Der „Zwerg“

­  „Unter den nicht verlorenen Realitäten strahlen die Stunden, in denen ich Zemlinsky musizieren hörte, in unverwischbarem Glanz.“ Franz Werfel (1921)  – Über den für seine Musik „zu spät geborenen“ österreichischen Komponisten, Dirigenten und Pädagogen Alexander Zemlinsky (1871–1942, Todestag heute), seine katholisch-jüdisch-muslimischen Wurzeln, sein Äußeres und Inneres, das Alma-Trauma und den Schwager Arnold.

VORSPIEL. DER SEMO- & S/ZEMLINS/KY-CLAN

Auf Alexander Zemlinsky bin ich nicht wegen seiner Musik aufmerksam geworden, die immer etwas im Schatten der großen Wiener Komponisten stand, wenngleich Zemlinsky ein überragender Dirigent gewesen sein muss und große Verdienste bei der Förderung und Bekanntmachung anderer Tonkünstler hat. Zemlinsky ist mir aufgefallen, weil er son interessante Vorfahren hat. Fangen wir auf der Seite seiner sephardischen Mutter an. Zemlinskys Großvater mütterlicherseits, Alexander Semo, genannt Shem Tov („guter Name“) Semo, wird 1827 in Sarajevo geboren („Bosnia onde avia pasado mi chikes i mi muchaches“) und ist der Sohn von Klara de Majo (einer Tochter von Aron Danon aus Sarajevo) und David ben Shabtay Semo, einem Kaufmann aus Vidin in Bulgarien. Noch in Sarajewo heiratet Semo die drei Jahre jüngere Bianca Pereira. Bianca wiederum ist die Tochter eines sephardischen Vaters und einer muslimischen Mutter bzw. sie soll es gewesen sein. Einen echten Beleg (wie einen Geburtseintrag) dafür habe ich nicht gefunden, aber so steht es überall geschrieben und war in einer Vielvölkerstadt wie Sarajevo möglicherweise auch nicht unüblich. Oder wir haben es Alexander Semos kosmopolitischem Geist zu verdanken, denn der geht mit Bianca in den 1850er-Jahren nach Wien und entfaltet bald große Aktivitäten als Verleger in der sephardischen Gemeinde. Er ist Herausgeber des „Koreo de Venah“ und seiner Beilagen „El Trezoro de la Kaza“ und „La Politika“ sowie der Zeitschriften „El Dragoman“, „Guerta de Istorya“ und „Ilustra Guerta de Istorya“, die alle in Ladino (Judezmo, Judäo-Spanisch, Spaniolisch) erscheinen, der Sprache der 1492 von der iberischen Halbinsel vertriebenen Juden. Außerdem schreibt und übersetzt er Romane aus dem Deutschen ins Ladino wie „El Konde i el Djidyo“ (Graf und Bürger, Wien 1873) und „El emperador“ (Der Kaiser, Jerusalem 1902), aber auch Romane seines späteren Schwiegersohns, Aron Adolf (Aaron ben Abraham) von Zemlins(z)ky, wie „El riko i el“ (Der reiche Mann) und „La ija loka“ (Die verrückte Tochter).
Bianca bekommt derzeit ein Kind nach dem anderen, insgesamt zwölf, von denen vier allerdings schon im Kindesalter sterben. Interessant sind auch ihre Namen von alttestamentarisch bis Neuzeit, – von Moses und Abraham bis Sigmund und Siegfried. Eines der Kinder von Shem Tov und Bianca Semo ist Clara Semo, die 1848 vermutlich noch in Sarajewo geboren wird. Sie ist die Mutter des Komponisten… 

Schauen wir auf seine väterliche Seite. Anton Semlinsky, der Großvater des Komponisten, stammt aus einem katholischen Elternhaus im damals ungarischen Zsolna (Žilina), nach anderen Quellen aus Neustadt (Nové Mesto), beides liegt in der heutigen Slowakei. Er beginnt als Bahnbeamter, eröffnet dann aber ein Kaffeehaus in der Wiener Leopoldstadt und heiratet 1832 Cäcilie Pulletz, deren Vater Wenzel am Theater an der Wien als Musiker angestellt ist. 
Sie bekommen fünf Kinder, das letzte ist 1845 der Sohn Aron Adolf Semlinski. Und der wandelt, kaum flügge geworden, vielleicht um seinen Ambitionen als Schriftsteller nachzuhelfen, die slawische Schreibweise seines Namens in die ungarische um, verpasst sich selbst ein Adelsprädikat und nennt sich fortan Adolf von Zemlynszki. Der „adlige“ Adolf arbeitete als Schreibkraft bei einer Versicherung, tritt 1870 plötzlich aus der katholischen Kirche aus und in die sephardisch-israelitische Gemeinde in Wien ein. Das ist sehr ungewöhnlich – entweder hatte er doch jüdische Vorfahren oder es war opportun für seine Ehe mit Clara Semo, der Mutter unseres Komponisten, die er wenig später, im Januar 1871, ehelicht, oder die (vermeintliche) adlige Herkunft des Bräutigams war ein „Fuß in die Tür der Gesellschaft“ für die jüdischen Semos. Wir wissen es nicht. Adolf, hier Aaaron ben Abraham genannt (wenn das Papa Anton wüsste) macht nun jedenfalls Karriere. Sein Schwiegervater Shem Tov Semo übergibt ihm die Redaktion der sephardischen Monatsschrift „El Correo de Viena“ und 1872 wird er auch noch Sekretär der „türkisch-israelitischen Gemeinde“ in Wien. 1882 übernimmt Aron Adolf darüber hinaus die Chefredaktion der Zeitschrift „Wiener Punsch“. Außerdem schreibt er bis zu seinem recht frühen Tod im Jahre 1900 zig Romane und Erzählungen, unter anderem „Der Verfluchte“, „Die Tochter des Chasan“, „Salomo Molcho“, „Der Graf von Montfort“, „Der Vagabund“, „Bankier und Handelsjude“. Adolf von Zemlinszky ist auch der Verfasser der „Istorya de la Komunidad israelit espanyola en Vyena“, der einzigen „Geschichte der türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien“, die sich kurz zuvor eine große, von der Alhambra inspirierte Synagoge in der Zirkusgasse hatte bauen lassen. 

ALEXANDER (VON) ZEMLIN(Z)KY HIMSELF

1871. Alexander (von) Zemlins(z)ky, unser Komponist, zeitlebens „Alex“ genannt, wird pünktlich neun Monate nach der Heirat von Adolf Z. und Clara Semo am 14. Oktober 1871 in der elterlichen Wohnung in der Odeongasse 3, in der Wiener Leopoldstadt geboren und laut Matrikel-Eintrag eine Woche später von einem Dr. Knöpfelmacher beschnitten. (Das „z“ streicht er später aus seinem Namen und nach dem Ersten Weltkrieg auch das „von“). 1874 kommt seine Schwester Bianca zur Welt, stirbt aber nach wenigen Wochen, und 1877 folgen die Zwillinge Matthias und Mathilde (später Arnold Schönbergs erste Frau). 

Aron, Alexander, Mathilde, Clara

1875. Mit vier Jahren kommt Alex erstmals in Kontakt mit Musik. Sein Vater hat einen Freund der Familie als Untermieter aufgenommen, der sein Klavier mitbringt und Alex darf am Unterricht teilnehmen. Er erweist sich als erstaunlich talentiert und bekommt bald einen eigenen Lehrer. Er singt auch im Tempelchor der sephardischen Gemeinde und als er in den Stimmbruch kommt, bleibt er der Synagoge als musikalischer Begleiter der Chorproben und Organist erhalten.

1877. Mit sechs Jahren war Alex in der sephardischen Schule Midrasch Eliahu angemeldet worden. Zwei Jahre später wechselt er in eine öffentliche Volksschule. Mit 13 meldet sein Vater ihn am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien an. Nach drei Jahren werden seine Fortschritte geprüft, und er erhält ein Rubinstein-Stipendium von 1.000 Gulden pro Jahr.

1890 gewinnt er bei einem Klavierwettbewerb des Konservatoriums mit den Händel-Variationen von Brahms die Goldmedaille sowie einen Bösendorfer-Konzertflügel (den er später dem Musikkritiker Julius Korngold zur Verfügung stellte, dem Vater von Erich Wolfgang Korngold, der Unterricht bei Zemlinsky hatte). Trotz dieses Erfolgs strebt Zemlinsky keine Solokarriere an. 

1891 komponiert Zemlinsky seine erste Sinfonie und mit den „Ländlichen Tänzen“ op. 1. sein erstes Werk, das bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erscheint (youtu.be/UND17nnkbts?si=kWoasfuGYPLmJCZD).

1892 wird seine Abschlussarbeit, eine Symphonie in d-Moll (Nr. 2), im Konservatorium aufgeführt (youtu.be/ltSoXKmMDSg?si=nvV6szMhcCZoDIDm). Zemlinsky ist stark von Johannes Brahms geprägt, der seinerseits Zemlinskys Fähigkeiten erkennt und ihn dem Verleger Simrock empfiehlt, der sein Trio für Klavier, Klarinette und Violoncello op. 3 druckt (youtu.be/Gnecs2gHPL8?si=Ydv5CUNjZxqCnLXz).

1895 initiiert Zemlinsky den „Musikalischen Verein Polyhymnia“, der Amateurgruppen der Leopoldstadt koordiniert. Hier kann Zemlinsky nicht nur eigene Werke aufführen, sondern lernt mit dem drei Jahre jüngeren Arnold Schönberg, der hier Cello spielt, auch den wichtigsten Freund seines Lebens kennen. Er  unterrichtet ihn in Kontrapunkt und führt in die Wiener Musikkreise ein. 

Zemlinsky-Schönberg-Selfies

1897 gewinnt Zemlinsky mit seiner Oper „Sarema“ (für die vermutlich sogar sein Vater das Libretto geschrieben hat) den Luitpoldpreis (youtu.be/J4003pobuAg?si=g9LOfhBYbQ2H9Cj4).

1899. Infolge des Luegerischen Antisemitismus und der Dreyfus-Affäre hat sich das Klima gegenüber den Juden in Wien stark verschlechtert. Zemlinsky, der sich weder für Politik noch für Religion interessiert, tritt aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus. Er „wechselt“ erst zu den Freimaurern und konvertiert 1906 zum Protestantismus.

1900. Gustav Mahler bringt im Januar Zemliskys zweite Oper „Es war einmal“ an der Wiener Hofoper heraus (youtu.be/JGMQtEH4qkI?si=xK7Us9wwslMAqt6l). Es ist das einzige Mal in Mahlers Karriere, dass er ein Werk eines zeitgenössischen österreichischen Komponisten dirigiert. Zemlinskys dramatisches Gespür wird gelobt, und da er erst kürzlich mit dem Dirigieren begonnen hatte, bekommt er den Spitznamen „Mahler junior“. Mahler hat großen Einfluss auf Zemlinsky, der sich zuvor an Wagner und Brahms orientiert hatte. Und auch Mahler schätzt Zemlinsky. Rudolf Stefan Hoffmann noch 1910: „Es ist […] nicht zu erfahren, ob Zemlinsky der Mahler-Clique oder Mahler der Zemlinsky-Clique zuzurechnen ist.” 
1900 stirbt auch Zemlinskys Vater Aron Adolf. Im Andenken an ihn vertont der Sohn den 83. Psalm (youtu.be/C1jZnNYZ08c?si=KqXAISqy2HUSDF50). Da sein Vater nicht für den Erhalt seiner Familie vorgesorgt hatte, muss nun Alex diese Aufgabe übernehmen. Da das Unterrichten, Begleiten und Arrangieren dazu nicht ausreicht, nimmt er das Angebot an, Chefdirigent am Carltheater zu werden. Er beklagt sich bei seiner Mutter darüber, dort ständig dieselben Operetten dirigieren zu müssen, aber hat zumindest ein geregeltes Einkommen.
Etwas mehr als einen Monat nach der Uraufführung von „Es war einmal…“ lernt Alex Zemlinsky die Tochter des Wiener Malers Emil Jakob Schindler kennen, Alma Schindler, später Alma Mahler und Alma Mahler-Werfel. 

ZWISCHENSPIEL: DIE NYMPHOMANIN UND DER GNOM

Alexander Zemlinsky und Alma Schindler, um 1900

Alma Schindler ist 21, Alex Zemlinsky 28. Sie gilt als schön, attraktiv, stattlich und groß. Er misst 1,56 Meter, ist dürr, hat Glubschaugen, eine auffallend große, spitze Nase, und ein kleines, fliehendes Kinn, das die Nase noch mehr betont oder wie Elias Canetti sich erinnert: „… ein schwarzer Vogelkopf, mit vorspringender Dreiecksnase, dem jedes Kinn fehlte.“ Ein gefundenes Fressen für jeden Karikaturisten:


Das findet auch Alma Schindler. Nachdem sie Alex zum ersten Mal gesehen hat als er im Wiener Musikverein die Uraufführung seiner Kantate „Frühlingsbegräbnis“ dirigiert, schreibt sie im Februar 1900 in ihr Tagebuch: „Der Mensch ist das komischste, was es gibt. Eine Carrikatur – kinnlos, klein, mit herausquellenden Augen und einem zu verrückten Dirigieren…“
Zwei Wochen später gefällt er ihr trotzdem sehr: „Abends bei Spitzer. Mit dem größten Vorurteil ging ich hin. Fast den ganzen Abend mit Alexander von Zemlinsky, dem 28jährigen Komponisten von ES WAR EINMAL… Er ist furchtbar hässlich, hat fast kein Kinn – und doch gefiel er mir ausnehmend. Bei Tisch fragte er mich ganz ruhig: Und wie stehen Sie Wagner gegenüber? Na, sagte ich, er war das größte Genie aller Zeiten. Und was ist Ihnen das liebste von Wagner? TRISTAN – meine Antwort. Drauf war er so erfreut, dass er nicht wiederzuerkennen war. Er wurde ordentlich hübsch. Jetzt verstanden wir uns. Er gefällt mir sehr – sehr. – Ich werde ihn zu uns nach Haus bringen.“

Um es abzukürzen: So geht es weiter. Alma nimmt Kompositionsunterricht bei ihm, bewundert ihn und fühlt sich geistig angezogen. Er macht ihr klar, dass ihre Oberflächlichkeit einem Erfolg im Wege steht. „Entweder Sie componieren oder Sie gehen in Gesellschaften – eines von beiden. Wählen Sie aber lieber das, was Ihnen näher liegt – gehen Sie in Gesellschaften.“  Doch ab Herbst 1900 geht es um mehr als um den Unterricht. Sie lässt sich von ihm küssen, streicheln, erlaubt ihm mit seinen „Virtuosenhänden“ jede Intimität bis auf die letzte und raubt ihm damit fast den Verstand. 
Alma quält den armen Zemlinsky zwei Jahre lang, immer sprunghaft und schwankend wie eine Palme im Wind. Sie findet ihn grottenhäßlich, macht ihn trotzdem an, lässt ihn aber zwischendurch auch immer wieder fallen. Er will nicht ihr Spielzeug sein, aber kaum zieht sie sich zurück, klebt er wieder an ihr („Ich will dich – mit jedem Atom meines Fühlens!“). Passt ihr irgendetwas nicht, ist Zemlinsky für die Salon-Antisemitin „der Jude“. Frisst er ihr aus der Hand, überschüttet sie ihn mit Liebkosungen. Ein heftiges Hin und Her mit pathologischen und obsessiven Zügen. Aber lassen wir Alma selber sprechen bzw. in ihr Tagebuch schreiben:
Alma, März 1900: Zemlinsky sagte mir nun, dass mein Lied ihm außerordentlich gefalle, dass ich ein ausgesprochenes Talent habe – und andres mehr. Ich sagte ihm, dass er und der (Maler und Bildhauer Fernand) Khnopff die zwei größten Attraktionen für mich gewesen seien. Er glaubte mir nicht. Fräulein, wenn ich nicht so gescheit wäre – Sie könnten einem spielend den Kopf verdrehen! Auf einmal wurde er ernst: Fräulein, ich möchte Ihnen ein Lied widmen – oder nein – ich will viel mehr tun – es kommt jetzt ein Heft Lieder heraus. Darf ich Ihnen die widmen? Ich war starr vor Freude.
Alma, April 1900: Ich spielte ihm einige letzte Lieder vor, und er fand sehr viel Talent doch wenig Können vor. Bei einer Tonwendung sagte er: Das ist so gut, dass ichs fast selbst gemacht haben könnte. Er zeigte mir einige kleine Fehler, was sehr nett und lustig. Er bat mich, ihm drei Lieder mitzugeben. 
Alma, Juni 1900: Da wir den Wagen hatten, fuhren wir in den Prater und von dort in die Obere Weißgerbergasse, um bei Zemlinsky meine Noten abzugeben. Ich läutete – die Guttmann macht mir auf. Ich frage nach seinem Vater – sie führt mich in sein Musikzimmer und sagt mir, dass er heute früh gestorben ist – in der Früh. Ich schämte mich, meinen lustigen Brief und meine Noten dort zu lassen. Sie legte sie aber in seinen Schreibtisch und sagte, sie werde sie ihm erst geben, wenn er ruhiger geworden sei. Und da stehen sie ja auch – und zeigte auf meine Photographie, die in der Mitte am Schreibtisch stand …
Alma, Oktober 1900: Heute soll Zemlinsky kommen … In unserm Haus rief seine Erscheinung einen wahren Sturm von Entsetzen hervor. Ich finde ihn nicht komisch – und nicht hässlich, denn Intelligenz leuchtet ihm aus den Augen – und ein solcher Mensch ist nie hässlich.
Alma, November 1900: … Drauf prüfte er mich etwas aus der Harmonielehre, sah sich meine letzten Kontrapunktsachen an, und wir beide sahen, dass ich wenig – soviel wie nichts kann. Dann plauschten wir über alles mögliche, er blieb volle zwei Stunden bei mir. Ich bin in gehobener Stimmung.
Alma, Januar 1901: Ich bat ihn, das Vorspiel von ES WAR EINMAL … zu spielen. Er tat es nicht. – Ich ließ mich hinreißen zu sagen, dass ich nicht im TRISTAN war, weil er nicht war. – Er sagte mir: Wissen Sie Fräulein, Sie werden in letzter Zeit oft fade. Wenn Sie allen ihren Herrchen etwas einreden können, mir können Sies doch nicht … Und er hat Recht. Was will ich denn von ihm? Ja er gefällt mir – unsagbar gut … Aber wie er kam – seine unglaubliche Hässlichkeit, sein Geruch. Und dabei – bin ich merkwürdig aufgeregt in seiner Nähe.
Alma, März 1901 (Alma ist beleidigt, weil Alex sie in der Oper nicht begrüßt und teilt gegen ihn und seine vermeintliche Geliebte aus): Fräulein Guttmann war da, sowie die ganze Familie. Ich kenne sie nicht, aber sie sahen mich fortwährend mit dem Operngucker an – eine Frechheit. Zemlinsky blieb im Künstlerzimmer, begrüßte mich nicht. Spitzer sagte: Zemlinsky war hier, hat sie gesehen und ist wieder weggegangen. Da war mir weh! Und jetzt, indem ich es aufschreibe, jetzt ist es mir mehr als gleichgültig. Ich habe so das Gefühl: jüdischer Feigling! Behalte dein krummnasiges Judenmädel. Die passt zu dir.
Alma, April 1901: Wir hatten unsere regelmäßige Stunde. Nachher setzten wir uns nieder. Er sagte mir, dass ich mit ihm spiele und dass er Gott danke, dass er gescheit auf die Welt gekommen sei. Auf einmal hatten sich unsere Blicke und ließen sich nicht los. Ich bat ihn, Samstagabend zu kommen. Er frug mich, ob mir viel daran läge. Ich bejahte. Er küsste meine Hände – lehnte seinen Kopf darauf. Ich lehnte meinen dagegen. Wir küssten uns auf die Wangen. Immer wieder, immer wieder hielten wir uns so. Ich nahm seinen Kopf zwischen meine Hände, und wir küssten uns, dass die Zähne schmerzten. Er sagte mir, dass er den ganzen Winter gegen seine Liebe für mich kämpfte.
Alma, April 1901: […] wenn ich mit Z. […] am Altar stehen würde – wie lächerlich das doch sein würde … Er so hässlich – so klein, ich so schön – so groß. Kein Gefühl der Liebe für diesen Menschen könnte in mein Herz kommen, so viel ich mich auch bemühte.
Alma, Mai 1901: „Wir hielten uns umschlungen. Küssten uns halb tot… Einmal sank ich um, er auf mir. Mit einem wahnsinnigen Ruck schob ich mich weg… Meine Liebe zu Kl[imt] ist eine dünne Brühe gegen die Kraftsuppe meiner jetzigen Empfindungen.« 
Alex an Alma, Mai 1901: Ich kann und lass mich nicht herunterziehen. Mein ganzer Stolz bäumt sich jetzt auf. […]  Ich bin also furchtbar hässlich?! Also angenommen! Ich danke Gott jetzt dafür, dass ich so bin. Und danke Gott, dass es so viele Mädchen gegeben hat, die über meine Hässlichkeit zu meiner Seele gelangt sind […]. Meine Liebe, Du betonst so oft, so oft Du nur kannst, wie lächerlich wenig ich bin und habe, wie viel mich ungeeignet macht, Dir zu gehören! Hast Du so viel zu geben, so unendlich viel, dass andere Bettler dagegen sind?! Liebe gegen Liebe, sonst kenne ich nichts. Du bist sehr schön, und ich weiß, wie sehr ich diese Schönheit schätze. Und später? In 20 Jahren???
Alma, Juli 1901: Sie mag nicht „kleine, degenerierte Judenkinder zur Welt bringen!“ Und bekommt von männlichen Begleitern gute Ratschläge, wie, sie solle sich „nicht die gute Rasse“ durch Zemlinsky verderben lassen. 
Alma, September 1901: Eben wohnte ich einer Fliegenbegattung bei. So still waren sie und so unerschütterlich. Hier und da ging ein Zittern durch ihre Flügel. Ich blies sie an – sie flogen müde ein Stück weiter, eins mit dem andern, und setzten in geringer Entfernung ihre Tätigkeit fort. Ich beneidete sie. Weltatem streifte mich. Warum soll das unästhetisch sein? Das Überfließen des einen in den andern – schön finde ich es, herrlich schön. Wie sehne ich mich danach. Alex – mein Alex. Dein Weihebecken will ich sein. Gieß deinen Überfluss in mich.
Alex an Alma, November 1901: Deine rücksichtslos innigen Zärtlichkeiten bei den letzten Malen unseres Alleinseins entstanden zum größten Teil aus der Sehnsucht, das überhaupt kennen zu lernen. Das Gefühl habe ich! Wie innig und groß, was du schreibst: „Ich will die Mutter deiner Kinder sein“ – wenn es als wahr empfunden wäre! Das ist es nicht! Ich weiß es: alle deine Ansichten, deine grenzenlose Eitelkeit, Vergnügungssucht, das alles steht dir im Wege, um in unserm Fall glücklich zu sein! Ich überlege fortwährend, ob ich diese Woche überhaupt hinauskommen soll. Vielleicht ist es gut, wenn du mich länger nicht siehst.
Alma, 16.12.1901: Er kam ins Zimmer – blasser als sonst und still – ich ging zu ihm, zog seinen Kopf an meine Brust und küsste ihn auf die Haare. Mir war so merkwürdig zu Mut. Wir saßen dann ernst und nur zur Sache gehörige Dinge besprechend – nebeneinander – wir, die wir uns in tollster Liebesraserei gewunden haben. Er war etwas sarkastisch, wie immer, aber sonst lieb – rührend lieb. Ich hatte immer die Augen voll Tränen. Aber meine Sinne schwiegen … Heute wurde eine schöne, schöne Liebe begraben. Gustav [Mahler], viel musst du tun, um sie mir zu ersetzen. […] Mein armer Alex – ich habe die Leiden auf seinem Gesicht gesehen. Du edler, edler Mensch!“ 
Alex an Arnold Schönberg, 18.12.1901:
Die neueste Neuigkeit: Mahler verlobt mit Alma Schindler —————————————————————————

Zemlinsky setzt (!) 25 Gedankenstriche. Ihm fehlen die Worte.

Trotz seines Aussehens und seiner geringen Größe mangelt es Alex Zemlinsky aber übrigens nie an attraktiven Frauen, nicht vor und nicht nach Alma. Sie schätzen ihn als brillanten Schriftsteller und Witzbold, als charmanten, schelmischen, stets stilvoll gekleideten Dandy und lassen sich gern mit ihm ein. Die Kränkung, das Trauma, die Wunde Alma, scheint es, bleibt trotzdem offen. Er trauert ihr lange nach und spielt in vielen seiner Werke auf Alma an, wie in „Der Traumgörge“ (1904), in der „Lyrischen Symphonie“ (1923), vor allem in seinem „tragischen Märchen“, der Oper „Der Zwerg“ (1921, nach Oskar Wilde). Hier bekommt eine schöne Prinzessin einen Zwerg zum Geburtstag, der sich noch nie im Spiegel gesehen hat. Er verliebt sich in sie und glaubt auf Gegenliebe zu stoßen, nachdem sie ihm aus Spaß eine Rose zuwirft. Am Ende wird er über das üble Spiel aufgeklärt, sieht sich im Spiegel – und stirbt an der „Wahrheit“. Und Alma Mahler?
Die ätzt noch in ihrer Autobiografie Jahrzehnte später über ihren einstigen Favoriten: „Er war ein scheußlicher Gnom. Klein, kinnlos, zahnlos, immer nach Kaffeehaus riechend, ungewaschen…“ und „Dass er nicht der große Meister unserer Zeit wurde, muss wohl an seiner rachitischen Konstitution liegen… aus einem kranken Reis kann kein hoher Baum werden.“

ZURÜCK IN DIE TIMELINE:

1901. Zemlinskys Schwester Mathilde konvertiert wie ihr Bruder und wie Arnold Schönberg zuvor zum Protestantismus und heiratet ihn eine Woche später und ein Jahr vor der Geburt ihrer Tochter Gertrude. Zemlinsky und Schönberg sind nun Schwager, ziehen 1903 in dieselbe Etage eines Hauses in der Nähe der Volksoper und geben hier beide Privatunterricht an eine Reihe junger Schüler, darunter Anton Webern, Alban Berg und Heinrich Jalowetz.
Schönberg beginnt bald, sich kompositorisch von Zemlinskys Einfluss freizumachen und eigene Wege zu gehen, deren Radikalität später zu tiefgreifenden ästhetischen Differenzen führen werden, denn Zemlinsky, der „zu spät Geborene“, kann dieser Entwicklung nicht folgen, steht ihr aber wohlwollend gegenüber: „Vor den letzten Werken Schönbergs stehe ich nicht immer mit gleicher Liebe, aber mit grenzenlosem Respekt.“ (1912). Und Schönberg über Zemlinsky: „…er ist in den vielen Jahren, die seither vergangen sind, derjenige geblieben, dessen Verhalten ich mir vorzustellen versuche, wenn ich Rat brauche…“ (1921).

Schönberg und Zemlinsky mit Gertrud, Mathilde mit Gertrud

1904 wird Zemlinsky nach einem kurzen Intermezzo am Theater an der Wien Musikdirektor, dann Erster Kapellmeister am Kaiser-Jubiläums-Stadttheater, der späteren Volksoper (der offen antisemitische Wiener Bürgermeister Karl Lueger, hatte bestimmt, dass das Theater für Juden verboten ist. Doch das Theater ging pleite und stand bei der Wiedereröffnung auch wieder jüdischen Künstlern und Zuschauern wieder offen). Alexander Zemlinsky hebt hier schon bald das Niveau des unerfahrenen Ensembles, arbeitet währenddessen an seiner Oper „Der Traumgörge“ und gründet mit seinem Freund Schönberg die Vereinigung Schaeffender Tonkünstler, um die zeitgenössischer Musik zu fördern – quasi das musikalische Pendant zur Wiener Secession und mit Mahler als Ehrenpräsidenten.

1907 heiratet Zemlinsky Ida Guttmann, die Schwester seiner nach Amerika entschwundenen Jugendliebe Melanie, hat aber weiter Affären. Im gleichen Jahr bietet ihm sein neuer Mentor Gustav Mahler ein fixes Engagement als Kapellmeister an der Hofoper an. Zemlinsky nimmt an, kehrt jedoch schon nach einer Saison an die Volksoper zurück, nachdem Mahler durch Felix Weingartner ersetzt worden war. 1910 folgt hier die Uraufführung seiner Oper „Kleider machen Leute” (youtu.be/c-MvXkFZ8J0?si=jq6LCcY3UkT1rH6W).

1908. Zemlinkys Tochter Johanna Maria wird geboren und in Schwager Schönbergs Privatleben ereignet sich eine schwere Krise, die Zemlinsky indirekt mitbetrifft. Nach einer Affäre mit dem Maler Richard Gerstl verlässt seine Schwester Mathilde kurzzeitig ihren Mann. Als sich die Situation als unlösbar erweist, begeht Gerstl Ende 1908 Selbstmord; Mathilde kehrt zurück.

Alexander Zemlinsky, gemalt vom Schwager Arnold Schönberg

PRAG

1911 bekommt Zemlinsky ein Angebot aus Prag und wird als Nachfolger von Größen wie Gustav Mahler und Leo Blech Musikdirektor des Neuen Deutschen Theaters in Prag, das unter seiner Leitung bis 1927 zu einem der angesehensten Opernhäuser Europas wird.  Zemlinsky erweitert das Repertoire, bringt zahlreiche Werke zur Uraufführung, fördert die Neue Musik und holt immer wieder renommierte Künstler nach Prag wie Leo Slezak, Richard Tauber oder Lotte Lehmann. 
Er schafft das ungeschriebene Gesetz ab, am deutschen Theater keine tschechischen Opern zu spielen (weil es dafür ja das tschechische Nationaltheater gäbe) und führt u.a. 1924 an dessen 100. Geburtstag Smetanas „Der Kuß“ auf, und 1926 in Anwesenheit von Max Brod Janáčeks „Jenufa“.
Unter Zemlinsky erlebte Prag auch eine Mozart-Renaissance. Igor Strawinsky wird später sagen: „Keine Wiedergabe der Mozartopern hat mich je begeistert, bevor ich nicht nach Jahren in Prag Alexander Zemlinsky den Figaro dirigieren hörte“ (und auch, dass er Carl Maria von Weber erst richtig eingeschätzt habe, als Zemlinsky in Prag den Freischütz dirigiert hat).
Dazwischen entsteht u.a. die Oper „Eine florentinische Tragödie“ (1917), „Der Geburtstag der Infantin“ (1921) nach einem Stoff von Oscar Wilde und die erwähnte Oper „Der Zwerg“, die 1922 in Köln unter Leitung von Otto Klemperer uraufgeführt wird. Sie entspricht aber nicht mehr dem Zeitgeist und hat nur mäßigen Erfolg. 

1923 folgt die „Lyrische Symphonie“, angeregt von Tagore-Gedichten – auch sie eine Reflexion auf seine unglückliche Liebe zu Alma Mahler, inspiriert von Mahlers „Das Lied von der Erde“, dessen Reaktion wiederum auf Almas Affäre mit dem Architekten Walter Gropius.  
Kurz darauf führt Zemlinsky zum ersten Mal Schönbergs Monodrama „Erwartung“ auf. Eigentlich soll der sein Werk selbst aus der Taufe heben, aber er schreibt an Zemlinsky: „Ich hätte große Freude, wenn Du dirigieren wolltest, denn es ist für mich nicht nur sehr lehrreich und erfreulich, wenn ich meine Werke in Deiner Interpretation höre und Deinen Proben beiwohnen kann, sondern ich weiß auch die Bedeutung zu schätzen, wenn eine Autorität wie Du sich gegen Orchester und Publikum mit dem Werk identifiziert, während ich doch den Bestien ausgefolgt bin, um so mehr, als man es sonst als Ablehnung ansehen würde: Nicht einmal seinem Schwager gefällt ja diese Musik.“ 
Ab 1923 ist Zemlinsky daneben Gastdirigent bei der Tschechischen Philharmonie, Viktor Ullmann ist hier sein Chordirigent, und er bringt oft Gustav Mahler zur Aufführung, aber nie Alexander Zemlinsky. Zemlinsky kann sich nicht gut verkaufen, er ist bescheiden, tritt hinter die Werke zurück, er hat keine „Ellenbogen“ und ihm fehlt die „Rücksichtslosigkeit“ (so sagt Adorno). 
1921 war Arnold Schönbergs Mutter in Berlin gestorben (sie hat zuletzt In der Hauptstraße 155 in Schöneberg gelebt, im selben Haus, in dem Jahrzehnte später Davie Bowie und Iggy Pop eine WG teilten und nun, 1923, stirbt Zemlinskys Schwester Mathilde, Schönbergs Frau. Dass der nur wenige Monate später erneut heiratet, führte zu ernsten Verstimmungen in beider Freundschaft. Auch künstlerisch trennen sich die Wege mehr und mehr. Zemlinsky steht Schönbergs Zwölftontechnik skeptisch gegenüber.
Zemlinsky öffnet sich in den späten 20er-Jahren aber zunehmend auch für Musik die ihre Wurzeln nicht in Wien und der Jahrhundertwende hat, Musik von Weill, Hindemith, Krenek, Bartók, vor allem aber von Alban Berg, der Schönbergs Platz als sein Vertrauter einnimmt. 

BERLIN

1927 nimmt Zemlinsky das Angebot Otto Klemperers an, Kapellmeister an der Berliner Kroll-Oper zu werden. Die Kroll-Oper versteht sich als Zentrum für experimentelles Musiktheater und offen für unkonventionelle Inszenierungen. Neben Klemperer und Zemlinsky dirigieren hier George Szell, Erich Kleiber und Leo Blech, und wirken Regisseure und Bühnenbildner wie László Moholy-Nagy, Gustav Gründgens und Oskar Schlemmer. Das ambitionierte Konzept erreicht jedoch die breite Masse nicht, gerät politisch zunehmend ins Kreuzfeuer rechter Kreise und das Theater muss 1931 schließen. Bis dahin studiert Zemlinsky hier zwölf Opern ein, u.a. von Puccini, Ravel und Milhaud.

1929. Zemlinskys Frau Ida stirbt im Januar an Leukämie. Er komponiert zu ihrem Andenken die Symphonischen Gesänge op. 20 und heiratet ein Jahr später seine Geliebte Louise Sachsel. Er beginnt als Hochzeitsgeschenk für sie eine neue Oper, die aber erst im Oktober 1932 fertig ist: „Der Kreidekreis” nach Klabund (youtu.be/lx75B_Yi1gc?si=tiZqmz1OV5qh-VcL).

1931. Zemlinsky dirigiert mit Klemperer zwei Schönberg-Erstaufführungen für Berlin (die Glückliche Hand und die Erwartung) sowie die Berliner Erstaufführung von Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ im Theater am Kurfürstendamm (Kurt Weill: „Zemlinsky ist ganz große Klasse!”). Er unterrichtet er an der staatlichen Hochschule für Musik in Charlottenburg, leitet den Hochschulchor, und gastiert wie schon in den Jahren davor häufig auch als Dirigent im Ausland, u.a. in Rom, Paris, Warschau und Barcelona.

Weill, Zemlinsky und Brecht arbeiten an „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“

WIEN II

1933. Im April nach dem Machtantritt der Nazis verlässt Zemlinsky mit seiner ebenfalls jüdischen Frau Berlin Richtung Wien. Bis auf die Leitung des von Hermann Scherchen gegründeten Wiener Konzertorchesters für eine Saison und Gastauftritte im Ausland bekommt er kein Engagement mehr. Er komponiert – u.a. Sechs Lieder op. 22, die Sinfonietta op. 23 und nach dem Tod seines Freundes Alban Berg am Weihnachtsabend 1935 zu seinem Andenken sein 4. Streichquartett. Zemlinsky beginnt auch die Arbeit an seiner Oper „Der König Kandaules“, doch die politische Situation wird immer bedrückender, so dass an kontinuierliches Arbeit nicht mehr zu denken ist. 

1938. Im März, nach Hitlers Einmarsch in Wien und massiven Angriffen auf Juden ist Zemlinsky wie paralysiert und tut wochenlang gar nichts. Dann vernichtet er panisch Fotos seiner jüdischen Familie. Seine Eltern und Geschwister sind schon tot, doch Luises Mutter und Tante werden später nach Theresienstadt deportiert und kommen um. Für einen Ariernachweis braucht er die Heiratsurkunde seines Vaters und die eigene Geburtsurkunde. Doch die befinden sich in der Israelitischen Kultusgemeinde und sind nun in der Hand der Gestapo. Zemlinsky versteht, dass er weg muss. Luise bemüht sich um amerikanische Visa und eine Einreiseerlaubnis nach Prag. Die kommt, doch die Ausreise gestaltet sich schwierig, da seit dem „Anschluss“ alle Pässe neu ausgestellt werden müssen. Erst nach der Bezahlung der „Reichsfluchtsteuer“, also 30 % des beweglichen Eigentums der Familie kann er am Mitte September mit Luise nach Prag ausreisen. Im November bekommen sie endlich die US-Visa und erreichen am 23. Dezember mit dem Schiff New York. Die Tochter Johanna kommt vier Monate später nach.

USA

1939. Zemlinsky erleidet einen Nervenzusammenbruch, die Familie ist fast mittellos und er komponiert auch nicht mehr. Mit Schönberg in Los Angeles, mit dem er nach ihren Differenzen seit 1927 keinen Kontakt mehr hatte, kommt es wieder zu Briefwechseln. Schönberg will Zemlinsky bewegen, auch in den Westen zu kommen, was dessen Gesundheit jedoch nicht zulässt. 

1940. Zemlinsky erleidet mehrere Schlaganfälle. Seinen Freund und Ex-Schwager sieht der inzwischen Todkranke noch ein letztes Mal, als Schönberg im November 1940 in New York seinen „Pierrot lunaire” dirigiert.

1942. Alexander Zemlinsky stirbt am 15. März. Luise lässt seine Asche später in sein geliebtes Wien überführen und versucht bis zu ihrem eigenen Tod 1992, seinen Namen in der Musikwelt lebendig ­zu halten.

2 Kommentare zu „Der „Zwerg“

  1. Vielen Dank für diesen spannenden und wunderbaren Artikel! Als Komponist wird Zemlinsky leider immer noch unterschätzt und vernachlässigt. Seinen „Zwerg“ habe ich in den 1980er Jahren an der Hamburger Staatsoper gesehen und das hat einen tiefen Eindruck auf mich hinterlassen.

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