Die erste dokumentierte Bat-Mizwa-Zeremonie im modernen Sinne fand 1922 für Judith Kaplan, die Tochter von Rabbi Mordecai Kaplan, in New York statt. Doch bereits 1817 wurde in Berlin zum ersten Mal eine „jüdische Einsegnung“ für zwei Mädchen als Pendant zur Bar Mizwa, der Religionsmündigkeit der Jungen gefeiert. Wie kam das und wer waren die Beiden?

1778 war in Berlin die Jüdische Freischule gegründet worden, die im Sinne Moses Mendelssohns und ihres Mitgründers Daniel Friedländer zur Emanzipation der Juden und ihrer Integration in das bürgerliche deutsche Milieu beitragen sollte. 1812 wurde das preußische Emanzipationsedikt erlassen, das die Juden Preußens zu „Einländern und Preußischen Staatsbürgern“ erklärte. Zwei Jahre später, 1814, war Israel Jacobson aus Seesen im Harz, wo er den ersten jüdische Reformtempel mit Orgel, deutscher Predigt, Chorgesang und Chorälen initiiert hatte, nach Berlin gekommen.
1815 hatte er den ersten Alternativ-Gottesdienst in Berlin geleitet und für seinen Sohn Naphtali zu Schawuot eine „Konfirmationsfeier“ ausgerichtet.
Zunächst fanden diese Gottesdienste im Palais Itzig statt, doch bald zog Jacobsohn mit seinen Anhängern in das Palais des jüdischen Bankier Jacob Herz Beer am Brandenburger Tot um. Damit wurde der Jacobsonsche Tempel auch Teil von Amalie Beers Salon, in dem die Berliner Musikwelt ein und aus ging, auch das musikalische Wunderkind Jakob Beer alias Giacomo Meyerbeer, wie sich der älteste Sohn seit seinem 24. Geburtstag nannte. Giacomo komponierte für den neuen Tempel ein Hallelujah. Der Text stammte von Eduard Kley, der als Privatlehrer von Giacomos jüngsten Bruder Michael bei den Beers angestellt und als Prediger am Jacobson-Beerschen Tempel tätig war.
1816 gründete sich in Berlin der Wissenschaftszirkel junger jüdischer Intellektueller, in dem Lepold Zunz die „Vernachlässigung des weiblichen Geschlechts“ als ein besonderes Übel im Judentum anprangerte und aus dem der Verein für die Cultur und Wissenschaft der Juden hervorging. Eines seiner Ziele waren „öffentliche Einsegnungen für die Juden“, die dem „Abfall der Juden von ihrer väterlichen Religion“ (sprich: der unter den Berliner Juden herrschende Tauf-Epedemie) entgegenwirken und zugleich „die bürgerliche und sittliche Veredelung derselben so wie eine herzliche Annäherung zwischen ihnen und den Christen“ befördern sollte, verbunden mit der Hoffnung, dass dadurch „alle feindseligen Spuren aus den finsteren Zeiten des Hasses aus ihren [der Christen] Gemütern … entfernt“ werde.
Die jüdische Konfirmation sollte also dem Antijudaismus entgegenwirken, die bürgerliche Mündigkeit und Gleichberechtigung sowie die Gleichstellung von Jungen und Mädchen im religiösen Bereihc fördern, wie man sie im zeitgenössischen Protestantismus verwirklicht sah. Und so sorgte der Beersche Haskala-Tempel eben nicht nur in musikalischer Hinsicht für Sensationen. 1817 – es ist das Jahr, in dem die Preußen die 300-jährige Wiederkehr des Reformationstages feiern und in dem im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt während der Proben zu Schillers »Die Räuber« ein Feuer ausbricht und das Gebäude vernichtet – vermeldet die Zeitschrift Sulamith:
“Aus einem Briefe aus Berlin. ‚Kurz vor der Abreise des Herrn Dr. Kley nach Hamburg, woselbst er als Direktor der neuen jüdischen Freischule angestellt worden ist, seegnete derselbe in dem prächtigen Beerschen Tempel allhier zwei Töchter jüdischer Eltern, (Demoiselle Bernsdorf und Demoiselle Bevern) auf eine äußerst feierliche Weise ein. Eine Versammlung von 400 Personen, so viel der Tempel nur fassen konnte, zerfloß, so zu sagen, in Thränen. Alle Anwesenden wurden von der vortrefflichen Predigt dieses guten Redners und durch diese feierliche Einsegnung sehr erbaut. Die angezündeten Lichter, die beiden Mädchen, die ersten in Israel, welche confirmirt wurden, ihre Prüfung mit dem größten Lobe bestehend; kurz, Alles machte dieses zu einem der feierlichsten und schönsten Feste‘“.

Diese Zeremonie hatte noch mehr Ähnlichkeit mit einer Konfirmation als mit einer Bar/Bat Mizwa, wie wir sie kennen; die Mädchen wurden geprüft, aber haben noch nicht aus der Tora gelesen. Doch allein die Tatsache, dass sie im Beerschen Tempel nicht wie in der traditionellen Synagoge separiert hinter einer Wand oder auf einer Frauenempore, sondern auf der gleichen Ebene agieren durften, brachte der Feier besondere Aufmerksamkeit und neben enthusiastischem Zuspruch auch vehementen Widerstand ein. Ein Jahr später gab es ein ähnliche Zeremonie auch in Hamburg, doch 1823 erließ Preußen ein Verbot von Reformgottesdiensten und damit auch der jüdischen Konfirmation, so dass noch viel Zeit die Spree herunterfließen sollte, bevor hier wieder Mädchen zum Zug kamen…
Unsere ersten zwei Bat Mizwa-Mädels waren also „Demoiselle Bernsdorf und Demoiselle Bevern“. Mehr wird über sie nirgendwo berichtet. Und ich habe mich gefragt, ob sich über die Beiden und ihre reformbegeisterten Familien nicht mehr finden lässt. Sie müssen ja 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein und so viele jüdische Bernsdorfs und Bevern kann es in Berlin nicht gegeben haben. Also die Adressbücher, Akten des Staatsarchivs, der Kirchenbücher und anderer überlieferter und glücklicherweise teilweise digitalisierter Dokumente wälzen. Und tatsächlich, da finden wir sie: zwei Henrietten…
Unser erstes Fräulein war HENRIETTE BEVERN, 1805 in Berlin geboren, und Tochter des Arztes Dr. Joseph Bevern (1770–1820) aus Inowrazlaw (Hohensalza), einer der ersten promovierten jüdischen Ärzte in Preußen. Joseph Beverns Dissertation von 1794 an der Universität Halle ist erhalten, ebenso eine Publikation von 1802 („Beschreibung eines zweijährigen durch eine zu frühzeitige Entwickelung monströsen Kindes nebst Sectionsbericht“) im von Christoph Wilhelm Hufeland herausgegebenen „Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunde“. Doch leider war nichts über seine Vorfahren und nichts über seine Frau herauszufinden, also Henriettes Mutter.

Laut Königlich Preußischem Stadtgericht Berlin hat Henriette Bevern 1830 den Kaufmann und Bankier Jacob Eduard Kle(e)mann (1799–1861), Neue Promenade 4, später Königstraße 26, geheiratet. Er war der Sohn von Isaac Jacob Kle(e)mann, Klosterstraße 64, Kaufmann aus Prenzlau und seiner Frau Jeanette Bernsdorf aus Berlin – sie eine Tochter von Samuel Samuel Nathan Bendix Bernsdorf, seinerseits Kaufmann und Mitglied der Direktion der „Gesellschaft zur Förderung der Industrie“ und von Sara Bamberger, die beide ebenfalls schon in Berlin geboren worden waren, während ein Teil der Familie ursprünglich aus Halberstadt stammte.

Aus dem Matrikelbuch geht hervor, dass Jacob Klemann vorher schon mit Henriettes Schwester Johanna Bevern verheiratet war. Sie war nämlich 1826, ein Jahr nach der Hochzeit und vier Tage nach der Geburt ihres ersten Kindes – Gustav (der sich als Erwachsener hat taufen lassen) am „KIndbettfieber“ gestorben. Jacob hat also vier Jahre später ihre fünf Jahre jüngere Schwester Henriette, unsere Bat Mizwa, geheiratet und vermutlich seinen kleinen Sohn mit in die Ehe gebracht. Die Trauungen hat Dr. Auerbach vorgenommen. Ziemlich sicher handelt es sich bei ihm um Rabbiner Isaac Levin Auerbach, Sohn von Lewin Isaak Auerbach, Rabbiner von Inowrazlaw, und Bruder von Baruch Auerbach, dem Gründer des jüdischen Waisenhauses in Berlin, der sich zusammen mit Zunz, Jacobson & Co in Berlin für Reformen im Judentum stark gemacht hat.
Henriette bekam mit Jacob Eduard noch zwei eigene Kinder: 1831 Hermann, der mit drei Jahren starb und 1841 Paul Eduard, der sich selbst mit 16 Jahren und nach deren Geburt auch seine Tochter hat taufen lassen, Kaufmann wurde und 1915, mit 74 Jahren in Charlottenburg verstorben ist. Henriette und Jacob lebten jedenfalls in den 1830er und 40er-Jahren, wie aus den Geburtseinträgen ihrer Söhne hervorgeht, an einer feinen Adresse: Monbijou Platz 3.
Und es ist gut möglich, dass es sich bei dem „Rentier Eduard Kleemann“, der 1855 die „Kleemann’sche Stiftung“ eingerichtet hat, die jährlich zwei Stipendien für Studierende der Mathematik oder Naturwissenschaften vergeben und bis mindestens 1914 bestanden hat, um Henriettes Ehemann handelt. Während sich die Familie ihres Ehemanns bis mindestens Mitte des 17.Jahrhunderts zurückverfolgen lässt, war über sie und ihre Familie nicht mehr herauszufinden.

Anders bei unserem zweiten Fräulein, „Demoiselle Bernsdorf“. Sie wurde als HENRIETTE ELISABETH BERNSDORF 1804 ebenfalls in Berlin geboren, und ist 1873 auf einem Gutshof der Familie in Kleinbeeren gestorben. Ihr Vater war Michael Nathan Bernsdorf, 1774 in Berlin geboren, eins von acht Kindern des Kaufmanns Samuel Nathan Bendix Bernsdorf(f) und der Sara Bamberger. Aha, und hier sehen wir, dass die beiden Henriettes außer ihrer gemeinsamen „jüdischen Einsegnung“ noch etwas gemeinsam hatten; in beider Stammbaum taucht der Name Bernsdorf auf. Michael, der Vater von Henriette Bernsdorf und Jeanette, die Mutter von Henriette Beverns Ehemann Jacob waren nämlich Geschwister – Henriette Nr. 1 hat also den Cousin von Henriette Nr. 2 geheiratet.
Henriette Bernsdorfs Mutter – Liebchen Koreff, die 1785 in Breslau geboren wurde – war wiederum die Tochter von Joachim Salomon Koreff und Jette Mina Kuh aus Prag. Und deren Mutter, Sarah Ephraim, also die Ur-Großmutter von unserem Fräulein, war eine Schwester von Veitel Heine Ephraim, dem berühmten königlich preußischen Hoffaktor, Juwelier und Bankier, Inhaber einer Gold- und Silbermanufaktur in Berlin und Potsdam, Erbauer und Namensgeber des Ephraimpalais in Berlin. Er hatte in seinem Testament die Gründung einer jüdischen Lehranstalt für Talmud und jüdische Wissenschaft in Berlin verfügt, die 1783 unter dem Namen Veitel Heine Ephraimsche Lehranstalt eröffnet wurde und bis zum Beginn der NS-Zeit bestand.
Kein Wunder also, dass bei dieser Verwandtschaft Henriettes Heiratseintrag zeigt, dass auch sie mit ihren Eltern zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit im Januar 1825 an einer noblen Adresse gelebt hat: Unter den Linden 35, und dass auch hier Dr. Auerbach die Trauung zelebriert hat.

Henriettes Bernsdorf hat den in Potsdam geborenen Kaufmann Philipp Sigismund Be(e)rend, Sohn des Bankiers Samuel Bacher Berend aus Posen und seiner Frau Rebecca Wullff, geheiratet. Auch sie haben Unter den Linden 35, und weitere Familienmitglieder Unter den Linden 19 gewohnt. Ihrer Gräber findet man noch auf dem Friedhof Schönhauser Allee, während die Generation von Veitel Ephraim noch auf dem alten Friedhof in der Großen Hamburger Straße begraben wurde.

Henriette Bernsdorf und Philipp Berend haben sieben Kinder bekommen, vier Mädchen und drei Jungen, von denen einer nur sechs Monate alt wurde. Auch ihre Kinder sind alle zum Christentum übergetreten und haben Nichtjuden geheiratet. Zwei der Töchter, Philippine und Hedwig, haben zwei Brüder geehelicht, die adligen Ostpreußen Johann Ludwig Wilhelm Joseph von Hatten und Wilhelm Stanislaus von Hatten. Letzterer ist mit seiner Frau, also der Enkelin von Henriette, in den 1880er-Jahren nach Amerika ausgewandert.
Doch eine Tochter unser ersten Bat Mizwa ist noch zu einer gewissen Berühmtheit gelangt und „hängt“ heute im Museum. Denn sie – Marie Elise Berend – hat (kirchlich, versteht sich:) in die Begas-Maler-Dynastie eingeheiratet. Ihr Mann war der Porträt- und Historienmaler Hiob Carl Oscar Begas (1828–1883), der älteste Sohn von Carl Joseph Begas „der Ältere“ und Bruder von Reinhold Begas, Adalbert Begas sowie Carl Begas „der Jüngere“. Er, der auch zum Mitglied der Akademie der Künste und zum Professor ernannt wurde, Marie Elise selbst und ihre zehn Kinder sind auf dem Alten Friedhof Wannsee begraben, wo die Familie ihren Sommersitz hatte. Und Begas hat seine Frau und seine Töchter gemalt. So dass wir zwar kein Bild von unserer „Demoiselle Bernsdorf“ haben, aber zumindest Bilder ihrer Tochter und zweier ihrer Enkelinnen.
Dem Judentum ist offenbar keines der Kinder der Demoisellen, „der ersten in Israel, welche confirmiert wurden“, erhalten geblieben.


