Feldau, zog in die Wohnung in der Oppolzergasse, in der zuvor Franz Brentano mit ihrer Tante Ida Lieben gewohnt hatte,  und brachte kurz hintereinander zwei Kinder zur Welt, 1895 Hilde und 1897 Walter.

Doch dann lernte sie durch den Hausarzt der Familie, Josef Breuer, bekannt auch als Mitbegründer der Psychoanalyse, den Musik- und Kunst begeisterten Chirurgen, Puppenspielsammler und Lyriker Dr. Josef Winter kennen – und ließ sich von Herrn Fröhlich scheiden. Sie heiratete Winter, der von den Juden zu den Protestanten übergetreten war und dessen Gedichte (die er unter dem Pseudonym Reinhold Fuchs veröffentlichte) von bekannten Komponisten vertont wurden (sein »Lied der Deutschen in Oesterreich« bzw. »Volkslied« z.B. von Anton Bruckner), und bekam mit ihm noch zwei Kinder – 1902 Marianne und 1903 Gerhard. Beide waren sehr aktiv in der Wiener Kulturszene, pflegten unter anderem Kontakt mit Gustav Mahler und reisten sogar zur Uraufführung seiner 8. Symphonie nach München.
Josef Winter, daneben ein großer Wagner-Fan, förderte die künstlerischen Talente seiner Frau. In der Malerei waren es bevorzugt Porträts und Landschaften, wobei sie einen besonderen Sinn für Farbgestaltung und Lichtstimmungen bewies und auch mehrfach in Wien ausstellte.

Josefine Winter: Seeblick, um 1930

Leider sind fast alle Bilder verschollen, genauso wie ihre Kompositionen, meist für Singstimme und Klavier, die oft allenfalls noch dem Titel nach erhalten sind. Die Gedichte ihres Mannes hatten Josefine zu einer Reihe von Liedern inspiriert, wie unter anderen zu »Verlöbnis«, »Lied in Moll« und »Seelenlied«. Hauptsächlich aber vertonte sie Texte von Frauen ihrer Generation wie »Die Patrizier von Ragusa« und »Meeresmittag« von Paula Preradović (der späteren Verfasserin der österreichischen Bundeshymne, 1887-1951), »Der ferne Garten« von Gisela von Berger (1878–1961) oder »Spruch der Halme« von Hilda Bergmann (1878-1947).

1904 bezog sie mit ihrem Mann und den Kindern eine Villa mit Park in der Anastasius-Grün-Gasse 54 im 18. Bezirk. Dort war auch Platz für ihre große Kunstsammlung mit Werken des Biedermeiers, der Secession und zeitgenössischer Künstler (die sich später die Nazis unter den Nagel riss).
Josefine malte und komponierte weiter und engagierte sich wie in wohlhabenden jüdischen Familie üblich und wie sie es von Klein auf kannte, für soziale Belange. Von 1901 bis 1920 war sie im Vorstand des Allgemeinen österreichischen Israelitischen Taubstummen-Instituts. Im Ersten Weltkrieg leitete sie ein Kinderheim in Wien und gründete mit ihrem Mann eine Lungenheilstätte und mobile Epidemielaboratorien und Feldlazarette für das Rote Kreuz.
Josef Winter wurde 1914 wegen seiner Verdienste als Stabsarzt geadelt und durfte sich fortan »Edler von Wigmar« nennen, seine Frau »Josefine Rosa Winter Edle von Wigmar.« Doch zwei Jahre später, 1916, starb Josef an einer Herzkrankheit. Und Josefine blieb, wenn auch finanziell gut gestellt, allein mit ihren vier Kindern. 

Zwei Jahre später endete der Krieg und die junge Republik wurde unter heftigen Wehen geboren.  In ihrem 1927 erschienenen Buch »Fünfzig Jahre eines Wiener Hauses. Die Geschichte des Palais Auspitz-Lieben« schildert Josefine die Ereignisse dieser Zeit: »Das Haus, das so viele friedliche Aufzüge und schöne Feiern gesehen hatte, wurde im November 1918 Zeuge der Revolution; vom Parlament herüber knatterten die Schüsse der Kommunisten, die Massen fluteten fliehend in die Oppolzergasse und hätten beinahe das Tor gestürmt. Drei Jahre später war es umsaust von der brüllenden Horde, die Hoteliers, Kaffeehausbesitzer und Geschäftsleute des Rings und der Kärntnerstraße für die Fehler der Regierung büßen ließ. Das Haus kam durch kluges Verhandeln des Gastwirtes im Parterrelokal ohne Schaden davon.«

Das Café Landtmann im Palais Auspitz-Lieben, Anfang der 1920er-Jahre

Wenige Jahre später kamen die  Nazis in Deutschland an die Macht. Am 8. Mai 1936 wurden bei einem Liederabend im Schubert-Saal des Wiener Konzerthauses noch drei Werke Josefines uraufgeführt: »Das ist der Tag des Herrn«, »Jetzt rede Du« und »Requiem« nach Versen von Conrad Ferdinand Meyer. Die Uraufführung ihres Stücks »Incoranar« nach Worten von Paula von Preradović mit der Sängerin Rosa Weissgärber und der Pianistin Marianne Kuranda am Klavier im Musikverein Wien dürfte dann 1938 eine oder die letzte öffentliche Aufführung ihrer Werke gewesen sein. Nach dem »Anschluss« galten nun auch in Österreich die »Nürnberger Gesetze« und Josefine Winter als »Volljüdin«. 

Josefine war vermögend und verfügte über gute Kontakte ins Ausland. Sie übertrag zwar ihren Anteil an dem Palais in der Oppolzergasse den Kindern ihrer Tochter Marianne, die als »Mischlinge« galten und noch Eigentum besitzen durften, weil ihr Vater ein Nichtjude war, doch sie schätzte die Lage falsch ein und unternahm nichts zu ihrer eigenen Rettung.  

Die Villa in der Grün-Gasse und Josefine mit ihren Kindern 1938

Als sie ihre Villa in der Anastasius-Grün-Gasse verlassen sollte, schrieb sie einen Brief an Adolf Hitler und zählte die vielen sozialen Projekte auf, die sie im Lauf ihres Lebens unterstützt hatte. Das Schreiben blieb natürlich unbeantwortet, aber sie konnte vorläufig in der Villa bleiben. Dafür wurden weitere jüdische Familien einquartiert, die aus ihren Wohnungen delogiert worden waren. Auf der erhaltenen Hausliste stehen 24 Namen von jüdischen Untermietern und -mieterinnen,  von den 15  nachweislich ermordet wurden. Dann wurde Josefines Vermögen beschlagnahmt und die Villa  durch die Vereinigten Textilwerke K.H. Barthel & Co. »arisiert« (später allerdings durch einen Bombentreffer zerstört); sie musste in eine Judenwohnung in der Eßlinggasse 7 übersiedeln und anschließend in eine weitere Sammelwohnung in der Springergasse 27. Von dort wurde die 70-Jährige unter der Registriernummer 409 am 14. Juli 1942, vom Aspang-Bahnhof in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie ein halbes Jahr später, am 20. Januar 1943 starb.

Todesfallanzeige Rosa Josefine „Sara“ Winter, Theresienstadt

Josefine Winter ist nahezu vergessen und nur wenigste ihrer Kompositionen sind erhalten, wie »Im Buchenwald« zu Versen ihres Mannes Josef Winter: 

Jetzt rede du!

Du warest mir ein täglich Wanderziel,
Viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen,
Ich hatte dir geträumten Glücks so viel
Anzuvertraun, so wahren Schmerz zu klagen.

Und wieder such’ ich dich, du dunkler Hort,
Und deines Wipfelmeers gewaltig Rauschen –
Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort!
Verstummt ist Klag’ und Jubel. Ich will lauschen.

(Conrad Ferdinand Meyer)

Ein Kommentar zu „Im Buchenwald…

  1. Vielen Dank für den interessanten Artikel, und insbesondere auch die Einbettung der schönen Musik. Leider konnte auch ich keine weiteren Werke von ihr finden. Es wäre schön, wenn im Laufe der Zeit in irgendwelchen Archiven doch noch etwas von ihr entdeckt und dann eingespielt wird.

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