Was haben unser Stammvater Abraham, Liz Taylor, Muhammad Ali und Kardinal Lustiger gemeinsam? Richtig. Sie sind von einer Religion zur anderen übergetreten. Jeder hatte andere Gründe dafür, zum Judentum, Christentum oder Islam zu konvertieren. Der eine suchte nach spiritueller Erfüllung, die andere fühlte sich von der Botschaft einer Religion angezogen, der nächste wurde dazu gedrängt, die übernächste hatte persönliche Beziehungen. Ein kleines Konvertitenkarussel…
Abraham war laut Bibel der allererste Mensch, der einem einzigen Gott gefolgt ist und sich von der Vielgötterei abgewandt hat. Damit wurde er auch der erste Konvertit und der Stammvater der drei monotheistischen Religionen. Seit ihm gab es jedoch auch Heerscharen von Menschen, die aus verschiedensten Gründen von einer Religion zur anderen oder zwischen den Spielarten einer Religion gewechselt sind. Wir bleiben heute bei der groben Unterteilung Judentum, Christentum, Islam und beginnen mit den »Abgängern« aus der ältesten monotheistischen Religion:
Die Zahl der Konversionen vom Juden- zum Christentum ist unüberschaubar groß. Die meisten fanden unter Zwang statt, oder weil es opportun für ein Weiterkommen in der Gesellschaft war, in einigen Fällen aber auch aus tiefster Überzeugung wie bei der Ordensschwester Edith Stein, die trotzdem in Auschwitz ermordet wurde, oder wie bei Kardinal Jean-Marie Lustiger, dem Erzbischof von Paris, der als Aron Lustiger geboren worden ist. Auch der Philosoph und Literaturnobelpreisträger Henri Bergson wollte Katholik werden, hat dann aber 1937 beschlossen, aus Solidarität mit den anderen verfolgten Juden nicht zu konvertieren. Das Totengebet an seinem Grab sprach dann aber doch ein katholischer Priester, nachdem Bergson 1941 gestorben war, weil er sich eine Lungenentzündung geholt hatte, als er für die Zwangsregistrierung als Jude stundenlang in der Kälte Schlange stehen musste.
Weniger bekannt als Edith Stein oder Bergson, aber ein sehr interessanter Mann ist:

August Neander, ein Jude, der als »Vater« der modernen Kirchengeschichtsschreibung gilt. Einer seiner Schüler hat ihn so beschrieben: Mittelgroß, unschönes, gutmütiges Gesicht, dunkle Hautfarbe, tief liegende Augen, buschige Augenbrauen, ungekämmtes Haar, nachlässig gebundene Krawatte, »die ebenso oft hinten oder an der Seite des Halses baumelte wie vorn« und ein schäbiger, schiefsitzenden Hut… Ein Mann, der ›Unter den Linden‹ spazieren geht – mit geschlossenen Augen oder in den Himmel blickend, inmitten des Lärms über Theologie spricht, angestarrt, belächelt, bestaunt und doch respektvoll gegrüßt von allen, die ihn kannten; oder schließlich, wie er am Katheder steht – immer nahe daran, das Pult umzuwerfen, die ganze Zeit mit größter Begeisterung sprechend, ohne irgendeine andere Hilfe als einige unleserliche Notizen. August Neander, so schreibt sein ehemaliger Student weiter, sei die alleroriginellste Erscheinung der literarischen Welt des 19. Jahrhunderts gewesen.
Die »alleroriginellste Erscheinung« wurde 1789 als David Mendel in Göttingen geboren. Seine Mutter war mit Moses Mendelssohn verwandt und sein Vater verdiente sein Geld damit, dass er Kleinkredite an Studenten vergab. Er hatte aber kein Glück mit seinen Geschäften und so zog seine Frau mit den sechs Kindern allein nach Hamburg. David besuchte dort das Gymnasium und hielt eine öffentliche lateinische Rede für die Emanzipation der Juden, die den Direktor, Johannes Gurlitt, so beeindruckt hat, dass er Mendel von da an förderte. Der schloss sich dem Kreis um Adalbert Chamisso und Matthias Claudius an, verliebte sich in die Schriften Platos und kam von da zum Neuen Testament. Die Ideen vom Christentum als Religion der Liebe brachten ihn schließlich dazu, sich taufen zu lassen. Seinen neuen Nachnamen »Neander« lieh er sich vom Kirchenlieddichter Joachim Neander aus, weil ihm der »neue Mann« gefiel, der in dem Wort steckte. Den Vornamen August lieferte einer seine Taufpaten, der spätere Ehemann von Rachel Varnhagen.
Der Neu-Christ meinte es ernst mit dem Wechsel. Er promovierte in Philosophie und Theologie, und schrieb dann eine so großartige Monografie über Kaiser Julianus, dass der Historiker Niebuhr ihm eine Professur in Berlin verschaffte, wo Neander bis zu seinem Tod neben anderen Geistesgrößen gelehrt hat – also Schleiermacher, Marheineke, Fichte, Hegel, Ranke usw. (die kennen wir alle, mindestens als Berliner Straßennamen). Sein Opus Magnum war eine fünfbändige »Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche«, die ihm den Ruf eingebracht hat, als bedeutendster Kirchenhistoriker seiner Zeit eingebracht hat.
August Neander hat nie geheiratet, sehr bescheiden gelebt, sämtliche Erlöse aus dem Verkauf seiner vielen Bücher für philanthropische Zwecke gespendet und soll grenzenlos großzügig Ärmeren gegenüber gewesen sein. Das auffälligste an ihm aber war sein Elefantengedächtnis. Er sprach in seinen Seminaren im Schnitt zwei bis drei Stunden hintereinander frei, ohne Manuskript und nachdem er 1850 an der Cholera gestorben war, fand man kein einziges Notizheft in seinem Nachlass.

Noch etwas skurriler ist unser zweiter Kandidat: Ignaz Trebitsch-Lincoln, der gleich mehrere Metamorphosen durchgemacht hat, aber wohl eher als Geschäftsmodell. Er wurde als Abraham Schwarz 1879 in der ungarischen Kleinstadt Paks in einer orthodoxen Familie geboren. Sein Vater war Getreidehändler und die Mutter eine entfernte Verwandte der Rothschilds. Ignaz lernte in einer Jeschiwa und wollte Schauspieler werden. Doch dann verlor der Vater bei Börsenspekulationen sein Vermögen. Ignaz ließ die Schauspielerei sein, schrieb Reisegeschichten über Südamerika (wo er nie war) und lernte Missionare kennen. Mit 19 ließ er sich evangelisch taufen, ging als Prediger nach Kanada, arbeitete für die Judenmission und änderte seinen Namen in Trebitsch-Lincoln, weil er den amerikanischen Präsidenten verehrte.
Er war zwar sehr erfolgreich dabei, Juden das Evangelium beizubringen, aber dann zerstritt er sich mit seinen Chefs und schloss sich aus Trotz nun der anglikanischen Kirche an, und bekam vom Erzbischof von Canterbury eine Gemeinde in Kent zugeteilt. Dort gab es aber kaum Juden, die konvertieren wollten, und so suchte Trebitsch sich eine neue Spielwiese und wurde Privatsekretär eines reichen Quäkers, für den er durch Europa reiste. Da er dabei Hinz und Kunz kennenlernte und rhetorisch sehr begabt war, ging er in die Politik: 1910 wurde Trebitsch in das englische Unterhaus gewählt. Seine guten Beziehungen als Abgeordneter halfen ihm nun wiederum, in die ganz großen Geschäfte einzusteigen. Er spekulierte mit Öl-Aktien, gründete ein Petroleum-Syndikat, überredete Leute zu investieren – und machte Bankrott.
Dann begann der Erste Weltkrieg und weil er Geld brauchte, betätigte sich Trebitsch nun als Zensor für den deutschen Geheimdienst, bot aber auch dem späteren MI 5, seine Dienste als Doppelagent an. Diese Karriere scheiterte daran, da er keine interessanten Informationen liefern konnte. Seine finanzielle Situation wurde immer prekärer und als er auch noch wegen Scheckbetrugs gesucht wurde, setzte er sich in die USA ab. Die lieferte ihn jedoch an Großbritannien aus, er bekam drei Jahre Zuchthaus und wurde anschließend ausgewiesen.
Kurz darauf tauchte Trebitsch in Berlin auf, schrieb antibritische Artikel und bekam dadurch Kontakt zur ultra-rechten Freikorpsszene. Trebitsch machte wieder sehr schnell Karriere und wurde 1920 internationaler Pressesprecher der Kapp-Putschisten. Der Putsch ist bekanntlich gescheitert, Trebitsch flüchtete nach Ungarn und schiffte sich 1922 mit falschen Papieren nach China ein. Anfangs diente er einem chinesischen Warlord als Waffenbeschaffer, doch 1925 fand er, dass es an der Zeit war, seine religiösen Ader wiederzubeleben. Er ließ sich zum buddhistischen Mönch ordinieren, nannte sich Chao Kung und ging in ein Kloster. Später gründete er dann noch selber ein Kloster, und reiste noch mehrfach nach Europa, wo der Buddhismus grad groß in Mode war und hielt Vorträge. Und jedesmal, wenn er wieder nach China kam, folgten ihm ein Dutzend Europäer, um in sein Kloster einzutreten. Trebitsch, der behauptete, in einem tibetischen Kloster okkultes Geheimwissen erworben zu haben, obwohl er nie in Tibet war, suchte den Kontakt zum Panchen Lama (dem Konkurrenten des Dalai Lama), und geriet so wieder einmal in die Politik. Als der Dalai Lama starb, versuchte Trebitsch, allerdings erfolglos, Heinrich Himmler davon zu überzeugen, ihn zum Nachfolger des Dalai Lama zu ernennen.
Mit dem Krieg schwand dann auch seine Popularität. Ignatz Trebitsch zog mit seinen letzten zwei Anhängern zurück nach Shanghai, und lebte in billigen Absteigen. Kurz bevor er 1943 bei einer Operation im Krankenhaus starb, schlug er immerhin noch vor, die auf engstem Raum eingepferchten jüdischen Flüchtlinge auf einem buddhistischem Gelände in der Nähe Shanghais anzusiedeln und dort ein Tel Aviv im Miniaturformat zu bauen.
Nächste »Sparte«: Vom Judentum zum Islam:
Im Mittelalter waren es meist sephardische Juden, die zum Islam übergetreten sind und oft hohe Positionen an den Höfen muslimischer Herrscher eingenommen haben. Ein Sonderfall ist der selbst ernannte Messias Schabbtai Zwi:

Er stammte aus Smyrna (Izmir), war der Sohn eines Geflügelhändlers und soll während der Chmelnizki-Pogrome 1648, als Juden in Osteuropa zu Hunderttausenden umgebracht wurden, eine Vision gehabt haben – nämlich, dass er der Erlöser sei. Daraufhin schloss ihn die jüdische Gemeinde aus, er ging nach Saloniki, wurde wieder ausgewiesen, dann nach Konstantinopel und weiter über Kairo nach Jerusalem. Als er sich 1665 von dem Kabbalisten Nathan von Gaza eine geistliche Unterweisung geben lassen wollte, soll der ihm gesagt haben, die brauche er nicht, weil er ja der Messias sei. Das ließ Schabbtai sich nicht zweimal sagen: er ernannte zwölf Mitglieder der Gemeinde von Gaza zu Repräsentanten der zwölf Stämme Israels und ließ sich zum Messias ausrufen. Er übernahm die Ideen von Abraham Jachini, eines anderen jüdischen »Spinners«, der die Endzeit nicht mit Fasten und Beten herbeizwingen wollte, sondern mit kultischen Gruppenorgien und dem bewussten Brechen aller Sittengesetze (weil, wenn der Messias gekommen ist, gibt es ja keine Sünde mehr, also auch keine Ge- und Verbote). Schabbtai heiratete also eine aus Polen stammende Sarah, die vermutlich Prostituierte war, verteilte Land, das ihm nicht gehörte, setzte Unter-Könige ein, rief Frauen zum Lesen der Tora auf und strich alle Trauertage. Seine Sabbatianer-Sekte wuchs schnell an, und die frohe Botschaft von der Ankunft des Messias wurde von den Juden in Europa, die unter dem Dreißigjährigen Krieg und den Kosakenaufständen zu leiden hatten, begierig aufgenommen. Z.B. haben viele Hamburger Juden damals ihr Hab und Gut verkauft, weil sie ja demnächst erlöst würden oder Vorräte mit Trockenproviant angelegt, um jederzeit seinem Ruf folgen und nach Jerusalem aufbrechen zu können.
Der »Messias« reiste mit seinen Jüngern nach Jerusalem, wie es sich für den Messias gehört, doch dort belegte die rabbinische Konkurrenz ihn mit dem Bann. Messias also zurück nach Smyrna und von da nach Konstantinopel. Dort regierte Sultan Mehemed IV., und der war wenig begeistert und ließ ihn einsperren. 1666 stellte sein Gericht Schabbtai vor die Wahl, entweder zum Islam zu konvertieren oder als Märtyrer zu sterben (bzw. wenn ihn dann der Pfeil des Bogenschützen nicht töten würde, sei er halt der Messias). Der Messias konvertierte lieber. Für die Gläubigen war das ein Schock, auch wenn seine Anhänger sich bemühten, das Paradox zu erklären: Zwis Bekehrung sei kein feiger Verrat, sondern ein notwendiger Schritt zur Erlösung der Welt, oder: nur seine äußere Form sei konvertiert, was sich daran zeige, dass er einen Turban trug, während sein göttliches Wesen unbefleckt blieb.
Nach seiner Bekehrung bekam Schabbtai jedenfalls den prestigeträchtigen Namen Aziz Mehmed Efendi verliehen, eine Ehrenposition und eine königliche Pension. Später wurde er allerdings noch einmal verhaftet, weil er in die Moschee und in die Synagoge ging, Muslime mitnahm und versuchte, quasi eine Art eigene Religion zu schaffen, die Judentum, Christentum und Islam verband. Diesmal wurde er nur verbannt, und lebte bis zu seinem Tod dann in Albanien. Das europäische Judentum aber litt noch Jahrzehnte später unter den Folgen der mystischen Euphorie.
Schabbtai Zwi war ein Sepharde. Dass Aschkenasi, also mittel- oder osteuropäische Juden, Muslime geworden sind, ist sehr viel seltener. Aber es gibt sie, wie:

Isaak Schnitzer alias Emin Pascha. Der wurde 1840 in Oppeln geboren und war der Sohn eines Kaufmannså und einer Bankierstochter. Sein Vater starb früh und seine Mutter ließ ihn daraufhin taufen. Er studierte Medizin in Breslau und Königsberg und promovierte in Berlin. Doch dann bekam er in Preußen keine Zulassung zum Staatsexamen, ging nach Albanien und wurde Hausarzt des muslimischen Gouverneurs. Der starb irgendwann und Schnitzer, der sich inzwischen Hairullah Hakim nannte, kehrte nach Deutschland zurück. Er hatte sich aber die orientalischen Sitten und Gebräuche so angeeignet, dass er hier wie ein Wundertier verspottet wurde, nicht wieder Fuß fassen konnte und nach Ägypten weiterzog.
Dort ist er zum Islam konvertiert und nahm den Namen »Mehmed Emin Efendi« an. Die Regierung beförderte ihn bald zum »Bey«, dann zum »Pascha« und ernannte ihn 1878 zum Gouverneur ihrer Äquatorialprovinz. Dort hat Pascha Schnitzer v.a. Nil-Expeditionen unternommen und ist zu Forschungszwecken durch die Gegend gereist, hat dabei aber auch neue Siedlungen für die durch die Flucht vor Sklavenjägern zerstreuten Bewohner bauen lassen, Kulturpflanzen eingeführt und das Straßensystem ausgebaut, so dass die hoch verschuldete Provinz Gewinne abwarf.
Dann aber kam es zu einem Fundamentalisten-Aufstand gegen die turko-ägyptischen Besatzer, mit der Folge, dass Emin Pascha Schnitzer komplett von der Außenwelt abgeschnitten war. In Europa dachten alle, er sei tot oder verschollen und es wurden diverse Expeditionen zu seiner Rettung organisiert – während er davon nichts wusste und im Sudan putzmunter weiter Forschungsreisen unternahm. Bis ihn schließlich das Glück verließ und er bei einer Expedition zum Viktoria-See 1892 von arabischen Sklavenhändlern gemeuchelt wurde.
Die Figur dieses Emin Pascha wurde in zig Abenteuerromanen verwurstet, u.a. von Karl May. Doch eigentlich war der Pascha aus Oberschlesien kein Abenteurer, sondern dank seiner unerschöpflichen Wissbegier vor allem ein Pionier der Erforschung Inner-Afrikas (in seiner Geburtsstadt trug bis zur Nazizeit sogar eine Straße seinen Namen). In dem Tagebuch, dass er bei sich hatte, als er getötet wurde, lautet der letzte Eintrag: »Habe endlich eine rote Maus gefangen… und 25 frische Vogelarten gesammelt.«
Der einflussreichste deutsche Muslim der Zwischenkriegszeit aber war Hugo Marcus, 1880 als Jude geboren und schwul.

Der Sohn eines Posener Holzhändlers hat in Berlin, erst Wirtschaftswesen, dann Philosophie studiert und bei Georg Simmel promoviert. Während des Studiums lernte er den Sexualaufklärer Magnus Hirschfeld kennen und begann sich ebenfalls gegen den §175 einzusetzen und an der Zeitschrift »Sexus« mitzuarbeiten. Ein anderer Freund aus seiner Studienzeit war Maulana Sadr-ud-Din, der im Auftrag der Ahmadiyya-Bewegung die erste muslimische Gemeinde in Berlin gegründet hat. Der machte Marcus mit dem Islam bekannt und sie fingen zusammen mit der ersten deutschen Koran-Übersetzung an. 1925 konvertierte Hugo Marcus, nannte sich nun Hamid (blieb aber übrigens Mitglied der Berliner Jüdischen Gemeinde) und Sadr-ud-Din machte ihn zum Geschäftsführer der Moschee in Wilmersdorf – damals die erste und einzige in Deutschland. 1930 wurde Marcus auch noch Vorsitzender der »Deutschen muslimischen Gesellschaft« und Chefredakteur der kosmopolitischen »Moslemischen Revue«. Eine Latifa Rössler konnte da z.B. einen Artikel über »die ungesunde Verschleierung« und andere frauenunterdrückende Sitten schreiben, die sich erst lange nach dem Tod des Propheten Mohammeds durchgesetzt hätten. Hamid Marcus selbst schrieb weit beachtete Artikel und hielt Vorträge (u.a. vor Hermann Hesse und Thomas Mann), in denen er für den Islam als Bereicherung für die europäische Kultur warb und versucht hat, ihn mit der abendländische Philosophien zu verknüpfen. Er interpretierte den Islam wie Lessing als universalistische Toleranzreligion und seine Gesetze nicht als Pflichtregeln, sondern als Angebote zum Handeln. Und: wie andere jüdische Intellektuelle glaubte Marcus, zwischen Judentum und Islam bestehe eine natürliche Affinität und hoffte, im Osten Erlösung vom Antisemitismus zu finden.
Nach der Pogromnacht 1938 wurde er als Jude Hugo »Israel« Marcus in Sachsenhausen in eine Baracke mit jüdischen Schwulen gesteckt und misshandelt, aber dank seiner prominenter Fans wieder entlassen – mit der Auflage, Deutschland zu verlassen. Der Imam der Wilmersdorfer Moschee besorgte ihm ein Visum und er konnte sich mit seiner Mutter in die Schweiz retten und wurde von den Deutschen ausgebürgert.
Nach dem Krieg befasste sich Hamid Marcus weiter mit dem Koran, und schrieb als Freiberufler mit kargem Einkommen unter einem Pseudonym noch viele Jahre für ein internationales Homosexuellenmagazin. Er bekam erst 1959 eine deutsche Rente und war bis zwei Jahre vor seinem Tod staatenlos. Erst 1964 haben ihm die Schweizer einen »Pass für Ausländer« gegönnt, in dem immer noch »Hugo Israel Marcus« stand.
Leopold Weiss ist fast zeitgleich in der Wilmersdorfer Moschee konvertiert.

Er kam aus Lemberg, war der Enkel zweier Rabbiner und wurde sehr religiös, gleichzeitig aber als österreich-ungarischer Patriot erzogen, so dass er mit 14 seine Papiere gefälscht hat, weil er am 1. WK teilnehmen wollte. Er ist natürlich aufgeflogen, studierte später dann in Wien und Berlin, wurde Assistent bei Friedrich Murnau, konnte beim Film aber nicht Fuß fassen und nahm eine Stelle als Telefonist bei der »Frankfurter Zeitung« an. Dann erzählte ihm ein Freund, der Portier in einem Hotel war, dass dort Maxim Gorkis Lebensgefährtin wohne, die Spenden für die Hungernden in Russland sammelt. Weiss interviewte sie einfach und bekam für diesen Alleingang eine Abmahnung – und eine Stelle als Reporter.
1922 lud ihn sein Onkel Dorian Fejgelbaum, der Psychiater in Jerusalem und einer der ersten Studenten Freuds war, nach Palästina ein. Leo war sofort fasziniert von den Arabern und vom Islam. Er fand ihn einfach und spirituell, ein Gegenentwurf zum westlichen Materialismus und eine Alternative zu Faschismus und Kommunismus. Nach seiner Rückkehr beschloss er zum sunnitischen Islam überzutreten, wie Hugo Marcus in der Wilmersdorfer Moschee, und wurde von Leo Weiss zu Muhammad Asad (wobei er seinen Vornamen quasi mitnahm: Leo ist »Löwe« auf Latein und »Asad« auf Arabisch).
Inzwischen hatte er auch geheiratet. Seine Frau und ihr Sohn aus erster Ehe konvertierten ebenfalls und 1927 gingen alle Drei auf eine Hadsch nach Mekka, bei der seine Frau aber an Malaria verstarb. Asad schickte ihren Sohn nach Berlin zurück und blieb in Arabien. Der Gründer des neuen Staates Saudi-Arabien, König Ibn Saud, machte ihn zu seinem Berater und Asad schwärmte: »Niemand würde dem Zauber eines Lebens in Arabien widerstehen, wenn er eine Weile mit den Arabern leben würde. Selbst beim Verlassen dieses Landes wird der Mensch für immer ein Teil dieser herrlichen Atmosphäre der Wüste mitnehmen und selbst in den schönsten Ländern der Welt von Sehnsüchten befallen werden«.
Irgendetwas (wir wissen nicht was) ist dann aber passiert. Denn Asad hat mit seiner jungen Frau, der Tochter eines Scheichs, und dem neugeborenen Sohn (einige behaupten: fluchtartig) Saudi-Arabien verlassen, dann die ganze islamische Welt bereist und sich 1932 dem Kampf der Muslime für die Unabhängigkeit Pakistans angeschlossen. Nach Kriegsbeginn wurde er als österreichischer Staatsbürger in Bombay interniert, aber als der Krieg zu Ende war, dann gebeten, an der Verfassung für einen islamischen Staat Pakistan mitzuarbeiten. Sein Entwurf wurde zwar nicht angenommen, aber einige Details in die Präambel aufgenommen, u.a. Frauenrechte (Asad hat z.B. eine maßgebliche Rolle dabei gespielt, dass Benazir Bhutto als Frau die erste Premierministerin von Pakistan und die erste politische Führerin der gesamten islamischen Welt werden konnte, was sie auch immer wieder betont hat).
Asad selbst wurde 1951 Beauftragter Pakistans bei den Vereinten Nationen. Allerdings fing er in New York eine Affäre mit einer polnischen Einwanderin an und schickte seine Frau nach Saudi-Arabien zurück. Das fanden wiederum die Pakistani nicht toll und er musste zurücktreten. Asad wurde dann Professor in Kairo und verfasste u.a. eine gigantische kommentierte Koranübersetzung – laut Experten ein Meisterwerk. Orthodoxe Kreise sahen das aber anders, dort wurde sie als viel zu modernistisch kritisiert und in Saudi-Arabien verboten. Asads Autobiografie »Der Weg nach Mekka« wurde hingegen ein Welt-Bestseller. Hier versuchte er seinen Lebensweg mit Urvater Abraham zu erklären: »Dieser alte Vorfahre von mir, von Gott in unbekannte Länder geschickt, um sich selbst zu entdecken, würde leicht verstehen, warum ich in Arabien gelandet bin, da auch er durch fremde Länder umherzog, bevor er seine Bestimmung fand, und Gast in vielen Ländern war, bevor es ihm gegönnt war, Wurzeln zu schlagen…«
Mit dem »Wurzeln schlagen« hat es bei Asad am Ende nicht geklappt. Während der Ersten Golfkriege zerbrach sein Traum von einem humanistischen, islamischen Staat; er begann Ajatollah Chomeini und den König von Saudi-Arabien für ihren Fundalismus zu kritisieren, verließ den Orient und starb 1992 in Spanien, wo er auf einem kleinen muslimischen Friedhof beerdigt wurde.
Ein P.S.: Sie sind zwar nicht zum Islam konvertiert, aber es waren übrigens Juden, die die deutsche Orientalistik geprägt haben: Der Rabbiner und Gelehrte Abraham Geiger hat die erste historisch-kritische Untersuchung des Korans herausgegeben, Gustav Weil (1845 der erste jüdische Professor in Deutschland) hat den Grundstein für die Orientalistik gelegt, Ignaz Goldziher ist der Begründer der modernen Islamwissenschaften; und die Arabistin Hedwig Klein hat das bis heute meistbenutzte Arabisch-Lexikon der Welt in mitverfasst, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde.
Wie sieht es umgekehrt aus, vom Christentum oder Islam zum Judentum?
Nach jüdischem Gesetz ist jemand Jude, wenn seine Mutter jüdisch ist oder er konvertiert. Da Missionierung im Judentum verboten ist, tun Menschen, die sich für das Judentum entscheiden, das i.d.R. aus eigenem Antrieb. Ein faszinierendes, frühes Beispiel ist: Johannes von Oppido, ein Mönch, der um 1070 in Italien geboren wurde und, nachdem er die Hebräische Bibel studiert hatte, in Aleppo zum Judentum konvertiert ist.

Er nahm den Namen Ovadia HaGer an, also »Ovadia, der Proselyt« und ist der erste bekannte Konvertit, von dem Schriftstücke erhalten sind, die in einer Synagoge in Kairo gefunden wurde. Darunter ein Teil seiner Memoiren; in denen beschreibt er z.B. die Kreuzzüge, aber auch eine Sonnenfinsternis und seinen Übertritt. U.a. wurde er vom Rabbinatsgericht gefragt, ob er denn nicht wisse, dass die Juden seit dem Kreuzzug »unterdrückt, verachtet und verhöhnt« seien und dass er im Fall eines Übertritts strenge Gebote befolgen müsse. Ovadia erwiderte, dass er das alles wisse und akzeptiere. Daraufhin wurde er beschnitten, in die Mikwe geschickt und bekam einen Brief mit, in dem der jeweilige Leser aufgefordert wird, ihn gut aufzunehmen und zu respektieren, denn wer die Gefühle eines Konvertiten verletze, übertrete drei negative Gebote, und wer ihn unterdrücke, verstoße gegen zwei.
Diesen Brief hat Ovadia wahrscheinlich gut genutzt, denn er machte sich bald auf den Weg nach Bagdad und blieb mehrere Jahre, obwohl Juden dort extrem schikaniert wurden und hohe Steuern zahlen mussten. Der erhaltene Teil seiner Aufzeichnungen endet damit, dass er 1121 nach Ägypten weiterreisen wollte, um mit den ägyptischen Juden ins Heilige Land zurückzukehren. Aber da das Manuskript auf ägyptischen Papier geschrieben und in Kairo gefunden wurde, ist klar, dass er tatsächlich bis Ägypten gekommen ist. Neben diesem Tagebuch hat Ovadia eine unschätzbare Quelle für die Erforschung mittelalterlicher jüdischer Musik geliefert. Er hat nämlich die ältesten bekannten Niederschriften jüdischer Musik verfasst und zwar in gregorianischer Notenschrift – was die Gelehrte anfangs verwirrt hat, bis ihnen klar wurde, dass ein konvertierter Mönch, der die klassische kirchliche Notenschrift kannte, sie geschrieben hatte.
Ein Konvertit des 20. Jahrhunderts: Baron Ernst Albrecht von Manstein, der Neffe des Generalfeldmarschalls der Wehrmacht, Erich von Manstein.

Die Mansteins hatten sowohl Preußen als auch Russland mit Offizieren und Generälen versorgt und auch er diente in der Armee, interessierte sich aber mehr für die Natur und die Musik. Als sein Regiment 1890 nach Würzburg verlegt wurde, kam er in Kontakt mit der dortigen jüdische Gemeinde, und begann, sich mit dem Judentum zu beschäftigen. Und er lernte die Romanautorin Franziska Bezold kennen, eine getaufte Jüdin, und verliebte sich in sie. Das Paar heiratete 1892 und konvertierte in Amsterdam zum Judentum. Von Manstein nahm den Namen Abraham an und quittierte den Armeedienst, woraufhin seine Familie den Kontakt zu ihm abbrach. Er studierte dann Kunstgeschichte und unterrichtete Zeichnen und Musik an jüdischen Schulen, wurde Mitglied des Synagogenvorstands, spielte in einem Quartett und dirigierte hin und wieder das Stadtorchester von Würzburg. Bis 1933.
Nach der Machtübernahme der NSDAP soll Manstein seinem Glauben abschwören, lehnte ab und wurde sofort entlassen. Die Version – adlige/arische Abstammung und jüdische Religionszugehörigkeit – stellte die Nazis vor »ideologische« Probleme, bis von Manstein einen Antrag auf Auswanderung nach Palästina stellte. Der wurde genehmigt, unter der Bedingung, dass er seinen gesamten Besitz dem Deutschen Reich übereignet, doch zu diesem Zeitpunkt war die Ausreise nicht mehr möglich, da der Krieg begonnen hatte. 1941 starb seine Frau und von Manstein ließ sie auf dem jüdischen Friedhof beisetzen. Dann wurde die Würzburger Juden deportiert und von Manstein wollte sich ihnen anschließen. Das wurde abgelehnt, doch er musste mit den verbliebenen Juden in ein Judenhaus ziehen, wo er erkrankte und im Januar 1944 gestorben ist. Seine Freunde wollten ihn neben seiner Frau beisetzen, doch die Nazis beschlagnahmte den Leichnam und hielten eine Beerdigung mit Hakenkreuzfahne auf dem Sarg und Sargträgern in SS-Uniform auf dem Stadtfriedhof ab.
1946 hat ein Würzburger Rabbiner, der in die USA emigriert war, beantragt, dass Abraham von Manstein auf den jüdischen Friedhof zu seiner Frau überführt wird. Das hat dann 14 Jahre gedauert; weil seit dem Krieg keine Friedhofsgebühren mehr entrichtet worden waren. Deutscher geht‘s nicht!
Noch ein Blick in die Kulturszene: Da gibt es nicht nur die Cellistin Jacqueline du Pré, die von den Anglikanern zu den Juden übergetreten ist, bevor sie den jüdischen Musiker Daniel Barenboim geheiratet hat, sondern vor allem bekannte Hollywood-Stars wie Marilyn Monroe. Sie ist vor ihrer Heirat mit Arthur Miller konvertiert, hat sich aber auch noch nach ihrer Scheidung eine »jüdische Atheistin« genannt und weiter an jüdischen Veranstaltungen teilgenommen, was u.a. dazu geführt hat, dass ihre Filme in Ägypten verboten wurden.

Elizabeth Taylor wiederum hat mit ihrer Konversion nach dem Tod ihres dritten Mannes, Mike Todd, und vor ihrer Heirat mit dem ebenfalls jüdischen Eddie Fisher begonnen. Sie sagte, sie hätte das Gefühl gehabt, »nach Hause gekommen« zu sein, als sie begann, die Synagoge zu besuchen und hat dann bei Rabbi Max Nussbaum am Temple Israel in Hollywood gelernt, bei ihrem Übertritt den Namen Elisheba Rachel angenommen und sich von da an für jüdische Belange eingesetzt, Spenden gesammelt, sich als Erzählerin an einem Holocaust-Film beteiligt und sich den Terroristen als Geisel angeboten, die 1976 eine Air-France-Maschine nach Entebbe entführt und israelische Passagiere festgehalten hatten. Sie blieb dem Judentum bis zu ihrem Lebensende treu und wurde auch traditionell jüdisch beigesetzt.
Noch einer, der bei Nussbaum in Hollywood gelernt hat, war Sammy Davis Junior: »I’m the only black puertorican one-eyed jewish Entertainer in the World…« Außerdem – wenngleich dürr, klein und nicht eben ein Adonis – ein begnadeter Tänzer, Sänger und Schauspieler. Sein Vater, der Entertainer Sammy Davis sr. war Baptist, seine Mutter war Tänzerin und nicht (wie er zeitlebens behauptet hat) Puertoricanerin, sondern eine katholische Afro-Kubanerin aus New York. 1954 verlor Sammy ein Auge bei einem schweren Auto-Unfall, war überzeugt davon, dass er sein Überleben einem Wunder zu verdanken hatte, und als ihn der jüdische Entertainer Eddie Cantor im Krankenhaus besuchte und ihm über die Ähnlichkeiten zwischen jüdischer und schwarzer Kultur und dem Schicksal beider Gruppen erzählte, wurde er neugierig und begann Bücher mit jüdischer Thematik zu lesen. Er hat später dann, wie gesagt, ebenfalls bei Rabbiner Nussbaum gelernt, und ist schließlich 1961 in Las Vegas konvertiert, hat sich aber schon vorher bei den Dreharbeiten zu »Porgy and Bess« geweigert, an Jom Kippur zu arbeiten.
Sammy Davis hat die Kategorien von Rasse, Religion und Ethnie gründlich durcheinander und Schwarze wie Juden auf die Palme gebracht. Die Übertritte von Marilyn Monroe und Liz Taylors waren noch beklatscht worden, Sammys religiöse Aufrichtigkeit aber wurde an seiner Hautfarbe gemessen. Er wurde als Opportunist, als Ausverkäufer »seiner Leute« und als einer, der unbedingt weiß sein wolle, beschimpft und verspottet. Aber es gab aber auch Zuspruch von Kollegen, die honoriert haben, dass er mit diesem Schritt »Antworten auf sein Leben voller Verwirrung(en)« hatte finden wollen, wie er sagte. Und davon hatte es reichlich gegeben. Bei seinem Militärdienst hatten ihm Weiße mehrfach die Nase gebrochen. Der Manager von Elvis Presley hat verhindert, dass er zusammen mit ihm in einem Stanley-Kramer-Film vor die Kamera kam, weil ein Schwarzer Presleys Platten-Verkäufen hätte schaden können. 1958 hatten ihn seine Studiobosse gezwungen, eine schwarze Tänzerin zu heiraten, um die Öffentlichkeit davon abzulenken, dass er mit der weißen Kim Novak liiert war.
Der Übertritt, der ihm vielleicht philosophische Erkenntnisse, aber vor allem reichlich Zores eingebracht hatte, wurde Teil seiner ureigenen Konstruktion einer schillernden Identität, in der er auf seine Weise mit Stereotypen jonglierte. Legendär die Episode, die er immer wieder zum Besten gab: Als er einmal im Süden Bus fuhr, habe man ihn angeschnauzt, dass Schwarze hinten zu sitzen hätten, und auf seinen Einspruch »Aber ich bin Jude«, hätte der Busfahrer geantwortet: »Dann steigen sie aus!«
Vom Christentum zum Islam:

İbrahim Müteferrika war ein sehr einflussreicher Konvertit des 18. Jahrhunderts. Sein Geburtsname ist nicht bekannt, er wurde 1674 in Ungarn geboren, war ursprünglich Protestant, hatte Theologie studiert und tauchte irgendwann in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) auf, wobei man nicht weiß, ob freiwillig oder von den Osmanen dorthin verschleppt. Jedenfalls nahm er den Islam an und nannte sich dann Ibrahim Müteferrika. Er konnte bereits Latein, Griechisch und Französisch und lernte nun noch Türkisch, Arabisch und Persisch. Durch seine fundierte Bildung und seine Sprachkenntnisse fiel er schnell auf und wurde zum Kurier und Dolmetscher des Sultans berufen und auf diplomatische Missionen geschickt. U.a. hat er mit Österreich, Frankreich, Russland und Schweden verhandelt, und war als persönlicher Botschafter von Sultan Ahmet III. in Wien und in Paris, um den geflüchteten siebenbürgischen Fürsten Rakoczi, der auf der Suche nach einem Exil-Ort war, nach Konstantinopel einzuladen. Der Fürst kam, Müteferrika wurde sein Sekretär und begann daneben Bücher zu schreiben und andere aus dem Lateinischen zu übersetzen.
1726 beantragte er die Erlaubnis, eine Druckerpresse in seinem Haus einzurichten. Eine heikle Sache. Denn auf das Ausüben der Buchdruckerkunst in arabischer Schrift stand im Osmanischen Reich die Todesstrafe. Es gab lediglich eine Hebräische Druckerei (die war 1493 von aus Spanien vertriebenen Sepharden gegründet worden), seit 1567 außerdem eine armenische und seit 1627 eine griechische Druckwerkstatt. Eine osmanische bzw. muslimische Druckerei war jedoch ausdrücklich verboten. Irgendwie ist es Müteferikka gelungen, eine Fatwa der Hofgeistlichen zu erreichen, die ihm erlaubte, nichtreligiöse Werke in arabischen Lettern zu drucken. Das nächste Problem war technischer Natur. Es gab keine Buchstaben und Druckvorlagen in arabischer Schrift. Müteferrika blieb also nichts übrig, die Buchstaben selbst zu entwerfen und die Formen zu gießen. Aber dann war es endlich soweit. Drei Jahre nach seinem Gesuch ging die erste osmanische Druckerpresse in Betrieb. Als allererstes druckte er ein arabisch-türkisches Wörterbuch, dann einen Weltatlas, Übersetzungen wissenschaftlicher und historischer Werke aus dem Lateinischen sowie seine eigenen Werke, so über Magnetismus und Astronomie. İbrahim Müteferrika hat mit seiner Druckerei, die eigentlich »nur« Mittel zum Zweck war, nämlich seine aufklärerischen Ziele zu verbreiten, wesentlich zur Öffnung der verkrusteten osmanischen Strukturen in Richtung Europa beigetragen. Er hat ein Ehrengrab in Istanbul.
Ein Sprung ins 19. Jahrhundert. Das ist John Agelii.

In aller Kürze: 1869 in Schweden als Sohn eines evangelischen Tierarztes geboren, betätigt sich in anarchistischen Zirkeln, hat eine Vorliebe für russische Revolutionäre und nennt sich daher lieber Ivan als John, studiert in Paris Malerei, entkommt mit Hilfe der französischen Tierrechtsbewegung einer Haftstraße, nachdem er einen spanischen Stierkämpfer angeschossen hatte, nennt seinen Landsmann Strindberg einen Idioten, weil der Frauen für minderwertig hält und tritt zum Islam über. Als Sheikh Abdul-Hadi wird er Anhänger der islamischen Esoterik und in Ägypten in einen berühmten Sufi-Orden aufgenommen, gibt in Kairo das Magazin »Il Convito« heraus, wird dann aber von den Briten als vermeintlicher osmanischer Spion ausgewiesen und gerät 1917 in Barcelona unter eine Lokomotive. Ende. Warum erwähne ich ihn: weil er sehr schöne pastellfarbene Bilder gemalt hat, die heute in vielen schwedischen Museen hängen, und weil von ihm der Begriff »Islamophobie« für negative Klischees über Muslime stammt.
Schauen wir noch in die nähere Vergangenheit. Prominente Konvertiten zum Islam in der Musikszene sind der südafrikanische Jazzmusiker Adolph (Dollar) Brand aka Abdullah Ibrahim und der britische Singer/Songwriter Cat Stevens aka Yussuf Islam, der als Steven Demetre Georgiou und griechisch-zypriotisch-schwedische Mischung geboren wurde, 1977 nach einer lebensbedrohlichen Tuberkulose oder/und einem Badeunfall im Pazifik, konvertiert ist. Yussuf Islam habe dann – heißt es –, gründlich den Koran studiert, geheiratet, sechs Kinder bekommen, und den Drogen und der Musik abgeschworen. Inzwischen tritt er allerdings wieder auf.

In der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA hingegen war die Konversion vom Christentum zum Islam keine Ausnahme wie bei Cat Stevens, sondern lange fast ein Automatismus. Für viele Afroamerikaner – siehe Box-Champion Cassius Clay, der zu Muhammad Ali wurde – war der Islam eine Alternative zum Christentum, das historisch mit Sklaverei, Rassendiskriminierung und weißer Vorherrschaft verbunden war. Eine zentrale Rolle dabei spielten die »Nation of Islam« und schwarze Bürgerrechtler wie Malcom X.
Es gibt allerdings große Unterschiede zwischen dem, was die Nation of Islam und was der muslimische Mainstream für den Islam hielt. Die »Nation« hat sich zwar einiges vom Islam ausgeliehen (Gott heißt »Allah«, Alkohol und Schweinefleisch sind verboten), aber ansonsten eine ganz eigene Theologie speziell für Afroamerikaner entwickelt. Ihr Gründer, Wallace Fard Muhammad, hat sich selbst als letzten in einer Reihe von sterblichen Göttern betrachtet. Jeder dieser Götter sei ein schwarzer Mann namens »Allah« gewesen. Der erste Allah habe die ersten Menschen erschaffen, nämlich den dunkelhäutigen Stamm der Shabazz. Dann habe ein verbitterter Schwarzer namens Yakub aus Rache die Weißen geschaffen, die die Shabazz aus dem Paradies in Mekka vertrieben und die Weltherrschaft an sich gerissen hätten. Und das müsse nun rückgängig gemacht werden – genau genommen Rassismus in umgekehrter Richtung.
So hat Malcom X, der militante Führer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung (und Gegenspieler von Martin Luther King, der ja eine friedliche Opposition wollte und einfach gleiche Bürgerrechte) schon in den 50er-Jahren einen islamischen Staat innerhalb der USA gefordert; das Gebiet sollte den Weißen entrissen und von den »Black Muslims« regiert werden. Das ist natürlich alles nur zu verstehen, wenn man die schwarze Erfahrung in Amerika einbezieht: Versklavung, Ausgrenzung, Lynchmorde usw., die sich tief in das Bewusstsein eingefressen haben. Malcolm X beispielsweise war als junger Mann drogenabhängig und hat seine Sucht mit Raubüberfällen und als Dealer finanziert. Im Gefängnis ist er dann zur »Nation of Islam« konvertiert und hat sich von allen Drogen losgesagt. Den schwarzen Körper zu pflegen und zu stärken, wurde nämlich als Akt des Widerstands angesehen. Man glaubte, dass der schwarze Körper von weißen Ideen, von weißem Essen, weißer Kleidung, weißer Musik und natürlich von weißen Drogen, wie Alkohol und Tabak geschwächt und vergiftet worden war.
Heute ist die »Nation of Islam« für die allermeisten Afroamerikaner allerdings untragbar geworden, nicht nur, weil sie als Organisation sektenartig aufgebaut ist und Mitglieder isoliert oder ausschließt, die der Sexualmoral nicht folgen oder rückfällig werden, sondern vor allem, weil seit ihrer Spaltung in den 1970er-Jahren, eine der beiden Fraktionen immer wieder mit antisemitischen, homophoben und kruden verschwörungstheoretischen Äußerungen auffällt.
Bleiben noch die Übertritte vom Islam zum Christentum und Judentum.
Um Muslim zu werden genügt im Allgemeinen das Sprechen der Schahada, des Glaubensbekenntnisses (»Es gibt keine Gottheit außer Gott, und Mohammed ist sein Gesandter«) auf arabisch, verbunden mit dem gemeinsamen Gebet. Umgekehrt sieht das klassische islamische Recht für die Konversion vom Islam zu einer anderen Religion (Apostasie oder Ridda genannt) die Todesstrafe vor. Das steht so zwar nicht explizit im Koran; da ist in den Suren nur von Gottes Strafe im Jenseits für Apostaten die Rede und es heißt zudem, Gott führe auf den rechten Weg oder in die Irre, wen er wolle. Aber in den Hadithen (also den Überlieferungen) wird die Bestrafung im Diesseits befohlen, was auch der allgemein gültigen islamischen Rechtsauffassung entspricht. Es gibt daher nicht allzu viele Beispiele für öffentlich gewordene Konversionen vom Islam zu einer anderen Religion. Ein ganz weit zurückliegender Fall ist der von:

Leo Africanus. Er war Berber und wurde als al-Hasan b. Muhammad al-Wazzān al-Fāsī um 1490 in Granada geboren. Als er noch ein Kind war, ist seinen Familie wegen der Reconquista (also der Rückeroberung durch die Christen) nach Marokko emigriert. Hasan hat an der Universität in Fes studiert und seinen Onkel auf diplomatischen Reisen in Nordafrika begleitet. Bei einer dieser Fahrten wurde er 1518 von christlichen Korsaren auf See gefangen genommen, nach Rom gebracht und in der Engelsburg eingesperrt. Bis er zum Christentum konvertiert ist und von Papst Leo X. freigelassen wurde. Hasan nahm den Namen Leo Johannes an, lernte Italienisch und Latein und arbeitete als Diplomat, Rechtsgelehrter, Autor und Übersetzer; unter anderem hat er den Koran ins Lateinische übersetzt, ein medizinisches Wörterbuch, eine arabische Grammatik und Reise- und Geografie-Berichten über Nordafrika verfasst.
Einige Historiker meinen, Leo sei später nach Tunis zurückgekehrt, andere meinen, dass er noch in Italien an einer Seuche gestorben ist. Denn eine Rückkehr in die islamische Welt wäre mit großen Schwierigkeiten verbunden gewesen, da seine christlichen Herausgeber seine Bücher vor der Veröffentlichung islamfeindlich überarbeiten haben. Und ein Eintrag für eine Wohnung in Rom auf seinen Namen deutet daraufhin, dass er in Rom eine Christin geheiratet und mit ihr Kinder gehabt hat.
Sein Beiname Leo Africanus rührt jedenfalls daher, dass er die Sahara und den Sudan bereist und seine Erkenntnisse in einem Buch veröffentlich hat, das über Jahrhunderte das einflussreichste Werk über Nordafrika in ganz Europa war, ein Werk, das das Interesse der nach Afrika exportierenden Staaten geweckt und indirekt die Afrikaforschung in Gang gesetzt hat. Als geografische Quelle wurde es sogar erst im 19. Jahrhundert durch europäische Forschungsreisende obsolet. Und auch Shakespeares Figur des Othello soll auf Leo beruhen.
Fast 300 Jahre nach Leo Africanus wurde im indischen Patna 1759 ein muslimischer Junge namens Sheikh Din Mahomet geboren. Sein Vater starb, als er elf Jahre alt war, und er trat in die Dienste eines irischen Offiziers in der Armee der Britischen Ostindien-Kompanie ein und hat sich mit ihm am Feldzug in Bengalen beteiligt. Irgendwann quittierte der Offizier den Dienst und ging zurück nach Irland, und Mahomet ging mit. Sechs Jahre später erschien sein Buch »Die Reisen des Din Mahomet«, das erste Buch eines Inders auf Englisch. Mahomet beschrieb indische Orte und indisches Essen, kritisierte die indische Kultur aus der Sicht eines Insiders und gleichzeitig Großbritannien aus der Sicht eines Außenseiters für seine negative »Einstellung gegenüber anderen Kulturen«. Als Muslim in einem mehrheitlich hinduistischen Land, als Mitglied der Britischen Armee (bestehend aus Hindus und Muslimen, die gegen Muslime und Hindus kämpften), als Inder in Irland war Mahomet so etwas wie ein frühzeitlicher Kosmopolit. Noch mehr, als er dann eine irische Protestantin heiratete und zum Christentum konvertiert ist.

Großbritannien war damals fasziniert von Indien. Din erkannte die Nachfrage und eröffnete mit seiner Frau Jane 1810 das erste indische Restaurant in London – das »Hindoostanee Coffee House«. Es wurde als die authentischste Adresse für indisches Essen angepriesen. Doch für britische Geschmacksnerven war das Essen wohl etwas zu authentisch. Das Restaurant ging bankrott. Aber bald hatte Din eine neue Idee. 1814 zog er mit seiner Frau in das Seebad Brighton um, eröffnete das erste »Shampooing Mapour Masseur Bath«, und brachte damit den Begriff »Shampoo« nach Europa. »Shampoo« stammt von dem hindustanischen Wort »Champi« ab und bedeutet »kneten« oder »drücken«, kann aber auch eine Kopfmassage meinen. Sein Geschäft, das so ähnlich wie ein Hamam, ein Türkisches Bad, aussah und in dem sich die Leute mit Kräuterdampfbädern und Massagen von ihren Zipperlein heilen lassen konnten, wurde ein Riesenerfolg. Din Mahomet wurde im Volksmund nur noch »Dr. Brighton« genannt und nachdem er auch zwei Generationen englischer Könige behandelt hatte, bekam er den Titel »Shampooing Surgeon of The King« verliehen.
Auch in der Neuzeit gibt es prominente Beispiele für Übertritte vom Islam zum Christentum, wie den serbischen Filmemacher Emir Kusturica, der sich seit seiner serbisch-orthodoxen Taufe Nemanja nennt. Oder die somalisch-niederländische Publizistin und Politikerin Ayaan Hirsi Ali, die als Muslim geboren wurde, sich später als Atheistin bezeichnet und 2023 öffentlich ihre Hinwendung zum Christentum erklärt hat. Oder wie Soraya, die zweite Ehefrau des Schahs von Persien, die vom Islam zum Christentum übergetreten ist, vermutlich weil ihre Familie mütterlicherseits Christen waren. Ihr Vater stammte in gerader Linie von der mächtigen Fürstenfamilie der Bachtiaren-Nomaden ab, aber ihre Mutter war eine in Moskau geborene Verkäuferin mit deutschen Wurzeln aus Berlin. In den persischen und arabischen Königshäusern scheinen Übertritte zum Christentum aber nicht ganz so selten gewesen zu sein. Die meisten Kinder aus diesen Häusern bekamen ihre Ausbildung in Europa, hatten Kontakt mit anderen Religionen und so ist beispielsweise auch Nazli Sabri, die Frau des ägyptischen Königs Fu‘ād zusammen mit ihrer jüngsten Tochter Katholikin geworden (allerdings hat ihr Sohn Faruq beiden daraufhin alle Titel und Rechte entzogen und ihr Vermögen beschlagnahmen lassen).

Zuletzt sei Nabeel Qureshi erwähnt, der in einer strenggläubigen pakistanischen Ahmadi-Familie in Kalifornien aufgewachsen und zum Christentum übergetreten ist, nachdem er während des Studiums mehrere Jahre lang mit einem christlichen Freund über Glaubensfragen debattiert hatte. Nach seinem Doktortitel in Medizin schloss Qureshi noch einen Master in Religion und einen in Judentum und Christentum in Oxford ab und beschrieb die Geschichte seiner Konversion in »Seeking Allah, Finding Jesus«, ein Buch, das auf der Bestseller-Liste der New York Times landete. Er war sehr einflussreich und hat Vorlesungen an über 100 Universitäten gehalten, in Oxford, Columbia, Johns Hopkins, Hong Kong usw., erkrankte dann aber an Krebs. Kurz vor seinem Tod 2017 hat er ein Video veröffentlich, in dem er die Zuschauer ermutigte, sich an einem respektvollen interreligiösen Dialog zu beteiligen, und dass er hofft ein Vermächtnis der Liebe, des Friedens und der Fürsorge füreinander hinterlassen zu haben.
Letzter Streich: vom Islam zum Judentum – vermutlich die exotischste Variante:

Hamuda Abu Al-Anyan wurde 1926 in eine bekannte nationalistische Familie in Tsfad geboren. Mit 14 verließ er die arabische Schule, wechselte auf die örtliche jüdische Schule und war dort der einzige Araber. Seine Eltern versuchten, dies zu verhindern – aber es half nichts. Mehr noch: Der Junge suchte den Kontakt zu der zionistische Jugendorganisation Beitar. Doch auch die Juden waren misstrauisch, witterten Spionage und versuchten – wie seine Eltern – ihn davon abzubringen. Doch Hamuda war stur und blieb. Als 1943 seine Mutter starb und der Vater seinen eigenen Sohn zu töten drohte, brach er vollends mit der Familie, zog nach Haifa und konvertierte zum Judentum. Der zuständige Rabbiner, Baruch Markus, gab ihm den für einen Konvertierten üblichen Namen »Abraham, der Sohn von Abraham und Sarah«. Aber Hamuda wollte nicht so heißen, weil der Name seinen Status als »Neujude« verraten hätte. Er suchte sich einen eigenen Namen aus: Baruch Mizrahi (das hebräische Wort für orientalische, also aus dem Nahen Osten oder Afrika stammende Juden.)
Baruch schloss sich dem Irgun an, also der Untergrundorganisation, die Anschläge gegen die britische Mandatsmacht verübte, nach dem die Briten die jüdische Einwanderung nach Palästina stark eingeschränkt hatte. Während einer dieser Operationen wurde er 1945 verhaftet und in ein Lager nach Eritrea deportiert. Seinen Verwandten gelang es, mit den Briten seine Freilassung auszuhandeln; im Gegenzug sollte Baruch zum Islam und zur Familie zurückkehren. Der lehnte jedoch ab und blieb. 1946 wurde er bei einer Schießerei von den sudanesischen Wachen schwer verletzt, fast 24 Stunden lang von einem englischen Arzt operiert und überlebte. Danach sagte ihm sein Freund Danny Meterscu, dass er nach der Verabreichung von 20 Dosen englischen Blutes nun leider kein Jude mehr sei. Mizrahi regte sich tierisch auf und beruhigte sich erst wieder, als er merkte, dass das ein Witz war; seine neue Identität war ihm offensichtlich sehr wichtig
Nach zwei Jahren Afrika wurde Mizrahi freigelassen, und wurde wieder aktiv im Irgun. Kurz nach der Ausrufung des jüdischen Staates und dem Beginn des Unabhängigkeitskriegs im Mai 1948 wurde er zur Vorbereitung einer Operation nach Dschenin geschickt. Er fuhr mit dem Bus. Der Bus wurde unterwegs bei einer Routinekontrolle angehalten. Einer der arabischen Polizisten erkannte Mizrahi an seinem Goldzahn. Die Polizisten nahmen ihn fest, zusammen mit drei arabischen Fahrgästen, die unterwegs zufällig mit ihm ins Gespräch gekommen waren, und brachten sie in das Dorf Djaba. Dort verurteilte das Militärgericht alle Vier wegen Kollaboration zum Tode.
Bis 1967 war das Grab von Mizrahi unbekannt. Doch nach dem Sechstagekrieg begann der Journalist Yehezkel Hameiri nach ihm zu suchen, hörte von den Einheimischen von »dem Juden«, der hingerichtet worden war, und fand schließlich die Höhle, in der Mizrahi und die drei anderen lagen. Mizrahi wurde anhand seines goldenen Zahns identifiziert und 1969 auf dem Friedhof von Netanya beigesetzt. Die Trauerrede hielt Menachem Begin, der einstige Kommandeur von Etzel und spätere israelische Premierminister.
Unser letzter Held: der amerikanische Rapper Damian Jamohl Black, der sich seit seinem Übertritt zum Judentum Nissim Black nennt. Damian Black wuchs in einer sunnitisch-islamischen Musikerfamilie in Seattle auf. Er hatte eine schwierige Jugend, sowohl seine leiblichen Eltern als auch sein Stiefvater nahmen und verkauften Drogen, seine Mutter starb an einer Überdosis und er konvertierte im Teenageralter erst einmal zum Christentum, nachdem er ein evangelikales Sommercamp besucht hatte. Gleichzeitig begann er zu rappen, nahm erste Songs unter dem Namen Danger und 2007 sein Debütalbum auf. Seine alten Videos findet man noch heute auf YouTube: Dicke Karren, tanzende Frauen, Goldkettchen – das übliche.

Dann aber begann Black, inzwischen Ehemann und Vater, seinen Glauben zu hinterfragen. 2009 veröffentlichte er ein Album, das »Ali‘yah« hieß und sich wochenlang in den Hip-Hop-Charts hielt. »Alija« (Aufstieg) ist im Hebräischen die Rückkehr oder Einwanderung nach Israel – und bei Black war es der Beginn einer Umkehr. Erst verbrachte er bis zu acht Stunden täglich mit dem Lesen der Tora, des Korans und der Evangelien und fand dann unerwartet für alle seine Wahrheit im Judentum. Er zog in die Nähe einer jüdischen Gemeinde, lernte bei einem sephardischen Rabbiner und trat schließlich 2013 zusammen mit seiner Frau Adina nach orthodoxem Ritus über, wurde ein treuer Chassid, ein Anhänger des Rabbi Nachman von Brazlaw und zog mit Frau und sieben Kindern nach Jerusalem. Doch der Rap blieb in seinem Leben: Nur geht es nun nicht mehr um Gangsterkram, sondern um Gott. »Danger« nennt sich Nissim Black, und produziert Hip-Hop-Songs wie »Hashem Melech 2.0« oder »Bar Mitzvah Time«, aber auch Titel, in der es um seine schwarze und jüdische Identität geht, und er sich beispielsweise »Hitlers schlimmsten Albtraum« nennt, und er schreibt selbstkritische Texte über seine eigenen Schwächen und Zweifel – und spricht damit vielen Orthodoxen aus dem Herzen. Dass nicht nur er, sondern auch seine orthodoxe Community Grenzen und Schwächen hat, ist auch ihm schmerzhaft klar geworden. In einem Radio-Interview hat er öffentlich gemacht, dass seine Kinder rassistischer Diskriminierung ausgesetzt waren und ihnen wegen ihrer Hautfarbe der Zugang zu orthodoxen Jeschiwas in Mea Shearim verweigert wurde. Deswegen sei er mit seiner Familie in eine andere Stadt gezogen, aber auch: »Gott gibt mir Kraft und ich habe mit meiner Musik die Fähigkeit, Menschen anzusprechen, mehr Menschen als ein Rabbiner das heutzutage kann, weil ich mir treu bleibe.«
