Emilie Karoline Hähnle aus Sulz am Neckar (*3. Februar 1851) gründete 1899 in Stuttgart den „Bund für Vogelschutz“, den Vorläufer des „Naturschutzbundes Deutschland“ (NABU)…
Die Naturschutzbewegung – die Idee von Freund- und Partnerschaft zwischen Mensch und Tier, deren Wahrnehmung als leidensfähige Subjekte und der Zugang zur Natur für alle Bevölkerungsschichten als soziale Frage – entstand über die Anfänge in der Romantik und der Lebensrefombewegung in Abgrenzung zur industriellen und urbanen Entwicklung. Beteiligt waren sehr verschiedene Kräfte – sozialistische, völkische, reaktionäre, progressive. Nach dem ersten Weltkrieg setzte sich auch hier eine zunehmend nationalistisch-völkische Ideologie durch, die im NS-Staat endgültig festgezurrt wurde.
Lina Hähnle hat diese Bewegung über drei Systeme – Kaiserreich, Weimar und Nationalsozialismus – begleitet und geprägt und zunächst auch geöffnet: für Frauen und alleSschichten (durch niedrige Mitgliedsbeiträge z.B.), aber nach 1933 eben auch systemkonform ausgerichtet.
Sie war autoritär, resolut, umtriebig und eine große Lobbyistin und Netzwerkerin, die ihre Kontakte zu nutzen wußte. Sie selbst war die Tochter eines Salineninspektors, ihr Ehemann der Gründer der „Württembergischen Wollfilzmanufaktur“ (er stellte günstigen Wohnraum für seine Belegschaft zur Verfügung und richtete eine Kinderkrippe ein) war Mitglied der Deutschen Volkspartei und später Reichstagsabgeordneter. Lina Hähnle gelang es dank ihrer Verbindungen und unermüdlichen Engagements das Reichsvogelschutzgesetz zu verschärfen, eine erfolgreiche Kampagne gegen das Tragen von Straußenfedern zu initiieren, und das Anlegen von Naturschutzgebieten als Lebensraum für Vögel und andere Tiere zu erreichen, u.a. durch den Ankauf von Landflächen.
Für den „NABU“ steht seine Ur-Mutter so auch für ein demokratisches, liberales und soziales Engagement und alles mögliche ist nach ihr benannt. Um ihre Verstrickung und die ihres Vogelschutzbundes in das NS-System wird eher herumgedruckst; schließlich waren die Naturschutzfreunde mehrheitlich „unpolitisch“, sei Hähnle „im Privaten keine Sympathisantin des Regimes“ gewesen und gehöre zu dessen Opfern, da einer ihrer Söhne im rahmen des NS-Euthanasie-Programms ermordet wurde.
Nach den Historikern, die sich eingehender mit den Quellen befasst haben, spielte die „Deutsche Reichsvogelmutter“ eine führende Rolle bei der Gleichschaltung der Verbände und profitierte bewußt vom NS-Regime. Schon 1933 hatte sie sich den neuen Machthabern an die Brust geworfen, mit: „ein sieghaftes ‚Heil‘ auf unseren Volkskanzler, der die Deutschen aus der Verbundenheit mit der Natur heraus gesunden lassen will“, hatte „die freudige Gefolgschaft“ ihres Bundes angeboten und war der NS-Frauenschaft beigetreten.
Das System bedankte sich. 1934, als ihr Bund seine Satzung änderte und nur noch „deutsche Staatsbürger und Menschen artverwandten Blutes“ zuließ, konnte Lina Hähnle aus ihm den parteitreuen „Reichsbund für Vogelschutz“ hervorgehen lassen, dem die anderen Verbände beitreten mussten, so dass sich u.a. sein Umsatz verdoppelte und mehr reichskonformen Aktivitäten möglich wurden.
Tatsächlich sind ja die Grundzüge des deutschen Naturschutzrechtes in der NS-Zeit mit dem „Reichsnaturschutzgesetz“ gelegt worden. Praktisch wurde die Natur jedoch durch exzessive Baumaßnahmen zurückgedrängt und später für die Rüstung ausgebeutet und kaputt gemacht und ging die Idee von Tier- und Naturschutz ideologisch einher mit „Blut und Boden“, mit der Verklärung des Landlebens, mit einer „reinen“ Umwelt, mit „Vergeistigung“ und dem Hass auf alles Intellektuelle. Oder wie es der Mitinitiator des Gesetzes Hans Schwenkel (das letztlich von Göring durchgewunken wurde, der seine Jagdgründe unter Naturschutz gestellt haben wollte) ausdrückte: „Es geht auch gegenüber der deutschen Natur und Heimat um Weltanschauung, um amerikanisch-jüdische oder um deutsche Lebensauffassung und Lebensgestaltung. Es geht jetzt um letzte Entscheidungen zwischen Ehrfurcht oder Ausbeutung, Einfühlung oder Vergewaltigung, Geist oder Stoff.“
Hitler jedenfalls versprach Lina Hähnle höchstpersönlich, „seine schützende Hand über die Hecken“ zu halten und für „verstärkten Vogelschutz“ einzutreten. Himmler ließ von der SS biologisch-dynamische Versuchshöfe betreiben, u.a. im Konzentrationslager Dachau, und Hähnles Naturschützer, von denen einige zu „Landschaftsanwälten“ aufstiegen, ließen nicht nur die Autobahn, sondern auch das Vernichtungslager Auschwitz mit „heimischen Gehölz“ begrünen und planten es genauso für die eroberten Ostgebiete, wo sich die „Grausamkeiten der ostischen Völker“ messerscharf in die „Fratze ihrer Herkommenslandschaft“ eingefurcht hätten (Zitat NS-Landschaftsplaner Heinrich Wiebking). Das alles kann man Lina Hähnel, die bis 1938 Vorsitzende und bis zu ihrem Tod 1941 Ehrenvorsitzende des Reichsbundes war, nicht anlasten. Ein förderndes und williges Rad in diesem Getriebe war sie allemal.

Das Viehparadies
Zur Erlassung eines Tierschutzgesetzes am 12. November 1933 durch den Präsidenten des Tierschutzvereins, Hermann Göring.
Die geben ein Gesetz heraus
zum Schutz von Ratte, Katz und Maus.
Verboten soll in Deutschland sein
zu quälen Hase, Frosch und Schwein.
Hand weg von Gottes Kreatur!
Denn sie sind führend in Kultur!
In Deutschland schaffen sie
ein Paradies dem Vieh.
Vor ein’ger Zeit erließen sie
noch nicht Gesetze für das Vieh.
Da kamen erst die Menschen dran,
wenn Rote man so nennen kann.
Hand weg von Gottes Kreatur?
O nein, das war die andre Tour:
im Dritten Reich sind Sie!
Wir schützen nur das Vieh!
Mit KZ wird nunmehr bedacht
Wer eine Wanze totgemacht.
Dagegen dorten Usus ist
Zu prügeln Rote, Jud und Christ.
Und wer am besten prügeln kann,
der ist der treuste deutsche Mann.
In Reinkultur sehn Sie’s,
das Paradies des Viehs.
Das Rindvieh, das ist hochbeglückt,
denn seine Zeit ist abgerückt.
Man züchtet sogar Tiere:
zum Beispiel die Vampire.
Die stehen in besondrer Hut
des Staates und sie saugen Blut
so üppig wie noch nie,
im Paradies des Vieh’.
Anna Maria Jokl, 1911 Wien – 2001 Jerusalem
