Margaret Bulkley lebte 56 Jahre lang als Militärchirurg Dr. James Barry und „Vater der öffentlichen Gesundheit“. Ihr kleines Geheimnis wurde erst nach ihrem Tod 1865 enthüllt.

Ihr genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Sie wurde um 1789 als zweites Kind des irischen Gemüsehändlers Jeremiah Bulkley und seiner Frau Mary Ann in Cork geboren und auf den Namen Margaret Ann getauft. Im Zuge der Auseinandersetzungen mit den Briten und der Diskriminierung von Katholiken ging ihr Vater pleite und landete schließlich im Schuldturm in Dublin. Margaret Bulkley soll währenddessen von einem Onkel vergewaltigt worden sein und 1803 ein Mädchen namens Juliana zur Welt gebracht haben, das sie als ihre Schwester ausgegeben habe (dafür gibt es jedoch keine echten Belege, abgesehen von möglichen Schwangerschaftsstreifen an ihrem Körper; und Juliana könnte auch das Resultat einer Affäre ihrer Mutter Mary Ann gewesen sein).
1806 starb der Bruder der Mutter, James Barry, ein in London lebender, gut vernetzter Künstler und Professor für Malerei (dessen Bilder man auch im Internet findet). Mutter und Tochter begaben sich nach London, um das Erbe anzutreten und lernten einige der adligen Freunde des Verstorbenen kennen – unter anderem den venezolanischen Offizier und Revoluzzer Francisco de Miranda, den Arzt Edward Fryer und David Erskine, den Earl of Buchan, einen reichen Kunstmäzen. Alle waren liberale Männer mit guten Verbindungen, die für die Bildung von Frauen eintraten und für die Ausbildung von Margaret Bulkley sorgten. In einem Brief, in dem sie sie ihren Bruder dafür rügte, weil er sein Jurastudium für das Militär abgebrochen hatte, schrieb sie: „Wäre ich kein Mädchen, wäre ich Soldat!“
Es ist nicht klar, wann und wie Margaret auf die Idee kam, Ärztin werden zu wollen und warum sich die Herren darauf einließen, ihr zu helfen, wie überlieferte Briefe zwischen ihnen um Margarets Mutter belegen. Da Frauen nicht zum Medizinstudium zugelassen wurden, sah ihr Plan vor, dass Margaret solange einen Mann spielt, bis sie ihren Abschluss hat, dann nach Venezuela zieht, wo sie General Miranda assistiert und später als Ärztin praktizieren sollte …
Im November 1809 „verschwindet“ Margaret Bulkley für immer und James Barry ward geboren. Er gab sich als Neffe des verstorbenen Künstlers James Barry aus, brach den Kontakt zu Verwandten und Bekannten aus der Zeit in Cork ab und täuschte von da an über 50 Jahre lang erfolgreich die Universität, das britische Militär und die Londoner High Society und ging währenddessen einer Arbeit nach, die ihm gefiel, die Unabhängigkeit und die Einkommen bedeutete – all das, was Frauen verwehrt war.

Seine einflussreiche Freunde sorgten zunächst dafür, dass „James“ an der Universität Edinburgh angenommen wurde. Anfangs machte er sich in offiziellen Dokumenten jünger, um seine körperliche Unreife zu erklären, also den Umstand, dass er klein und schmächtig war und keinen Bartwuchs hatte. Dies rächte sich allerdings, als er sein Studium drei Jahre später abschloss und als zu jung für die Abschlussprüfung erklärt wurde. Doch der Earl of Buchan, nebenbei ein finanzkräftiger Förderer der Universität, erreichte seine Zulassung dann doch. Barry bestand die Prüfung mit Bravour und gehörte damit zu den 20 % Medizinstudenten, die die renommierte Universität erfolgreich abschlossen. Barry war nun Arzt bzw. eigentlich Ärztin, und damit die erste Frau, die hier ihren Abschluss gemacht hat, wie die University of Edinburgh heutzutage auf ihrer Webseite stolz verkündet.
Kurz vorher war General Miranda als Verräter verhaftet und in Spanien inhaftiert worden. Der Plan, nach Venezuela zu gehen und als Ärztin zu praktizieren, war nicht mehr realisierbar. Ihr blieb nur, sich als Frau zu outen oder als Mann weiterzuleben. Wir wissen nichts darüber, was in ihr/ihm vorging, nur, dass er das zweite wählte.

Nachdem Barry 1812 den Doktortitel erlangt und sich anschließend an den renommierten United Hospitals of Guy’s and St. Thomas’ in London noch die Chirurgen-Prüfung bestanden hatte, bewarb er sich bei der Armee. Wieder wissen wir nicht, warum. Vielleicht war London, wo man seinen „Onkel“ noch kannte, ein zu unsicheres Pflaster, vielleicht waren es die Aufstiegschancen (schließlich tobten die Napoleonischen Kriege und das Militär brauchte qualifizierte Chirurgen). Unklar ist auch, wie Barry die obligatorische Eingangsuntersuchung umging. Möglicherweise war die nur für die unteren Ränge vorgeschrieben oder er konnte über seinen treuen Gönner, Lord Buchan, Gesundheitszeugnisse von Privatärzten vorlegen. Jedenfalls wurde er angenommen, und nach drei Jahren im Sanitätsdienst in Großbritannien 1816 zu seinem ersten Auslandseinsatz nach Südafrika versetzt.
Lord Buchan gab ihm ein Empfehlungsschreiben an den Gouverneur, Lord Charles Somerset, mit. Und nachdem Barry dessen kranke Tochter geheilt hatte, wurde er quasi in die Familie aufgenommen und 1822 zum Kolonialarzt ernannt, ein Riesen-Karrieresprung. Somerset überließ ihm auch die Leitung des gesamten Gesundheitssystems der britischen Kolonie und Barry reformierte die Versorgung von Leprakranken, Gefangenen und Insassen von Heilanstalten; er optimierte die Wasserversorgung, die sanitären Anlagen und die Impfquote und er setzte sich gegen die Sklaverei ein. Barry führte er in Kapstadt 1826 zudem den ersten bekannten Kaiserschnitt in Afrika durch, bei dem Mutter und Kind überlebten. Das Kind wurde ihm zu Ehren James Barry Munnik getauft, so wie auch die Söhne der nächsten Generationen (bis hin zum südafrikanischen Premierminister J. B. M. Hertzog).
Es gibt die Vermutung, dass Lord Somerset Barrys Geheimnis entdeckt hat und dass ihre Beziehung mehr als Freundschaft war. Es kursierten allerlei Gerüchte und 1824 schließlich eine anonyme Anschuldigung, nach der jemand den Lord beim Analverkehr mit Barry ertappt haben wollte. Eine staatliche Untersuchung wegen verbotener homosexueller Handlungen entlastete sie jedoch von den Vorwürfen und falls Somerset von Barrys Geschlecht wusste, so verriet er jedenfalls nichts.
Barry war zeitlebens Gerüchten über seine Sexualität ausgesetzt. Er war stets elegant gekleidet, trug Plateauschuhe und Schulterpolster, um größer und kräftiger auszusehen. Und man hielt ihn für seltsam. Er lebte ausschließlich vegetarisch, trank keinen Alkohol, verhielt sich distanziert gegenüber Menschen und liebte Hunde. Insbesondere einen weißen Pudel namens Psyche. Als der starb, schaffte er sich einen anderen weißen Pudel namens Psyche an.

Nachdem Barry 1828 Kapstadt verlassen hatte, war er an vielen weiteren Orten stationiert, u.a. Mauritius, Trinidad & Tobago, Korfu, Westindische Inseln, Jamaika, Krim und zuletzt Kanada. Allen Berichten zufolge war er ein exzellenter Arzt und Chirurg und sanft und freundlich zu seinen Patienten, aber schwierig und unerbittlich gegenüber denen, die seine Reformen nicht richtig umsetzten. Er galt als taktlos, ungeduldig, streitsüchtig und eigensinnig.
Während des Krimkriegs geriet er sogar mit der berühmten Florence Nightingale aneinander. Nach seinem Tod schrieb sie: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so eine üble Behandlung erfahren – ich, die ich mehr erlebt habe als jede Frau – von diesem Barry, der auf seinem Pferd saß, während ich, nur mit meiner Mütze in der Sonne den Hospitalplatz überquerte. ‚Er‘ ließ mich inmitten einer ganzen Menge Soldaten, Verpflegungsbeamten, Marketender etc. ect. stehen, die sich alle während meiner Standpauke wie Gentlemen benahmen, während ‚sie‘ sich wie ein Unmensch benahm. … Nachdem ‚er‘ gestorben war, erfuhr ich, dass Barry eine Frau war. … Ich würde sagen, Barry war das härteste Wesen, das mir je begegnet ist.“
„The most hardened creature I ever met” war ganz offensichtlich unangepasst, machte sich reichlich Feinde und bekam mehrfach in seiner Laufbahn schweren Ärger, u.a. weil er sich auf Malta in der Kirche auf einen Platz setzte, der Geistlichen vorbehalten war; weil er ohne Erlaubnis Mauritius verließ, um in London den erkrankten Lord Somerset zu behandeln; weil er sich auf der Insel Sankt Helena in die Innenpolitik einmischte und strikt gegen Sklaverei und Diskriminierung auftrat. Doch wo immer Barry im Britischen Empire diente, wurden auf seine Anweisung die sanitären Bedingungen, die Hygiene, die Ernährung und die Lebensbedingungen nicht nur der Truppe verbessert, sondern auch der einheimischen Bevölkerung, von Kranken und aller Art benachteiligten Gruppen. Bary förderte die öffentliche Gesundheit, lange bevor es einen Begriff dafür gab.

Dr. Bary brachte es am Ende bis zum Generalinspektor, dem zweithöchsten medizinische Dienstgrad in der britischen Armee (das entspricht in etwa einem Brigadegeneral). 1869 wurde er aus Alters- und Gesundheitsgründen (nach 40 Jahren in den Tropen war ihm das kalte Kanada nicht bekommen) gegen seinen Willen in den Ruhestand versetzt. Er kehrte nach England zurück und starb sechs Jahre später, am 25. Juli 1865, während einer Ruhr-Epidemie, deren Ursache ausgerechnet die mangelnde Hygiene in London war.
Barry, der sein Leben lang niemals jemandem erlaubt hatte, das Zimmer zu betreten, während er sich auszog, hatte verfügt und mehrfach wiederholt, dass er ohne jedwede medizinische Untersuchung in den Kleidern, die er anhat und so schnell wie möglich begraben werden wolle. Die Anweisungen wurden jedoch ignoriert. Vermutlich war es ein Dienstmädchen, Sophia Bishop, die ihn für die Beerdigung vorbereitete, die als erste feststellte, dass Barry weibliche Brüste und Geschlechtsorgane hatte und Schwangerschaftsstreifen am Bauch.
Nachdem sie für ihre Dienste keine Bezahlung erhalten hatte, und auch Barrys Arzt, Major D. R. McKinnon, der den Totenschein ausgestellt hatte, der Barry als Mann auswies, nicht bereit war, für ihr Wissen zu zahlen, verkaufte sie ihre Entdeckung an die Presse, und das Geheimnis war gelüftet.

Einige behaupteten dann, schon immer davon gewusst zu haben, andere waren überrascht und es wurde diskutiert, ob Barry möglicherweise „hermaphroditisch“ (intersexuell) war oder vielleicht „uneindeutige Geschlechtsmerkmale gehabt“ habe. Nach Ansicht der heutigen Forschung lag dies aber vor allem daran, dass es für unmöglich und unglaublich galt, dass jemand sein wahres Geschlecht 40 Jahre lang vor der Armee verbergen konnte, bzw. daran, dass man einer Frau einfach nicht zutraute, was Barry in seinem bzw. Margaret Bulkley in ihrem Leben erreicht hatte. Die Armee kehrte die Angelegenheit unter den Tisch, sperrte seine/ihre Akte und Barry wurde beerdigt, mit seinem vollen Rang und unter dem einzigen Namen, unter dem er bekannt war: „Dr. James Barry, Generalinspektor der Krankenhäuser“. Ein Mensch, der bewiesen hatte, dass eine Frau Anatomie und Physiologie, Biologie und Chemie, Pharmakologie und Chirurgie erlernen konnte und weder zu schwach für eine Amputation noch zu zart für eine Autopsie war.

